Di, 26.02.2019 / Walter Gasperi / Filmriss
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Nach der autobiographischen Erzählung von Garrard Conley erzählt der Schauspieler Joel Edgerton in seiner zweiten Regiearbeit von einem jungen Mann, dem als Angehörigen einer evangelikalen Gemeinschaft mittels einer "Therapie" seine Homosexualität ausgetrieben werden soll. – Ein geschickt aufgebautes, nüchtern inszeniertes und vor allem von Lucas Hedges in der Hauptrolle stark gespieltes Drama.

Während der englische Titel "Boy Erased" drastisch von einem ausgelöschten Sohn spricht, wird beim deutschen Filmtitel daraus - in Anlehnung an das biblische Gleichnis - ein "verlorener Sohn". Treffender ist freilich das Original, denn in der Tat geht es darum, wie evangelikale Gruppen in den USA versuchen mittels "Therapie" die homosexuelle Identität von jungen Menschen auszulöschen und zu heterosexuellen Menschen zu machen. Laut einer Studie der University of California haben rund 700.000 Amerikaner im Laufe ihres Lebens eine solche "Therapie" durchgemacht und teilweise schwere Schäden dadurch erlitten.

Direkt setzt Joel Edgertons zweiter Spielfilm mit der Einlieferung des jungen Jared in das "Therapiezentrum" "Love in Action" ein, in dem man Homosexuelle umerziehen will. Erst danach wird sukzessive in kurzen Rückblenden Einblick geboten in Jareds langsame Erkenntnis seiner Liebe zu Männern, zwei Erfahrungen mit Männern und die Schwierigkeit sich gegenüber den streng religiösen Eltern als homosexuell zu outen.

Vor allem der Vater, der Prediger ist, kann dies nicht akzeptieren, ist doch die Lehre dieser christlichen Gruppierungen, dass Homosexualität nicht angeboren, sondern eine Entscheidung des Individuums ist, die ihm wieder ausgetrieben werden kann und muss.

Ganz aus der Perspektive von Jared gewinnt der Zuschauer so Einblick in die "Therapie", bei der die "Patienten" am Eingang wie in einem Gefängnis kontrolliert werden und alle privaten Güter wie Handy und Notizblöcke abgeben müssen. Nur tagsüber sind sie zunächst im Zentrum, das schon durch die kahlen weißen Räume und die einheitlich weißen Hemden und dunklen Krawatten der Teilnehmer eine rigide und lustfeindliche Atmosphäre ausstrahlt, wohnen aber in Hotels. Zieht sich die "Therapie" aber länger hin, werden sie auf dem Gelände in Bungalows untergebracht – und damit wohl auch der Druck nochmals erhöht.

Detailreich zeigt Edgerton die Praktiken in diesem Zentrum und lässt Jared mit der Steigerung des dabei ausgeübten psychischen und schließlich auch physischen Drucks zunehmend an dieser "Therapie", über die die Teilnehmer außerhalb nichts erzählen dürfen, zweifeln und sich stärker seiner eigenen Identität bewusst werden. – Die Stoßrichtung des Films ist unübersehbar und unmissverständlich: Die Praktiken in diesen Zentren sollen publik gemacht und vor solchen "Therapien" gewarnt werden.

Konzentriert und leise ist das inszeniert, ganz auf Jared fokussiert, den Lucas Hedges bewegend und feinfühlig als zunächst folgsamen Sohn spielt, der selbst über seine Homosexualität irritiert und beunruhigt ist, überzeugt von der Therapie ist, bis die Erlebnisse ihn zum Zweifeln bringen.

Mit den Eltern von Jared kommen dabei auch unterschiedliche Positionen zu dieser "Therapie" ins Spiel. Denn während für die von Nicole Kidman gespielte Mutter das Wohl des Sohnes im Mittelpunkt steht, die religiösen Regeln dagegen eine untergeordnete Rolle spielen, steht für den Vater – ein Russell Crowe, der seit seinen Action-Rollen für Ridley Scott in "Gladiator" oder "Robin Hood" mächtig an Körperfülle zugenommen hat – die Religion über allem.

Recht kitschig ist bei dem gerade durch den Verzicht auf Spektakel intensiven Drama, bei dem einzig die exzessive musikalische Untermalung stört, allerdings das Ende ausgefallen, wenn die Mutterliebe voll zum Tragen kommt und es auch wieder – analog zu einem Showdown im Western oder Gangsterfilm – wieder zu einer Begegnung zwischen Vater und Sohn kommt.

Dabei werden nun auch die Positionen, wer seine Haltung ändern muss, umgedreht. – Gerade diese Schlussszene macht auch deutlich, dass "Der verlorene Sohn" zwar eine individuelle Geschichte erzählt, aber auf die evangelikalen Christen insgesamt abzielt. Die Haltung des Vaters und seine Entwicklung sollen bei dieser Gruppe insgesamt einen Nachdenkprozess einleiten. Bezweifeln darf man freilich, dass die damit Angesprochenen sich "Der verlorene Sohn" anschauen werden.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu "Der verlorene Sohn - Boy Erased"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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