20. März 2019 - 5:30 / Film 

In der Grazer Helmut List-Halle startete gestern die Diagonale mit Marie Kreutzers Spielfilm „Der Boden unter den Füßen“. Das Drama um eine perfektionistische Unternehmensberaterin, deren scheinbar feste Fassade nach einem Selbstmordversuch ihrer psychisch kranken Schwester zunehmend zerbröckelt, konnte aber nicht ganz überzeugen.

Stolz ist die Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner) eine so genannte 48er zu sein, eine Frau, die auch einmal eine 48-Stunden-Schicht ohne Schlaf durcharbeiten kann. Freunde und ein Privatleben scheint es für sie nicht zu geben. Ganz für den Beruf lebt sie, der höchste Anforderungen an sie stellt.

Gegenwärtig wickelt Lola mit ihren Kollegen eine Firma in Rostock ab. Mitgefühl kann oder will sie sich nicht leisten, das individuelle Schicksal von Angestellten der Firma, die umstrukturiert wird, kann sie, wie sie selbst sagt, nicht interessieren und betont, dass durch die Kündigungen wenigstens die Firma vor dem Bankrott gerettet wird. Fehler kann sie sich nicht erlauben, aufsteigen möchte sie in ihrem Beruf. Diesem Zweck scheint auch die aufs Sexuelle reduzierten Beziehung zu diesen, die sie heimlich mit ihrer Vorgesetzten Elise (Mavie Hörburger) pflegt.

Detailreich und präzise, aber auch reichlich klischeehaft schildert Marie Kreutzer in ihrem vierten Spielfilm dieses Milieu zwischen Sitzungen mit Mitarbeitern, Besprechungen mit Kunden, Abendessen mit Geschäftspartnern. Dazu kommt frühmorgendliches (oder auch nächtliches) verbissenes Fitnesstraining auf dem Hometrainer, um sich selbst zu perfektionieren und abzuhärten quasi sich für den Arbeitstag zu stählen.

Der zügige Schnitt und die Effizienz der knapp gehaltenen Szenen korrespondieren mit der Funktionalität dieser Welt, der sehr dosierte Musikeinsatz verstärkt deren Nüchternheit. Geschickt evoziert Kreutzer auch mit einer weitgehend auf Blau, Weiß und Grautöne reduzierten Farbpalette, der spätherbstlichen Jahreszeit, sterilen Büroräumen und einem Leben im Hotel ein Klima der emotionalen Kälte.

Auch die leere Wohnung in Wien, die Lola kaum einmal benützt, kann als Metapher für ihre innere Leere gelesen werden. Unbehaust ist sie, agiert stets völlig kontrolliert und sachlich, hält alles Persönliche von sich fern und hat auch ihre Familiengeschichte von sich verdrängt. Auf taube Ohren stößt die Aufforderung einer Kollegin, dass sie sich doch mal frei nehmen soll.

Erschüttert wird der durchgeplante Alltag Lolas aber durch die Nachricht, dass ihre in Wien lebende ältere Schwester Conny (Pia Hierzegger) einen Selbstmordversuch begangen hat. Conny ist das Gegenteil von Lola, war zwar einst nach dem Tod der Mutter Vormund der Schwester, doch inzwischen hat sich das Verhältnis schon lange umgedreht und Lola ist Vormund der an paranoider Schizophrenie leidenden Conny.

Während Lola alles – und vor allem sich selbst – kontrolliert, hat Conny nichts unter Kontrolle. Der Ordnung Lolas steht das Chaos und die Unordnung in Connys Wohnung – wiederum Visualisierung ihrer psychischen Situation – gegenüber. – Reichlich klischeehaft gezeichnet sind diese beiden gegensätzlichen Schwestern.

Nicht länger kann nun Lola, die die Existenz ihrer Schwester bislang vor ihren Arbeitskollegen verheimlicht hat, ihre Familiengeschichte und die Beziehung zu Conny verdrängen. Das Schicksal der Schwester wird zum Katalysator für sie, zunehmend unkonzentrierter agiert sie, langsam lässt der Zwang zur Selbstoptimierung sie zerbrechen, nur sie selbst will nicht ihre eigene Situation nicht wahrnehmen.

So präzise Kreutzers Blick auf die Protagonistin und die Welt der Unternehmensberatung aber auch ist, so uninspiriert ist letztlich doch die Inszenierung. Sorgfältig entwickelt sie die Handlung zwar, doch wirkliche Kraft und Intensität will dieses Drama nie entwickeln. Zu wenig fällt Kreutzer hier ein, keine Szene kann sie entscheidend verdichten, beschränkt sich darauf, unterstützt von ihrer starken Hauptdarstellerin, das Drehbuch zu bebildern. (Walter Gasperi)

Trailer zu "Der Boden unter den Füßen"



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