Mo, 04.02.2019 / Kurt Bracharz / Znort
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Nun hat also der "junge, gut aussehende Lederhosenfreak" (© by Peter Kraus, 79) Andreas Gabalier gestern den Karl-Valentin-Orden der Münchner Faschingsgesellschaft "Narrhalla" verliehen bekommen. Schon zur Mitternachtseinlage zum Semperopernball in Dresden am Vortag war er in kurzer Lederhose mit Smoking-Oberteil aufgetreten und hatte sich damit für jeden erkennbar als Wolpertinger geoffenbart. Ein Wolpertinger ist ein seit dem 19. Jahrhundert bekannter Scherz von Tierpräparatoren, bei dem ein Mischwesen aus mehreren Komponenten zusammengesetzt wird, zum Beispiel ein Hase mit Geweih und Flügeln; alle Bestandteile sind echt, aber natürlich von verschiedenen Tieren. Neben um nur ein oder zwei Buchstaben variierenden Schreibweisen wie Woiperdinger, Wulpertinger etc. gibt es auch die Bezeichnungen Oibadrischl (Oberbayern), Rammeschucksn (Oberfranken), Raurackl (ÖO und Salzburg) und historisch, nämlich bei den Brüdern Grimm, Kreißl. Laut Angaben im Münchner Jagd- und Fischereimuseum ernährt sich der Wolpertinger ausschließlich von "preußischen Weichschädeln", vermutlich eine Anspielung auf den Verkauf von präparierten bayerischen Wolpertingern an gutgläubige norddeutsche Touristen. "Kreißl" kommt übrigens von "kreischen", und "Raurackl" erinnert klanglich an einen rauen Lackl, womit wir wieder beim völkischen Rock ’n Roller in Smokingjacke und Krachlederner angekommen wären. Gabalier schlägt nicht immer nur das Wohlwollen seines Stadien füllenden Publikums entgegen. Der 34-jährige Lausbub hat dafür eine Erklärung: "Wenn da so ein Lausbua in der Lederhosn daherkommt, dann mag das schon sein, dass das dem einen oder anderen nicht schmeckt, dass man da solche Massen bewegt."

Bei kritischen Äußerungen gegen den Sänger geht es nicht um Kleinigkeiten, da geht er bis zum Obersten Gerichtshof. Als der Chef des Wiener Konzerthauses im Mai 2017 in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" sagte, dass er im Unterschied zum Wiener Musikverein Gabalier nicht in seinem Haus auftreten lassen würde und dass der Auftritt von Gabalier im Goldenen Saal des Musikvereins ein "Fehler" gewesen sei, sah sich der steirische Barde in eine "rechte Ecke" gedrängt und in seinem wirtschaftlichen Fortkommen beschädigt, da Konzertveranstalter wegen der Aussagen seine Konzerte stornieren würden. Er brachte Wettbewerbsklage auf Feststellung des Schadens und Widerruf wegen Herabsetzung (Ehrenbeleidigung) ein. Die Klagen wurden letztinstanzlich abgewiesen, da die Aussagen des Konzerthaus-Chefs laut Gerichtsurteil durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Wie konnte Gabalier, nur weil er sich gegen das Gendern und für die Liebe vom "Manderl zum Weiberl" ausgesprochen hatte, in die rechte Ecke gedrängt werden? Hat er nicht sogar der Gedankenfreiheit ein Lied gesungen? Hat er nicht 2015 in dem Lied "A Meinung haben" formuliert: "Wos is des bloß, / wo kummt des her / neue Zeit, neues Land/ wo führt des hin?" Mit der "neuen Zeit" kann noch nicht die erst zwei Jahre später realisierte ÖVP/FPÖ-Koalition gemeint gewesen sein. "Wie kann des sein / Dass a poar Leut, / glauben zu wissen, / wos a Land so wü / is des der Sinne einer Demokratie? / Dass ana wos sogt und die andern san stü" Die "poar Leut" waren wohl die Große Koalition, aber wer war mit dem "ana" gemeint, der die anderen verstummen macht? Putin? Soros? "A Meinung ham, dahinter stehn; / den Weg vom Anfang zu Ende gehen; / wenn sei muaß ganz allan, / do oben stehn." Was heute wie eine Hymne auf den Innenminister Kickl klingt, war 2015 vielleicht nur eine Paraphrase auf die bekannte Volksmeinung "Das wird man wohl noch sagen dürfen."

Warum gab es jetzt Proteste wegen der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens? Den haben vor ihm unter anderen Politiker wie Franz-Josef Strauss, Helmut Kohl, Edmund Stoiber und Horst Seehofer, "Kulturschaffende" wie Luis Trenker, Thomas Gottschalk, Til Schweiger, die Klitschko-Brüder und Heino sowie der emeritierte Papst "Benedikt XVI." bekommen, die allesamt mit Karl Valentin nicht das geringste zu tun hatten. Einen Faschingsorden, den Heino trägt, kann auch Gabalier mit Stolz tragen. Übrigens: Gerhard Polt zum Beispiel, bei dem sich Valentin nicht im Grab umgedreht hätte, hat nie einen bekommen.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)