28. Juli 2022 - 11:44 / Martina Pfeifer Steiner / Festival / Oper / Bregenzer Festspiele 

Madame Butterfly von Giacomo Puccini und Sibirien von Umberto Giordano haben so viel Parallelität und könnten in Bregenz nicht gegensätzlicher in Szene gesetzt werden. Die eine Oper als Massenmagnet – je 7.000 Karten für 26 Veranstaltungen werden in einem Sommer aufgelegt – und die andere als Rarität für die wahren Opernliebhaber, nur dreimal im Festspielhaus aufgeführt. Ein Versuch der Betrachtung im Dialog.

Puccini und Giordano wirkten nicht nur zur selben Zeit und waren beide sehr populär, sie kannten sich auch sehr gut. Es verband sie zudem das Interesse für die noch junge Erfindung des Automobils. Ein ziemlich schwerer Unfall mit seinem Gefährt hinderte dann Puccini an der Fertigstellung seiner Madame Butterfly zum Uraufführungstermin an der Mailänder Scala im Dezember 1903. Giordanos Sibiria wurde vorgezogen und war ein großer Erfolg; die Premiere von Butterfly im Februar 1904 ein Desaster. Dies mag an der anti-japanischen Stimmung nach Ausbruch des russisch-japanischen Kriegs gelegen sein, jedenfalls wählten beide ein exotisches Land als Schauplatz ihrer Oper, das sie selbst nie bereist hatten. Beide Libretti stammen von Luigi Illica (bei Butterfly wirkte noch Giuseppe Giacosa mit), der Dirigent war bei beiden Uraufführungen derselbe, ebenso wurde die jeweilige weibliche und männliche Hauptrolle gleich besetzt.

"Zunächst wirken die zwei Opern ähnlich, weil sie aus derselben Zeit stammen, aber bei genauerem Hinhören entdeckt man große Unterschiede, vor allem in der Art, wie die Handlung in Musik gesetzt wird. Puccini ist berechnender, Giordano emotionaler. Aus heutiger Perspektive betrachtet arbeitet Puccini wie ein sehr guter Hollywood-Komponist", sagt der Hausopern-Regisseur Vasily Barkhatov im Interview, und dass Giordano eher dem entstehenden Gefühl in der Musik folge.

Auch die Protagonistinnen haben einiges gemeinsam: Cio-Cio-San wurde als armes Mädchen dem Nakado (gelinde übersetzt: Heiratsvermittler) Goro übergeben, der sie zur Geisha ausbildete und mit 15 Jahren an den amerikanischen Offizier B.F. Pinkerton verkauft. Stephana wurde ebenfalls ganz jung vom Kuppler Gleby zur Kurtisane gemacht, sie sollte sich Fürst Alexis hingeben. Stephana hat sich jedoch Hals über Kopf in den jungen Offizier Vassili verliebt. Während Cio-Cio-San Identität und Glauben aufgibt um US-Amerikanerin zu werden, demutsvoll an die große Liebe glaubt, in der Folge aber von ihrem Geliebten verraten und verlassen im Schmerz vergeht, bleibt Stephana selbstbewusst und selbstbestimmt. Sie folgt Vassili ins sibirische Straflager um dort mit ihm zu leben. Und es ist ein mit Liebe erfülltes Leben. Nein, gar nicht zu schön ist die musikalische Sprache Giordanis für die harten Bedingungen ihrer Realität, sie entspricht dem Glück im Zusammensein des Paares. Bei beiden Opern zeigen die eigenen Kinder die Zeit an, die vergangen ist.

Der Inszenierung von Vasily Barkhatov gelingt es, große Authentizität der Schauplätze zu erzeugen: Im fürstlichen Palais der Edelkurtisane entstehen die Räume mit gezielt eingesetzten Elementen wie dem herunterfahrenden Kronleuchter und den Video-Tapetenprojektionen; genauso die triste sibirische Lagersituation mit den vielen schuftenden Bergwerksarbeiten durch Andeutung des dunklen Stollens sowie die Idylle der Familie mit ihrem Plätzchen unterm Baum. Die orchestralen Zwischenspiele werden gefüllt mit einer Rahmengeschichte als Videoproduktion, wobei La fanciulla (die alte Frau) zurückhaltend auch immer auf der Bühne das Geschehen begleitet. Sie ist in den 1990er Jahren mit einer Urne im Arm von Rom nach St. Petersburg auf Spurensuche ihrer Identität und Vorfahren. Bei dieser dicht-bildlichen Erzählung der Operngeschichte bräuchte es diese Einfügung eigentlich nicht mehr, aber sie ist schlüssig.

Schwerer tut sich bei den ruhigen Zwischenspielen die Inszenierung von Andreas Homoki am See. So spektakulär-eindrucksvoll die Bühne von Michael Levine in ihrer blendend-weißen Stringenz ist, das Räume-bildende ist dort versagt. Die intellektuelle, mit Konsequenz verfolgte Idee des flatternden Papiers wird ab dem zweiten Akt zur großen Einschränkung und Erstarrung. So wunderschön und poetisch die Bewegungen über die Serpentinen der farbenprächtigen Geishas mit ihren Schirmchen, die Aufgeregtheit der Verwandten und vor allem das Huschen über die Landschaft der weißgewandeten Ottokè, der Ahnen, die das Feinstoffliche wunderbar verbildlichen, sind, so zweidimensional bleiben die langen Dialoge, Selbstgespräche und die musikalisch so intensiv ausgedrückten Befindlichkeiten von Cio-Cio-San. Faszinierend wie die Farbstimmungen auf der Bühne übergehen in den Sonnenuntergang am See, die große Kunst der feinen Tuschezeichnungen des japanischen Landstrichs, die gigantische Technik bei der Projektion, die der Akustik sowieso (das wird schon selbstverständlich erwartet). Da wurde ganz präzise gearbeitet! Etwas plakativ jedoch, wie die Amerikaner eindringen, ein aufgerissenes Dreieck für Pinkerton und Sharpless (der vermittelnde Konsul) und ein kleineres für das Ausfahren der phallischen Fahnenstange, was eigentlich etwas zu witzig rüberkommt. Cio-Cio-San bleibt verloren in ihrer Verlassenheit, kaum zu sehen auf der Riesenlandschaft, die ihr auch kein Zuhause – keinen Raum – gibt.

"In erster Linie ist es die Großdimensioniertheit der Emotionen, die Madame Butterfly dafür prädestiniert, auf der Seebühne gespielt zu werden. Eigentlich handelt es sich um ein intimes Kammerspiel, aber Puccinis Musik hebt dieses Spiel auf eine ganz andere Ebene. Puccinis Musik hat uns zuversichtlich gemacht, dass das möglich ist", sagt der Regisseur Andreas Homoki. Im Großen und Ganzen funktioniert das Opernspektakel am See natürlich perfekt, und Massen von Menschen, die ansonsten diese wunderbare Musik nicht tangieren und berühren könnte, erleben in Bregenz eine hochkarätige Aufführung.

Madame Butterfly. Giacomo Puccini. Oper in drei Akten (1904)
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola, Yi-Chen Lin
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Michael Levine
Kostüme: Antony McDonald
Bregenzer Festspielchor | Prager Philharmonischer Chor
Wiener Symphoniker

Sibirien. Umberto Giordano. Tragödie in drei Akten (1903)
Libretto von Luigi Illica
Musikalische Leitung: Valentin Uryupin
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Christian Schmidt
Kostüme: Nicole von Graevenitz
Prager Philharmonischer Chor
Wiener Symphoniker



Die Lichtstimmungen gehen faszinierend ineinander über. © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Die Lichtstimmungen gehen faszinierend ineinander über. © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Bei der Oper Sibirien entstehen die Räume schlüssig durch Tapeten-Projektionen. © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Bei der Oper Sibirien entstehen die Räume schlüssig durch Tapeten-Projektionen. © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Szenerie im sibirischen Straflager. © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Szenerie im sibirischen Straflager. © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Stephana und Vassili leben trotzdem im gemeinsamen Glück © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Stephana und Vassili leben trotzdem im gemeinsamen Glück © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Abendstimmung. Pinkerton hat sich innerlich schon von Cio-Cio-San verabschiedet.  © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Abendstimmung. Pinkerton hat sich innerlich schon von Cio-Cio-San verabschiedet. © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Cio-Cio-San verliert nicht nur ihren Lebenswillen sondern auch sich selbst auf der Bühne .  © Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Cio-Cio-San verliert nicht nur ihren Lebenswillen sondern auch sich selbst auf der Bühne . © Bregenzer Festspiele / Karl Forster