19. Juni 2019 - 4:21 / Ausstellung 
28. Juni 2019 31. Dezember 2019

Die Materialforschung ist im 21. Jahrhundert zu einer Schlüsseldisziplin geworden. Der materielle Überfluss und die Suche nach Ersatzstoffen fordern die Gesellschaft heraus. Gleichzeitig muss Material technologisch immer mehr können – und dabei leichter und kleiner werden. Es wird intensiv an den optimalen Eigenschaften und der Leistungsfähigkeit herumgetüftelt. Für Designerinnen und Designer eröffnen sich hier spannende Handlungsfelder. In Teams mit Forschenden aus den Disziplinen Chemie, Physik oder Biologie erproben sie die Zukunft und setzen Lösungsansätze gestalterisch um. Denn Materialfragen und neue technologische Verfahren sind seit jeher zentrale Treiber in der Entwicklung innovativer Produkte.

Das Designlabor stellt 29 zeitgenössische und zum Teil eben erst realisierte Projekte vor – eine kleine Auswahl aus der riesigen Vielfalt von Innovationen auf dem Gebiet. Sie sind im Spannungsfeld zwischen nachwachsenden Materialien (Pilze, Bakterien) und technologischen Werkstoffen (mit Keramik beschichtete Textilien, schnell aushärtender Beton) angesiedelt. Experimente mit traditionellen Materialien wie Ton oder Strickgarn stehen Visionen von Materie gegenüber, deren Eigenschaften noch wenig ausgeleuchtet sind. Könnte selbstschäumende Seife medizinisch genutzt werden? Inhaltlich gehen die ausgestellten Materialinnovationen in zwei Richtungen: Auf der einen Seite sind es Projekte, die der Nachhaltigkeit und dem Denken in Kreisläufen verpflichtet sind. Andere Ansätze fokussieren darauf, Materialien und Verfahren mit neuen Technologien leistungsfähiger zu machen.

Schon die Moderne im frühen 20. Jahrhundert verstand es, die jeweils aktuellen Werkstoffe ins rechte Licht zu setzen. Über heissem Dampf gebogenes Holz für Stühle, Telefonhörer aus Bakelit als Vorboten von Plastik, Aluminium als Material, das zugleich hart, leicht und formbar ist: Am Ausstellungseingang versammelt ein «Kabinett» Design-Stücke aus den Sammlungen des Museums, die Materialgeschichten erzählen. Von einigen Objekten lassen sich Brücken zur Gegenwart schlagen. Anhand der Entwicklung von Milchverpackungen wird deutlich, wie Material, Funktion und Gestaltung sich gegenseitig befruchtet haben, um die jeweiligen Nutzerbedürfnisse zu befriedigen.

Ein weiterer Ausstellungsteil zeigt ausgewählte Fallbeispiele, die den Fokus der Gestaltung auf die Nachhaltigkeit und das Denken in Kreisläufen veranschaulicht. Denn es sind zunehmend zusammengesetzte oder auf Basis von Erdöl hergestellte Materialien im Umlauf. Das schafft Probleme für Umwelt und Gesundheit. Was ohne Dübel oder Schrauben dauerhaft verklebt oder aus Kunststoff gemacht ist, landet am Ende der Verwertungskette auf dem Müll. Das Umdenken und der Griff zu nachhaltigeren Stoffen und Herstellungsverfahren hat mittlerweile auch die Wirtschaft erreicht. So ist das Denken und Handeln in Kreisläufen nun oft Teil des Umgangs mit Material. Die Ausstellung präsentiert Design aus Abfallmaterial (aus der Eier- oder Fleischproduktion), Textil, das aus Bananenfasern gewonnen wird oder Schuhe aus Pilzsporen, die während der Reise zum Mars zukünftig selber gezüchtet werden könnten.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Ansätzen, bei denen neue Technologien Materialien und Verfahren leistungsfähiger machen. Material und Technik sind heute enger miteinander verknüpft denn je. Sinnbildlich stehen dafür digitale Herstellungsprozesse. Diese erobern immer neue Anwendungsbereiche. Was noch vor wenigen Jahren nach Science-Fiction tönte, ist Alltag geworden: Direkt vom Computer gesteuert und robotisch gefertigt werden nicht mehr nur Prototypen, Einzelstücke oder Modelle, sondern gleich ganze Architekturelemente im Massstab 1:1. Bei digitalen Herstellungsprozessen liegt das Potenzial nicht zuletzt auch in einem sparsameren Umgang mit Material.

Im Zentrum des Designlabors steht der grosszügig konzipierte Hands-on-Bereich. Hier kann in der offenen Werkstatt selbständig gestaltet werden. Die wachsende Objektsammlung bietet die Gelegenheit, Materialien sinnlich zu erfahren. Besucherinnen und Besucher sind hier eingeladen, selber interessante Materialmuster beizusteuern. Im Vermittlungsprogramm stehen Workshops und der Austausch mit Materialexperten und Profis der Gestaltung auf der Agenda.

Designlabor: Material und Technik
28. Juni bis 31. Dezember 2019
Vernissage: Do 27. Juni 2019, 19 Uhr

Museum für Gestaltung – Schaudepot
Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96
CH - 8005 Zürich

T: 0041 (0)43 446 67 67

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  •  28. Juni 2019 31. Dezember 2019 /
Billie van Katwijk, Ventri, Leder aus Kuhmagen, 2017, Fotografie: Femke Rijerman, © Studio Billie van Katwijk
Billie van Katwijk, Ventri, Leder aus Kuhmagen, 2017, Fotografie: Femke Rijerman, © Studio Billie van Katwijk
Gramazio Kohler Research, Smart Dynamic Casting, Projektdauer: 2012-2015, 2014 © Gramazio Kohler Research, ETH Zürich
Gramazio Kohler Research, Smart Dynamic Casting, Projektdauer: 2012-2015, 2014 © Gramazio Kohler Research, ETH Zürich
Robert Hahn, This is not a vase, Ausstellungsansicht, 2018, Fotografie: Klehm Mendez, © Robert Hahn
Robert Hahn, This is not a vase, Ausstellungsansicht, 2018, Fotografie: Klehm Mendez, © Robert Hahn