Der Manor Kunstpreis Aarau 2026 geht an Shamiran Istifan (* 1987). Die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung dient der Förderung junger Schweizer Kunst und bietet Anlass für eine Einzelausstellung mit Publikation im Aargauer Kunsthaus. Die Ausstellung und die Preisübergabe finden im Frühjahr 2026 statt.
In ihren installativen Werken erforscht Shamiran Istifan die Komplexität des sozialen Zusammenlebens. Sie setzt sich mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit auseinander, die für in zwei Kulturen aufgewachsene Generationen von zentraler Bedeutung sind. Dabei nutzt sie unterschiedliche Medien wie Video, Skulptur und Textil und knüpft ästhetisch an die Symbolik, Mythologie und Popkultur eines von der Diaspora geprägten Kulturraums an. Istifan ist in Baden geboren, gehört der assyrisch-aramäischen Exilgemeinschaft an, einer Minderheit aus dem Nahen Osten. Vor ihrer Tätigkeit als Künstlerin unterrichtete sie an Schulen und arbeitete als Journalistin. Dies spiegelt sich in ihrer Kunst wider: Istifan lässt sowohl subjektive Beobachtungen als auch Recherchen in ihr Schaffen einfließen.
Werke wie die Videoinstallationen „Ex Amore Vita: Ladies’ Room“ (2021) und „Trip to Jerusalem“ (2022) sowie die bei den diesjährigen Swiss Art Awards gezeigte Skulptur „The Lease Is Almost Up“ (2025) machen auf vielschichtige und dennoch direkte Art und Weise sichtbar, wie Klasse, Geschlecht und Zugehörigkeit Politik, Gesellschaft und zwischenmenschliche Beziehungen formen.
In „Ladies' Room” inszeniert die Künstlerin mit drei Waschbecken und einer Videoarbeit eine öffentliche Toilette und spiegelt diese als sozialen Schutzraum und Ort der Zugehörigkeit einer spezifischen Community wider. In „Trip to Jerusalem” hingegen wird die Komplexität und Fragilität von Identität in unserer globalisierten Welt satirisch kommentiert. Stühle, die mit metallisch glänzendem Stoff überzogen sind, sowie eine daran angebrachte Videoarbeit evozieren das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem”. Das Werk integriert Elemente aus der Reality-TV-Kultur sowie Anspielungen auf kosmetische Operationen zur Entfernung ethnischer Merkmale. Es setzt sich mit der Beständigkeit kultureller Codes ebenso auseinander wie mit der Objektivierung weiblicher Körper.
Kulturelle Symbole und die Folgen bestimmter, auf Geschlecht, Klasse oder Zugehörigkeit basierender Machtverhältnisse thematisiert Shamiran Istifan schließlich auch in ihrer neuesten Skulptur „The Lease Is Almost Up”. Sie spielt mit der Struktur auf der Rück- und Vorderseite des Tarlati-Altars aus dem 14. Jahrhundert und macht so auf blinde Flecken der Erinnerungsarbeit und der Archivierung aufmerksam.
In der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus anlässlich des Manor Kunstpreises werden Neuproduktionen und Weiterentwicklungen bestehender Werke gezeigt.
Der Manor Kunstpreis, der 2022 sein 40-jähriges Bestehen feierte, ist einer der wichtigsten Förderpreise für das zeitgenössische Kunstschaffen in der Schweiz. Er wurde 1982 von Philippe Nordmann ins Leben gerufen, um jungen Schweizer Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten. Er wird jährlich und alternierend in den Städten Aarau, Basel, Biel, Chur, Genf, Lausanne, Luzern (für die Zentralschweiz), Lugano, Schaffhausen, Sitten, St. Gallen und Winterthur von einer Fachjury vergeben. Ein Blick auf die Liste der Preisträger:innen zeigt, dass der Manor Kunstpreis einer ganzen Reihe von Künstler:innen den Weg zum internationalen Durchbruch geebnet hat. Manor gratuliert den Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich und wünscht ihnen viel Erfolg auf ihrem weiteren künstlerischen Werdegang. (www.manor.ch/de/u/kunstpreis)
Die Preisübergabe an Shamiran Istifan erfolgt an der Vernissage im Frühling 2026, mit der Vergabe des Preises ist neben der Ausstellung auch die Veröffentlichung einer Publikation verbunden.
Shamiran Istifan ist 1987 in Baden geboren. Nach einem Bachelor-Studium an der Pädagogischen Hochschule Zürich (2013) absolvierte sie einen Master in Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste (2020). Heute lebt und arbeitet sie als bildende Künstlerin in Zürich.