Der extravagante Konzertsaal im Bayrischen Dorf

Eine unglaubliche Geschichte. Architekt Peter Haimerl schenkt dem entlegenen Blaibach im Bayrischen Wald ein Konzerthaus und entwickelt den neuen Ortskern mit Dorfplatz, Bürgerhaus und Revitalisierung eines uralten Bauernhauses gleich dazu. Der bayrische Architekt ist bekannt dafür, die Grenzen konventioneller Architektur zu überschreiten – faszinierend, das Denkerhaus am Schedlberg, das ich immer schon sehen wollte und ganz in der Nähe liegt, siehe Artikel kultur online –, und dieses vor Idealismus wie Innovation sprühende Projekt ist wieder einzigartig.

Peter Haimerl findet seine Aufträge intuitiv an Orten, die er transformieren möchte. Er hörte vom ausgeschriebenen Wettbewerb des Bayrischen Staatsministeriums zur Ideenfindung, wie verlassene Ortskerne revitalisiert werden könnten. Also machte er für die Gemeinde Blaibach zum Modellvorhaben „Ort schafft Mitte“ ein Konzept, kostenlos, doch unter der Auflage, dass im Falle des Erfolgs auch alles realisiert wird. Und das Projekt hat gewonnen: das ursprüngliche Bauernhaus in der Dorfmitte wird zum Bürgerhaus, das verfallene Waidlerhaus mit einem Betonkern saniert und ein aufsehenerregendes Konzerthaus von internationalem Rang an den neuen Platz gekippt.

Ein Konzerthaus für zweihundert Leute – das überforderte! Doch der Architekt fand mit dem bekannten Bariton Thomas E. Bauer einen ebenso idealistischen Sparringpartner für das visionäre Kulturprojekt – und die beiden überzeugten. Allerdings mit dem Versprechen, dass dieses der Gemeinde nicht mehr als der dort eigentlich geplante Parkplatz (!) kosten würde. Die insgesamt (nur) 1,6 Millionen Euro für das Konzerthaus wurden alsdann engagiert mit Städtebauförderung und Sponsorengeldern aufgebracht, aber auch mit Eigenleistungen des Architekten und von sechzig Firmen und Handwerkern.

Als abstrakter Monolith steckt nun der Betonkubus über die Hangkante geneigt im Ortszentrum, öffnet sich über den breiten Spalt zum Dorfplatz. Steil hinab geht es ins Foyer, das wiederum spannungsreich ins Innere des Konzertsaals leitet. Ein skulpturales und akustisches Meisterwerk! Aus Ortbeton geformt – in die höchst anspruchsvoll konstruierte Schalung wird Glasschotterbeton eingebracht – haben die kunstvollen Facettierungen, assoziierbar mit einer musikalischen Komposition, nur ein Ziel: einen Resonanzkörper mit bester Akustik zu schaffen, weltweit. Die Zuschauertribüne ist außen ablesbar, doch eine Schrägstellung des Baukörpers ist nicht nur deswegen sinnvoll – die gekippte Betonkiste überwindet den Niveausprung im Ort. Auch der langen Blaibacher Tradition des Steinhauerhandwerks wird Referenz erwiesen: die grob behauenen, in Beton vergossenen Granitsteine bilden als riesige Tafeln die vorgehängte Fassade. 

Ein Zeichen sei gesetzt worden, sagt Thomas E. Bauer, der Initiator von ‚Kulturwald‘, dem ersten Klassikfestival im Bayerischen Wald – mit „einem Meteoriten, der mitten ins Dorf fällt und allen zuruft: Hier ist Avantgarde.“ Es regnet Architekturpreise, und seit zehn Jahren ist jedes hochkarätige Konzert ausverkauft, 2026 stehen unter anderen Plácido Domingo, Pianist Marino Formenti, der Cellist Kian Soltani und die Camerata Salzburg am Programm.