31. Dezember 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Noah Gordons 1986 erschienener Bestseller über einen jungen Engländer, der im 11. Jahrhundert ins persische Isfahan aufbricht, um dort die Kunst des Heilens zu lernen, bietet sich mit seiner schillernden Hauptfigur, zahlreichen Abenteuern, exotischen Ländern und fremden Kulturen für eine Verfilmung geradezu an. Philipp Stölzl hat daraus einen farbenprächtigen Ausstattungsfilm gemacht, der in der altmodisch-braven Inszenierung aber eine eigene Handschrift vermissen lässt.

Sechs Millionen Mal wurde allein die deutschsprachige Ausgabe von Noah Gordons Bestseller verkauft. Dennoch hat es 27 Jahre gedauert bis der Roman nun verfilmt wurde. Dass hier mit großer Kelle angerührt wird, offenbaren schon die ersten Bilder, wenn die Kamera in grauen und schmutzigen Bildern das "dunkle Mittelalter" in einem englischen Dorf beschwört. Detailreich und sorgfältig ist hier alles arrangiert, kann aber doch den Anschein des Künstlichen nicht ganz ablegen.

Noch stärker spürt man dies bei Totalen von Landschaften und Städten, die einerseits beeindrucken, bei denen man aber andererseits immer das Gefühl hat, dass hier ein hohes Maß an Computeranimation dahinter steckt. Doch die Geschichte, die Stölzl handwerklich sauber, aber auch sehr bieder erzählt, ist stark genug, um das Interesse des Zuschauers wach zu halten.

Echte dramatische Steigerung fehlt angesichts der Handlungsfülle und der rasch wechselnden und zu wenig ausformulierten Szenen zwar, dennoch plätschert die Handlung gefällig dahin. Szene reiht sich an Szene, einziger echter Regieeinfall Stölzls ist es, das Bild einzufrieren, sooft der Protagonist Rob Cole (Tom Payne) einem Patienten die Hand auf das Herz legt und dabei dessen nahen Tod fühlen kann. Mehr als alle prächtigen Bilder prägt sich dieser Moment ein.

Beim Tod der Mutter, die an Seitenkrankheit, mit der hier die Blinddarmentzündung bezeichnet wird, hat Rob diese Gabe zum ersten Mal gespürt. Um solche Unglücke in Zukunft zu verhindern, schließt er sich als elternloser Junge einem herumziehenden Bader (Stellan Skarsgard) an, um die Heilkunst zu lernen. Als er erfährt, dass im persischen Isfahan von Ibn Sina oder Avicenna Heilkunst auf ganz anderem Niveau als im chritlichen Europa unterrichtet wird, bricht Cole in den Orient auf.

Weitgehend ausgespart wird gegenüber Gordons 850seitigem Roman die Reise. Auf die Verabschiedung vom Bader bei Dover versetzt Stölzl Cole mit einem Schnitt schon nach Ägypten, von wo er mit einer Karawane nach Persien aufbricht. Da im islamischen Gebiet Christen verfolgt, Juden aber toleriert werden, gibt er sich als Jude aus und kann in Isfahan sogar Ibn Sina bewegen, ihn in seine Schule, die Madrassa, aufzunehmen. In warmen Brauntönen und leuchtendem Sonnenlicht wird dieses Zentrum der fortschrittlichen islamischen Welt des Mittelalters dem düsteren England gegenüber gestellt.

Abweichend von der Vorlage bringt Stölzl in Isfahan als Gegenpol zum tyrannischen, aber laizistischen und der Forschung gegenüber offenen Schah fundamentalistische Mullahs ins Spiel, die den weltlichen Herrscher stürzen wollen und auch zu Judenpogromen aufrufen. Unübersehbar als Spiegelbild der aktuellen Gegensätze in der islamischen Welt ist diese Konstellation angelegt, doch werden diese Bezüge nicht weiter akzentuiert, sodass "Der Medicus" eben nicht über gediegenes Ausstattungskino hinauskommt.

Wie einer der Abenteuervierteiler wie "Der Seewolf", "Lockruf des Goldes" oder "Michael Strogoff - Der Kurier des Zaren", die von 1964 bis 1983 alljährlich in der Advents- oder Weihnachtszeit im ZDF ausgestrahlt wurden, wirkt diese Produktion. Nur folgerichtig ist somit auch, dass "Der Medicus" nach der Kinoauswertung in einer längeren und mehrteiligen Fassung ins Fernsehen kommen soll.

Trotz aller Schauwerte, trotz solider Besetzung, zu der auch Ben Kingsley gehört, der mit seiner Darstellung des Ibn Sina wieder einmal an seinen "Gandhi" anknüpft, aber in keiner Szene überrascht, fehlt "Der Medicus" einfach das gewisse Etwas, das einen Kinofilm auszeichnen sollte. – Kein Esprit, keine Originalität und keine Leidenschaft des Regisseurs, der in "Nordwand" doch so mitreißend zu erzählen verstand, sind hier zu finden. Zu sehr verlässt sich Stölzl auf Kulissen und Handlungsreichtum, nimmt sich aber, um wirklich zu packen, zu wenig Zeit für die differenzierte Zeichnung von Figuren und ihren Beziehungen sowie für die Herausarbeitung von Szenen und der verschiedenen Konflikte.

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Trailer zu "Der Medicus"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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