29. März 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Für meisterhafte, kühle Gangsterfilme steht der Name Jean-Pierre Melville. Nie geht es dabei um Verbrechen und Strafe, sondern immer um Männerfreundschaften und Verrat. Ein Musterbeispiel dafür ist der 1962 gedrehte "Der Teufel mit der weißen Weste - Le doulos", in dem Jean-Paul Belmondo einen dieser wortkargen Protagonisten spielt. Bei StudioCanal ist dieser Klassiker in der Reihe "Arthouse Close-Up" zusammen mit "Vier im roten Kreis" und "Armee im Schatten" auf DVD erschienen.

"Le doulos" bezeichnet im Französischen einerseits den Träger eines Huts, andererseits in der Polizeisprache einen Spitzel. Dieser – zumindest vermeintliche - Spitzel ist hier der von Jean-Paul Belmondo gespielte Silien, der einerseits ein Gangster, andererseits auch mit einem Kommissar befreundet ist.

Jean-Pierre Melville stellt dem Film ein verkürztes Zitat aus Louis-Ferdinand Célines Roman "Mort à credit" voran: "Du musst dich entscheiden … lügen … oder sterben?" Der ganze Fatalismus von "Le doulos" kommt schon in diesem Insert zum Ausdruck. Keine Hoffnung gibt es in den Filmen von Melville, am Ende steht immer der Tod, der freilich die einzige Freiheit zu sein scheint.

Silien träumt zwar ebenso wie sein Freund Maurice (Serge Reggiani) vom Ausstieg aus dem Gangsterwesen, vom ruhigen Leben auf dem Land, doch nie gehen in den Filmen Melvilles diese Träume in Erfüllung. Wenn Menschen in Beziehung zueinander treten, kommt es im pessimistischen Menschenbild des Franzosen unweigerlich zu Verrat.

Weltsicht und Philosophie gehen dabei ganz in einer Krimihandlung auf, werden nie aufgesetzt formuliert. Der kühle Jazz trägt ebenso diese Stimmung wie die Schwarzweißfotografie und die vielen Nachtaufnahmen. Auch die langen Mäntel und die Hüte, die diese Gangster selbst in Wohnungen kaum abnehmen, vermitteln eine düstere Stimmung der Hoffnungslosigkeit.

Einen letzten Coup will der soeben aus dem Gefängnis entlassene Maurice noch landen, doch dieser geht schief und wenig später wird er verhaftet. Zweifel hegt er an der Freundschaft Siliens, dem keiner aus dem Milieu traut. Berechtigt scheinen diese Zweifel auch, hat Silien doch kurz vor dem Überfall die Polizei angerufen und die Freundin von Maurice mit brutalen Mitteln zum Reden gebracht.

Doch die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen. Licht in die Sache bringen erst kurze Rückblenden gegen Ende. Zu spät wird Maurice dabei die Wahrheit durchschauen, seinen Irrtum erkennen und verzweifelt versuchen seinen Freund zu retten. Nur Leichen werden am Ende zurück bleiben.

Hier geht es nicht um Verbrechen und Strafe, um die Jagd auf die Gangster, sondern fast ausschließlich um die Beziehungen unter den Gangstern, um das Vertrauen, von dem hier das Leben abhängt, um Männerfreundschaft, aber auch um Misstrauen und tödlichen Verrat.

Nicht mit schnellem Schnitt, sondern in langen Einstellungen erzählt Melville folglich auch. Nicht um Action geht es, sondern um die Evokation einer Atmosphäre durch Äußeres, aber auch durch einen langsamen Rhythmus, in der schon die ganze melancholische Stimmung der Vergeblichkeit zum Ausdruck kommt. Legendär ist eine neun Minuten 38 Sekunden lange Plansequenz, mit der ein ganzes Verhör auf dem Polizeirevier ungeschnitten eingefangen wird. Wie hier die Kamera zwischen Figuren wechselt und auf engem Raum immer in Bewegung ist, ist ein filmisches Kabinettstückchen.

Große Stringenz in der Inszenierung kennzeichnet "Le doulos". Verknappter noch als die französische Fassung wirkt die deutsche Version, in der für diese DVD die geschnittenen Szenen mit deutschen Untertiteln ergänzt wurden. Neben der deutschen Synchronfassung bietet diese Ausgabe auch die Originalfassung (wahlweise mit deutschen Untertiteln). Extras finden sich allerdings abgesehen von Trailer und Fotogalerie keine. – Was macht das allerdings aus, bei einem entschlackten Meisterwerk. Nichts kann diesem Film das Alter von 50 Jahren anhaben, immer noch macht "Le doulos" süchtig nach mehr Filmen dieses großen Regisseurs.

Trailer zu "Der Teufel mit der weißen Weste - Le doulos"



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