1. März 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Ein Mann hat seine kriminelle Vergangenheit schon Jahre hinter sich gelassen, doch dann trifft er wieder auf seine alte Bande. Anthony Mann entwickelt aus diesem klassischen Westernthema einen grandiosen, in freier Natur spielenden Film, bei dem nicht Action, sondern die Beziehungen zwischen den Figuren im Mittelpunkt stehen. Koch Media hat Manns letztes Meisterwerk auf DVD herausgebracht.

Durch die endlos weite Landschaft nähert sich ein Westerner auf seinem Pferd langsam dem Bildvordergrund. Das Cinemascope-Format betont nicht nur die Weite des Raums, sondern vermittelt auch eine Ahnung von der Zeit, die nötig ist, um diesen Raum zu überwinden. Von der Wildnis kommt der wortkarge Mann schließlich in eine Stadt, zu einem Saloon und zum Bahnhof der Eisenbahn, die ihm völlig fremd ist und ihn verunsichert.

Mit Skepsis folgt man diesem Mann, der sich beim Einstellen des Pferdes als Link Jones (Gary Cooper) vorstellt, dann aber dem Sheriff gegenüber, der ihn zu erkennen glaubt, einen anderen Namen angibt: Ein Geheimnis muss er mit sich tragen. Wie er vor dem Saloon der abreisenden Sängerin Billie (Julie London) über den Weg läuft, so am Bahnhof einem professionellen Falschspieler.

Ganz auf dieses Trio fokussiert Anthony Mann bei der Zugfahrt, bei der wieder wechselnde Tageszeiten das Verstreichen von Zeit und damit das Zurücklegen von großen Distanzen betonen. Als der Zug überfallen wird, dann aber den Gangstern davon fährt, bleiben Jones, der Falschspieler und die Saloon-Sängerin allein zurück. Sie wollen sich zur nächsten Stadt durchschlagen, kommen aber bald zu einer verfallenen Farm, in der Jones auf seine ehemalige Bande trifft, die immer noch von seinem Onkel angeführt wird...

Ganz auf das Verhältnis von Jones zur Sängerin, die er zum Schutz als seine Frau ausgibt, und zur Bande, zu Onkel Dock Tobin (Lee J. Cobb), der glaubt, dass der Neffe von sich aus zu ihm zurückgekehrt sei, und zum argwöhnischen Cousin konzentriert sich Anthony Mann. Keine Nebenhandlungen gibt es hier, keine Nebenfiguren. Glasklar entwickelt sich in offener Landschaft die Geschichte.

In der Härte, die "Der Mann aus dem Westen" in seiner unsentimental-nüchternen Erzählweise, entwickelt, verweist dieser Western schon auf den Italo-Western voraus. Legendär ist der brutale Kampf zwischen Jones (Gary Cooper) und seinem Cousin Claude (John Dehner), an dessen Ende Jones seinen Gegner regelrecht auszieht. Nicht weniger unvergesslich ist aber auch die Szene, in der ein Stummer tödlich getroffen laut schreiend durch eine Geisterstadt rennt.

Dort wollte Dock Tobin mit seiner Bande die Bank überfallen, doch stellte sich beim Erkunden der Lage heraus, dass die Bergwerksstadt schon seit Jahren verlassen ist. Tobin wird damit als ein von der Zeit längst überholter Gangster dargestellt, sein Ende ist vorprogrammiert, während die Zukunft Jones gehört, der bürgerlich geworden ist.

Doch eine gemeinsame Zukunft mit der Sängerin wird es nicht geben. Mag sie ihn auch lieben, er denkt nur an seine Familie. Wie Jones in der ersten Einstellung in der Totale aus der Tiefe des Raums langsam näher kam, so entfernt sich nun der Pferdewagen mit Jones und Billie in den Raum. – Kein Happy-End, sondern ein offenes Ende und ein neuer Anfang ist das: die Zukunft kann erst beginnen, nachdem ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen wurde.

Meisterhaft ist dieser Western in seiner Klarheit, in der Geradlinigkeit und Konzentration, mit der Mann die Geschichte erzählt, und in der Einbettung der Handlung in die freie Natur. In der konkreten kleinen Geschichte spiegelt sich dabei auch die gesellschaftliche Entwicklung, die viele Western thematisieren: den Übergang von rauen Gangstern, die im Grenzbereich ihr Unwesen treiben, zur zivilisiserten Welt, in der für solche Typen kein Platz mehr ist. Deutlich wird das auch in der Funktion, in der Jones unterwegs ist: Er soll für sein neue Heimatstadt, die bezeichnenderweise "Good Hope" heißt, in Fort Worth eine Lehrerin anheuern.

Die Kunst von Mann besteht freilich darin, dass solche Implikationen nie prätentiös ausgebreitet werden, sondern unterschwellig mitlaufen. So gelassen und stoisch wie Gary Cooper diesen Jones spielt, ist die Erzählweise: "Der Mann aus dem Westen" ist ein Film, der zunächst einmal ganz einfach gesehen werden will und dessen größte Qualität in seiner kristallinen Klarheit besteht.

So abgespeckt wie Manns Film sind auch die Extras dieser von Koch-Media herausgegebenen DVD. Zwar wartet das Booklet mit Jean-Luc Godards berühmten Artikel über diesen Western auf, daneben wird an Zusatzmaterial aber nur der Trailer und eine Bildergalerie geboten. Bei Sprachen kann man zwischen dem amerikanischen Original und Deutsch wählen, auch sind deutsche Untertitel zuschaltbar.

Trailer zu "Der Mann aus dem Westen - Man of the West"



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