29. Mai 2020 - 10:18 / Ausstellung / Geschichte 
7. März 2020 30. August 2020

Immer schon erbaten Menschen Beistand von himmlischen Instanzen. Schutzheilige gab es für alles, was die menschliche Existenz beeinträchtigte oder gar bedrohte. Im Mittelalter kristallisierte sich eine Gruppe von Heiligen heraus, die ähnlich einer frühen Bündelversicherung alle Alltagssorgen und -nöte abdeckte: die 14 Nothelfer.

Über Jahrhunderte hinweg war ihre Anrufung ein zentraler Bestandteil der Lebensbewältigung. In Vorarlberg haben sich ein gutes Dutzend sakraler Darstellungen der Nothelfer in Kirchen, Kapellen und auf Bildstöcken erhalten. Die Ausstellung, zu der auch ein Buch erschienen ist, stellt diese Orte vor, erzählt aus dem Leben und Wirken der 14 Nothelfer und geht auf ihre Kennzeichen, Attribute und Legenden ein. Dabei wird auch die Gegenwart nicht ausgeklammert.

Himmlische Bündelversicherung

Die 14 Nothelfer sind wohl das eleganteste Modell, das sich im Zuge der katholischen Heiligenverehrung herausgebildet hatte. Die Logik dahinter dürfte eine einfache und bodenständige gewesen sein: Wenn es hilft, in der Not einen Heiligen anzurufen, umso mehr muss es dann helfen, viele Heilige gleichzeitig anzurufen. Eine ganze Truppe muss auf jeden Fall noch stärker sein als ein einzelner Kämpfer. Ob die himmlische Fürsprache tatsächlich nach solchen Prinzipien strukturiert ist, sei dahingestellt; es ist menschliche Logik. Den einfachen Menschen in ihrer Not jedenfalls half dieser simple Gedanke der Vermehrung von Hilfe. Die Vierzehn decken zudem alle Lebensbereiche ab und wenn etwas nicht dabei ist, dann schaffen sie es sicher gemeinsam. Vielleicht kommt noch hinzu, dass man sich schwerlich alle Schutzprivilegien der einzelnen Heiligen merken konnte; den falschen oder die falsche wollte man ja auch nicht erwischen. So entsteht im Spätmittelalter die erste Form der Bündelversicherung: Ruft man alle zusammen an, ist sicher das Richtige dabei!

Drei Frauen und elf Männer

Bis auf den Einsiedler Ägidius sind alle Nothelfer Märtyrer. Menschen, die bis ins 3. Jh. n. Chr. wegen ihres Glaubens verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Sie waren Heldinnen und Helden und dienten als Vorbilder, sie boten Orientierung und machten Mut. Dass es für ihr Leben kaum historische Belege gibt, spielte keine Rolle. Im Gegenteil, die biografischen Lücken wurden mit abenteuerlichen Heldengeschichten gefüllt: Die Märtyrer überlebten Kämpfe mit Drachen, Bäder im kochenden Öl und konnten von ihren Gegnern meist nur durch Enthauptung gestoppt werden. Diese Legenden sind heutigen Fantasy-Geschichten nicht unähnlich, sie punkten beim Publikum mit Nervenkitzel und einer Prise Horror. Jede Zeit hat ihre Helden. Heute sind es Sportler, Popstars oder Filmschauspieler, früher waren es neben anderen eben Heilige. Je heldenhafter ihre Geschichte, desto mehr traute man ihnen zu. Aber es ging den Gläubigen nicht primär um Unterhaltung, die Heiligenverehrung war ein zentraler Bestandteil der Lebensbewältigung. Man vertraute sich in seinen Ängsten und Nöten den himmlischen Mächten an, bat sie um existentielle Dinge: Schutz vor schlechtem Wetter, um eine gute Ernte oder Heilung von einer Krankheit. Letzteres war eine lebensverlängernde Maßnahme, an jeder Ecke lauerten mittelalterliche Scharlatane und Kurpfuscher.

Berufsgruppen und Stände hatten Nothelfer als Schutzpatrone, heute noch rufen Kraftfahrer den Heiligen Christophorus und Bergleute die Heilige Barbara an. Ansonsten haben zumeist Institutionen die Rolle der Nothelfer übernommen: die Seelsorge, das Krankenhaus, die Hospizbewegung, wenn etwa bei Sterbenden Hilfe nur noch in Form einer Begleitung möglich ist. Und der Markt, wenn man an die vielen zweifelhaften, aber heilsversprechenden Gesundheitsprodukte denkt.

Die 14 Nothelfer sind: Achatius, Ägidius, Barbara, Blasius, Christophorus, Cyriakus, Dionysius, Erasmus, Eustachius, Georg, Katharina, Margareta, Pantaleon und Vitus.

Die Ausstellung

In Vorarlberg gibt es ein gutes Dutzend sakraler Darstellungen des Motivs der 14 Nothelfer. Zu den beeindruckendsten Beispielen zählen Bildstöcke im Walgau, die Deckenbilder in den Pfarrkirchen von Bartholomäberg und Partenen sowie vor allem die Altarbilder in Ludesch, Dalaas oder Tisis. Da die originalen Darstellungen meist an den jeweiligen Ort gebunden sind, sind in der Ausstellung lebensgroße Fotografien der Heiligen zu sehen – in acht aufklappbaren Flügelaltären, wo sich die Besucherinnen und Besucher über die Heiligen, die Wetterregeln und die Formen der Verehrung informieren können (ebenso unter » www.vorarlbergmuseum.at ).

An Originalen werden Ölgemälde mit Nothelfer-Darstellungen gezeigt, allesamt Leihgaben aus Vorarlberg. Heiligenlegenden werden in Hörstationen erzählt und heutige Nöte grafisch den jeweiligen Nothelfern zugewiesen – auch mit Hinweisen auf weltliche Bewältigungsstrategien. Heiligenfiguren aus der Sammlung des Vorarlberg Museums vervollständigen die Nothelfer-Ausstellung im Atrium, unter anderem eine kleine Skulptur des in einem Kochtopf steckenden Heiligen Vitus und der "falsche Georg" aus dem Kristberger Flügelaltar.

Der "richtige Georg" aus dem Kristberger Flügelaltar

Der Kristberger Flügelaltar ist ein Prunkstück der Vorarlberger Kunstgeschichte. Das Vorarlberg Museum konnte das aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammende Werk süddeutscher Altarbau- und Schnitzkunst vor fünf Jahren erwerben. Und vor kurzem gelang es auf einer Auktion, die originale Schreinmittelfigur – eben den "richtigen Heiligen Georg" – zu ersteigern. Der Kristberger Flügelaltar ist in seinem ursprünglichen Zustand nun in der Ausstellung "vorarlberg. ein making-of" zu sehen.

Der Heilige Georg, oft zu Pferd im Kampf mit einem Drachen dargestellt, gilt als Vorbild christlicher Tapferkeit. Er ist der Patron der Kreuzfahrer, Soldaten und Reiter, aber auch der Spitäler, Siechenhäuser, der Pferde und des Viehs.

Die 14 Nothelfer - Das himmlische Versicherungspaket
6. März bis 24. Mai 2020
Kuratoren: Markus Hofer und Andreas Rudigier
Im Atrium des Vorarlberg Museums

Vorarlberg Museum
Kornmarktplatz 1
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 46050
E: info@vorarlbergmuseum.at
W: http://www.vorarlbergmuseum.at

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  •  7. März 2020 30. August 2020 /
Vierzehn Nothelfer, Gemälde aus dem Kirchendepot in Lorüns, unbekannter Künstler, um 1780, Motafoner Museen, Foto: Dieter Petras
Vierzehn Nothelfer, Gemälde aus dem Kirchendepot in Lorüns, unbekannter Künstler, um 1780, Motafoner Museen, Foto: Dieter Petras
Hll Vitus, 19. Jahrhundert, Foto: Markus Tretter
Hll Vitus, 19. Jahrhundert, Foto: Markus Tretter
Vierzehn Nothelfer mit heiliger Maria mit Kind, Kruzifix und Dreifaltigkeit, Bildstock Nenzing-Gafrenga,unbekannter, Foto: Dieter Petras
Vierzehn Nothelfer mit heiliger Maria mit Kind, Kruzifix und Dreifaltigkeit, Bildstock Nenzing-Gafrenga,unbekannter, Foto: Dieter Petras
Hl. Georg, die originale Mittelfigur des Kristberger Flügelaltars, Foto: Arno Gehrer
Hl. Georg, die originale Mittelfigur des Kristberger Flügelaltars, Foto: Arno Gehrer
Christus am Ölberg und die Vierzehn Nothelfer, Gemälde aus der Sebastianskapelle in Satteins, Franz Anton Simon, um 1740, Foto: Dieter Petras
Christus am Ölberg und die Vierzehn Nothelfer, Gemälde aus der Sebastianskapelle in Satteins, Franz Anton Simon, um 1740, Foto: Dieter Petras