"Wer ist von Moos?" – eine Frage, die eine Journalistin anlässlich einer Ausstellungsbesprechung von 1984 stellte und die bis heute erstaunlich aktuell ist. Denn das Werk von Max von Moos (1903–1979), einem der bedeutendsten Vertreter des Schweizer Surrealismus, entzieht sich nach wie vor einer eindeutigen Lesart. Diese Offenheit trägt wesentlich zu seiner anhaltenden Faszination bei.
Im Kunsthaus Zug wird die Ausstellung "Max von Moos – Die Aufschlüsselung" gezeigt. Ausgehend von den jüngsten Schenkungen werden in der Ausstellung neue Perspektiven auf den umfangreichen Sammlungsbestand und das Œuvre eröffnet. Ausgangspunkt ist das Gemälde „Aufschlüsselung”: Entlang zentraler Themen wird das bekanntlich düstere, zuweilen aber überraschend heitere Werk neu betrachtet, ohne jedoch das Geheimnis seines Werks gänzlich zu entschlüsseln.
Max von Moos zählt zu den zentralen Protagonisten der modernen Schweizer Kunst. Zeitlebens in Luzern verwurzelt, prägte er über fast vier Jahrzehnte als Lehrer an der Kunstgewerbeschule Generationen von Kunstschaffenden. Bis heute gilt er als eine der einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten der Zentralschweiz. In diesem lebendigen sozialen und künstlerischen Umfeld schuf er ein herausragendes Werk, das wesentlich zum Schweizer Surrealismus beitrug.
Dank der jüngsten Schenkungen der Sammlung Peter Thali (2022) und der Max von Moos Stiftung (2024/25) verfügt das Kunsthaus Zug heute über die größten und bedeutendsten Werkgruppen von Max von Moos. Die umfangreiche Erweiterung umfasst Arbeiten aus allen Schaffensphasen – von frühen Kinderzeichnungen bis zu späten Filzstiftarbeiten. Die Ausstellung „Max von Moos – Die Aufschlüsselung” präsentiert diese Neuzugänge nun erstmals und eröffnet einen neuen, vertieften Blick auf das faszinierende Œuvre des Künstlers.
Die Aufschlüsselung
Ausgangspunkt der gleichnamigen Ausstellung ist das geheimnisvolle Gemälde Die Aufschlüsselung (1936). „Aufschlüsselung” bedeutet gemeinhin das systematische Erklären komplexer Dinge mit dem Ziel, Klarheit zu schaffen. Während sich Kunsthistoriker:innen in der Vergangenheit bereits von unterschiedlichen Seiten dem Werk des Künstlers angenähert haben, um es zu entschlüsseln, bleibt eine eindeutige Erklärung seines Schaffens in dieser Ausstellung bewusst aus. Stattdessen wird das oftmals düstere, mitunter aber überraschend heitere Werk von Max von Moos entlang von drei konzeptionellen Strängen betrachtet.
1. Formale Aufschlüsselung: Max von Moos hat unaufhörlich gezeichnet; sein Nachlass umfasst über 20 000 Blätter. Sie zeigen seinen Arbeitsprozess: Motive werden variiert, verdichtet, aufgelöst und neu zusammengesetzt. Die Zeichnungen lassen formale Entwicklungen ablesen, die in seine Gemälde einfließen und von dort zurück in die Zeichnung. Im Dialog zwischen Zeichnungen und Gemälden werden die zentralen Formen, Motive und Inhalte erkennbar, die den Künstler bis zu seinem Tod beschäftigt haben.
2. Kunsthistorische Aufschlüsselung: Anhand ausgewählter Dokumente aus dem schriftlichen Nachlass, von Publikationen, die der Künstler besessen hat, von Fotografien, die ihn vor seinem Werk zeigen, von Ausstellungskatalogen und Zeitungsauschnitten wird die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit des Künstlers sichtbar. Um sein Umfeld sichtbar zu machen, wird sein Werk außerdem punktuell durch Arbeiten von Künstler:innen ergänzt, die ihn beeinflusst haben oder zu seinen Schüler:innen zählten.
3. Selbstaufschlüsselung: Teil der Schenkung der Max-von-Moos-Stiftung ist ein Konvolut von rund 1.000 zeichnerischen Selbstporträts. Deshalb begegnet Max von Moos den Besuchenden der Ausstellung immer wieder in Selbstporträts. Sie zeigen die intensive Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst – ein eindrücklich-obsessiver Akt der Selbstbefragung und Selbstaufschlüsselung.
Durch diese drei Schwerpunkte eröffnen sich neue Perspektiven auf ein vielschichtiges Œuvre und eine schillernde Künstlerpersönlichkeit, ohne jedoch das Geheimnis von Werk und Person gänzlich entschlüsseln zu wollen.
Max von Moos wurde 1903 in Luzern geboren. Seine Mutter war Bibliothekarin, sein Vater Kunstmaler und später Direktor der Kunstgewerbeschule Luzern. 1917 erkrankte er an Tuberkulose und erholte sich an der Riviera sowie in Arosa, wo erste Aquarelle entstanden. Ab 1919 besuchte er die Kunstgewerbeschule und wurde von seinem Vater unterrichtet. Von 1922 bis 1923 studierte er in München bei Johan Thorn Prikker, brach das Studium jedoch verunsichert durch die Begegnung mit alten Meistern in der Pinakothek ab. Nach einer Lehre als Buchantiquar in Basel kehrte er 1929 ins Elternhaus zurück, arbeitete in einer Werbefirma und setzte sich intensiv mit zeitgenössischer Kunst auseinander.
Ab 1931 unterrichtete er an der Kunstgewerbeschule und schuf ab 1934 surrealistische Arbeiten. 1937 folgte seine erste Einzelausstellung in Luzern. In den 1940er-Jahren engagierte er sich politisch, zog sich nach Kritik an seinem Engagement jedoch 1947 zurück. In den 1950er-Jahren entstanden tachistische Werke. 1961 zeigte das Kunstmuseum Luzern eine große Retrospektive. 1966 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Luzern (die Laudatio hielt Max Bill). Nach fast 40 Jahren als Lehrer und Professor an der Kunstgewerbeschule Luzern trat er 1969 in den Ruhestand. In den 1970er Jahren verschlimmerte sich sein Augenleiden, sodass er die Malerei aufgab und stattdessen mit dicken Filzstiften arbeitete.
Max von Moos starb 1979 in Luzern. 1981 wurde eine Stiftung zur Pflege seines Werks errichtet. 2003 wurde erstmals der Max-von-Moos-Förderpreis verliehen.
Max von Moos
Die Aufschlüsselung
24.01.–25.05.2026
Kuratiert von Jana Bruggmann