Im Rahmen der Ausstellung „Earthly Communities“ setzt sich das Kunsthaus Meran (Merano Arte) derzeit mit den Folgen der europäischen Kolonialisierung indigener Gebiete Abya Yalas seit dem 15. Jahrhundert auseinander. Abya Yalas ist ein indigener Name für den amerikanischen Kontinent. Elf internationale künstlerische Positionen untersuchen anhand von Zeichnung, Malerei, Textilien, Installation, Fotografie und Video die Spuren kolonialer Eingriffe in Umwelt und Gesellschaft, deren tiefgreifende ökologische und soziale Ungleichheiten bis heute nachwirken. Wobei immer wieder auch Querverbindungen zur geschichtlichen Entwicklung Südtirols hergestellt werden. Inspiriert von der Vision einer „irdischen Gemeinschaft“ von Achille Mbembes, dem kamerunischen Historiker und politischen Philosoph, ruft die Ausstellung zu einem revidierten Denken auf, in welchem Menschen, Tieren Pflanzen, Mineralien und spirituelle Wesen gleichermaßen ihre Berechtigung haben.
Nach der Intention des Kuratorenduos Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi sollen die ausgestellten Werke das westliche Verständnis von „Natur“ zur Diskussion stellen und Räume für alternative Perspektiven eröffnen, in denen indigener Widerstand, anhaltendes Wissen und gelebte Verbundenheit mit der Erde sichtbar werde.
Alexandra Gelis, geboren 1975 in Caracas, lebte zum Beispiel in Costa Rica über einen längeren Zeitraum ohne Strom in einem Wald am Fluss Vacilon. Für ihre komplexe Installation "Agua: From River Pulse to Canopy’s Breath“ (2025) verarbeitete sie aussortierte oder als invasiv geltende Pflanzen aus dem Flussbett zu Fasern und Texturen, die quasi den Fußabdruck des lokalen Ökosystems in sich tragen. Die Suche nach neuen Wegen des Wahrnehmens und Gestaltens jenseits von Logik und Sprache sind ein zentraler Teil ihrer künstlerischen Praxis.
Die aus Lima stammende Künstlerin Eliana Otta wiederum versucht mit ihrer textilen Arbeit "An imagined friendship (A spiritual tambito)“ eine fiktive Verbindung zwischen dem peruanischen Schriftsteller und Anthropologen Jose Maria Arguedes (1911-1969) und der texanischen Dichterin und feministischen Queer-Theoretikerin Gloria E. Anzaldua (1942-2004) herzustellen, die sich beide mit unterdrückten Kulturen und nicht-dominanten Sprachen beschäftigten.
Mit Umweltforschung beschäftigt sich Carolina Caycedo (*1978, London). Mit ihrem monumentalen Bild "Mineral Intensive“ verweist sie darauf, dass die Industriestaaten für den Wechsel zu sauberer Energie immer mehr Mineralien wie Kobalt und Lithium benötigen. Womit die Gefahr besteht, dass der Globale Süden nach der Kolonialzeit ein weiteres Mal ausgebeutet wird.
Amanda Piña (*1984, Santiago de Chile) ist spanischer und syro-palästinensischer Abstammung und lebt und arbeitet heute in Wien und Mexiko-Stadt. Mit ihrer Installation "To Bloom () Florecimiento“ (2024) untersucht sie das Wasser als fließendes Element und den Ozean als Symbol für das Wissen der Vorfahren. Dieses Projekt bezieht Tanz und Gesang zur Thematisierung der Gewalt im Rahmen der Versklavung und Verschleppung von Afrika über den Atlantik nach Amerika zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert mit ein, und es erforscht zudem ozeanische Bewegungen im größeren Maßstab, auch anhand uralter Tierarten wie etwa Schwämmen, Nesseltieren (Korallen und Quallen), Mollusken und Stachelhäutern.
Der auf Aruba lebende Künstler Samuel Sarmiento (*1987, Venezuela) ist Autodidakt und setzt sich im Zuge seines Schaffens mit sozialen, politischen und historischen Themen wie etwa Migration, Extraktivismus und Kolonialgeschichte auseinander. Der Begriff Extraktivismus entstand in Lateinamerika und beschreibt ein Wirtschaftsmodell, das in erster Linie auf der Ausbeutung und dem Export großer Mengen natürlicher Rohstoffe wie Bodenschätze basiert, oft einhergehend mit Umweltzerstörung, Landraub und der Vertreibung lokaler Bevölkerungsgruppen. Sarmiento zeigt Zeichnungen und Keramikarbeiten, anhand derer er solche Dinge fast märchenhaft und aber auch bedrückend zwei- und dreidimensional visualisiert.
Der französische Künstler und Filmemacher Étienne de France (*1984, Frankreich) hat sich vor allem mit Kunstprojekten einen Namen gemacht, in denen er Dokumentarfilm und Fiktion vermischt und zusammen mit Fotografien und Zeichnungen zu komplexen Installationen zusammenführt. Bei Kunst Meran gibt er Einblicke in seine Forschungsreihe "Gestes“, die er im Nationalmuseum für Archäologie in Saint-Germain-en-Laye (Frankreich) entwickelt hat. In seiner aus Video und Zeichnung bestehenden Installation verweist er auf den Widerstand, den indigene Völker der europäischen Kolonialisierung entgegenbrachten.
Die aus Guadeloupe stammende Künstlerin, Filmemacherin und Bildungsforscherin Minia Biabiany (*1988) ist mit der Arbeit "Constellations. Le Ciel aux yeux-recines“ (2021) in der Schau vertreten. Diese besteht aus Textilbahnen, die an der Decke und im Raum verspannt und mit Zeichnungen übersät sind, die auf die Sternenkonstellation der Plejaden verweisen. Die Plejaden sind ein zentrales Symbol, wenn es um die Bestimmung von Lebenszyklen, Ausrichtung von Tempelanlagen oder um Sonnwendfeiern geht. Grundsätzlich betont Biabiany in ihrem Werkvorgehen die Rolle, welche Geschichten und physische Räume in der Kultur Guadeloupes spielen. Dabei konzentriert sie sich gleichzeitig auch auf kulturelle Aspekte, die aus kolonialen und postkolonialen Kontexten stammen.
Marilyn Boror Bor (*1984, San Juan Sacatepequez, Guatemala) wendet sich im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis unter anderem gegen patriarchale, rassistische und kolonialistische Ansichten, die in der Geschichte des amerikanischen Kontinents verankert sind. Ihre Arbeit zeichnet sich durch ihre Entschlossenheit in der Dekonstruktion und Erforschung von Wörtern aus, indem sie Machthierarchien aufbricht und sich der Sprache der Erinnerung bedient. Die Künstlerin kann auch ganz konkret werden. Mit ihrem aus Beton und Textilien bestehendem Werk "Peinar las raices XII“ (2022) aus der Serie "Rituals Sepultados“ reagiert sie direkt auf die enteignenden und zerstörerischen Auswirkungen der Zementindustrie in Guatemala und kritisiert die Auslöschung kultureller Traditionen.
Der italienisch-belgische Künstler Luigi Coppola (*1972, Diso, Italien) verfügt neben seiner künstlerischen auch über eine wissenschaftliche Ausbildung. Er gilt neben seiner Kreativarbeit auch als Unterstützer partizipativer Projekte und politisch motivierter Aktionen. Im Zuge seines Vorgehens geht es immer wieder auch um den Prozess der sozialen Wiederaneignung von Gemeingütern, dem eine Analyse spezifischer sozialer, politischer und kultureller Kontexte vorangeht. Für Kunst Meran hat er in Zusammenarbeit mit dem Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie das komplexe Projekt "Flows Over Unities“ entwickelt. Dabei bilden Samen und Pflanzen den Ausgangspunkt, "die als generatives Element in den Beziehungen zwischen Mensch, Nahrung, Ökosystem, Territorium, Gemeinschaft und Wirtschaft verstanden werden“, wie es im Begleittext zur Ausstellung heisst. Konkret zeigt Coppola ein grosses Gemälde sowie eine Installation, in denen auf Saatgutbewahrer und landwirtschaftlich Tätige aus dem Vintschgau und anderen Südtiroler Gebieten hingedeutet wird, die als Hüter lokaler oder ferner Samenarten in Erscheinung treten.
Für die in Rio de Janeiro lebende und arbeitende Künstlerin Sallisa Rosa (*1988, Golania, Brasilien) steht die Verbindung des Menschen zur Erde im Zentrum des Schaffens. Sie denke darüber nach, wie man Erinnerungen speichern könne, so die Brasilianerin. "Wenn man von jedem Ort etwas Erde sammelt, sieht man alle Informationen – zum Beispiel, welche Menschen dort lebten, wie viele Jahre sie dort lebten, was sie pflanzten. Das ist die beste Art, Erinnerungen zu speichern," sagt die Künstlerin. In "Te devolvo (returning)“ (2025 schafft sie einen weiteren Echoraum der Erinnerungen, indem sie metaphorisch zwei Schiffsformen einanander gegenüber stellt, nämlich die von Spaniern und Portugiesen zur Kolonialisierung genutzte Karavelle sowie das indigene Einbaumkanu.
Das aus Kolumbien stammende Künstlerpaar Mazenett Quiroga (Lina Mazenett, *1989 und David Quirogo, *1985) schließlich rückte mit ihren Earthly-Communities-Beiträgen "Still Alive“ (2025) und "Geophilia“ Früchte und Steine ins Blickfeld. In verschiedenen amazonischen Weltinterpretationen gelten Früchte und Steine als Ahnenwesen. Bei "Still Alive“ hat das Duo auf einem langen Teppich gepierctes und ornamental verziertes Obst und Gemüse so angeordnet, als ob sie sich zum Dinner träfen. Während die Früchte verfaulen und unangenehme Gerüche verbreiten, bleiben die Piercings intakt. Gedankengänge über Konsum, über die Grenzen zwischen Materie und Vergänglichkeit, aber auch über das gemeinsame Essen als sozialer Akt sollen angeregt werden.
Ähnliches gilt für "Geophilia“. Steine, die mit Tattoos und Narben übersät sind, werden auf Rollhockern wie in einem Meeting angeordnet und erhalten von Mazenett Quiroga quasi eine eigene Persönlichkeit zugeordnet.
"Earthly Communities" ist der zweite Teil des auf insgesamt drei Jahre angelegten kuratorischen Programms "The Invention of Europe. A tricontinental narrative". Nach Afrika im letzten Jahr und Amerika heuer, steht 2026 der asiatische Kontinent im Mittelpunkt der künstlerischen Untersuchungen. Die Trilogie soll laut dem Kuratorenteam Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi die europäische Selbst-Erzählung als ideologische und physische Konstruktion hinterfragen und diejenigen historischen Prozesse unter die Lupe nehmen, die Europas Selbstverständnis auf Kosten anderer Kontinente entscheidend geprägt haben und vor Augen führen, wie diese bis heute nachwirken.
Earthly Communities
Minia Biabiany, Marilyn Boror Bor, Carolina Caycedo, Luigi Coppola, Etienne de France, Alexandra Gelis, Eliana Otta, Amanda Piña, Mazenett Quiroga, Sallisa Rosa, Samuel Sarmiento
Merano Arte, Meran
Kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi
Bis 12.10.2025
Di-Sa 10-18, So u. Fe 11-18
www.kunstmeranoarte.org