Denkfiguren – Konzeptkunst von Ernst Caramelle

Ernst Caramelle zählt zu den international bedeutendsten Vertretern der österreichischen Konzeptkunst. Seit den 1970er-Jahren untersucht er das labile Verhältnis von Realität und Illusion sowie Bild und Raum. Mit analytischer Präzision und feinem Humor hinterfragt sein Werk die Definition von Kunst, ihren Ort und unsere Wahrnehmung.

Die Ausstellung „Denkfiguren” im Generali Foundation Studienzentrum richtet den Blick auf zwei zentrale Werkgruppen von Ernst Caramelle: zum einen auf seine Drucksachen aus den Jahren 1974 bis 2025, die aus Künstlerbüchern, Plakaten und Einladungskarten bestehen. Wie kaum ein anderer Künstler begreift Caramelle scheinbar beiläufige Drucksachen als eigenständige, vollwertige künstlerische Räume und nutzt sie, um mit dem Publikum in Beziehung zu treten. Zum anderen präsentiert die Ausstellung seine frühe Fotoserie „Video-Landschaften” (1974), in der er das Verhältnis von Realität, medialer Darstellung und Wahrnehmung untersucht.

Die kompakte Schau versammelt rund 70 Arbeiten aus der Sammlung der Generali Foundation und legt dabei besonderen Wert auf die Zugänglichkeit der Werke: Ausgewählte Künstlerbücher liegen als Leseexemplare zum Blättern und Anschauen bereit. Sie lädt, ganz im Sinne Caramelles, zu einer produktiven Skepsis ein – zu einem genauen, kritischen Blick auf die Bilder und Wirklichkeiten, die uns umgeben.

Drucksachen
Für Caramelle sind Künstlerbücher, Plakate und Einladungskarten keine bloßen Begleitmedien oder Nebenprodukte. Er versteht sie als eigenständige Werke, als mobile Räume der Kunst, als Träger und Vermittler von Ideen und Fragestellungen, in denen sich die Beziehungen zwischen Kunstwerk, Institution und Publikum immer wieder neu verschieben. Bereits in seinen frühen Arbeiten erscheinen diese Ideen oft in Kombinationen aus Texten, Zeichnungen und fotografischen Bildern, die Denkbewegungen sichtbar machen. Über die Jahrzehnte entwickelt Caramelle daraus ein eigenes Vokabular von Formen und Methoden – die titelgebenden „Denkfiguren“ der Ausstellung –, die sich durch seine Drucksachen ziehen: Spiegelung und Doppelung, Positiv und Negativ, die charakteristische Zickzackform, Gesichter aus nur zwei Punkten und einer Linie. Wiederkehrende Alter Egos wie Tel, das Seepferdchen oder die Figur Josef Troma verleihen diesem strengen konzeptuellen Vokabular eine spielerische, oft hintergründig komische Note. Auch Motive aus Caramelles persönlichem Alltag – etwa das Waschbecken seines New Yorker Studios – finden ihren Weg auf seine Plakate und Einladungskarten und zeugen von seiner Aufmerksamkeit für die Details des gewohnten Umfelds.

Ein Schlüsselwerk der Ausstellung ist Caramelles vielzitiertes Künstlerbuch „Forty Found Fakes“, das er 1979 in New York veröffentlichte.

Er löste vierzig gefundene Bilder, vorwiegend aus Zeitungen und Magazinen, aus ihrem ursprünglichen Kontext, montierte sie auf leeren Blättern und ordnete sie jeweils einer bekannten künstlerischen Position zu, an die das Bild erinnert. Es handelt sich weniger um Fälschungen als um die ebenso schlichte wie überzeugende Illusion, das potenzielle Werk einer bestimmten Künstlerin oder eines bestimmten Künstlers vor sich zu haben. „Forty Found Fakes” ist eine kluge und humorvolle Reflexion über die Bedeutung von Wiedererkennbarkeit und künstlerischem Markenzeichen als Kriterien von Kunstrezeption und Kunstmarkt. Aus heutiger Sicht wirft diese Arbeit zudem Fragen nach KI-basierter Reproduktion von Stilen und Formensprachen sowie nach Desinformation und Manipulation auf.

Die Sammlung der Generali Foundation widmet diesem zentralen Bereich in Caramelles Schaffen besondere Aufmerksamkeit. Heute besitzt sie mehr als 130 Künstlerbücher, Plakate, Einladungskarten und Medieninterventionen des Künstlers.

Video-Landschaften
Beide Schwerpunkte der Ausstellung haben ihren Ursprung im Jahr 1974: In diesem Jahr entstanden Caramelles erste Künstlerbücher sowie jene Fotoserie, die er „Video-Landschaften” nennt. Sie bildet in der Ausstellung einen gedanklichen Resonanzraum zu seinen Drucksachen und entstand im Rahmen eines einjährigen USA-Aufenthalts, der Caramelle unter anderem an das MIT in Cambridge führte – in ein internationales, experimentelles Umfeld zwischen Kunst und Technologie.

Die Fotoserie dokumentiert eine Reihe von Experimenten mit dem damals noch jungen Medium Video. Dabei werden Fernsehmonitore in unterschiedlichen Konstellationen in Innen- und Außenräumen platziert, teils auch in Relation zum Körper des Künstlers. Die Monitore zeigen jeweils exakt das Bild, das sie im realen Raum verdecken. Dadurch wirken sie wie Fensterscheiben – eine verblüffende Illusion, die die Grenzen zwischen Realität und Medialität, Wahrnehmung und Täuschung verwischt.

Damit formulieren die Video-Landschaften bereits zentrale Fragen, die Caramelles Werk bis heute prägen und sich in seinen Büchern, Plakaten und Karten widerspiegeln. Was sehen wir? Wo beginnen und wo enden Realität und Illusion, Bild und Raum? Welche Rolle kann Kunst heute spielen und wie tritt sie mit dem Publikum und ihrer Umgebung in Beziehung?

Lesen, Blättern, Sehen
Die Ausstellung versteht sich als kuratorisches Spotlight auf das künstlerische Denken von Ernst Caramelle. Bücher, Plakate und Karten werden nicht nur gezeigt, sondern in Form von Leseexemplaren und medialen Präsentationen erfahrbar gemacht. Ausgewählte Publikationen sind daher nicht allein als ausgestellte Objekte zu betrachten. Sie laden dazu ein, ihren inneren Aufbau, ihre Abfolge sowie ihre bildnerischen und sprachlichen Setzungen beim Blättern und Vergleichen nachzuvollziehen.

Ernst Caramelle wurde 1952 in Hall in Tirol geboren und wuchs in Brixen im Thale auf. Nach einer Ausbildung an der Glasfachschule Kramsach studierte er von 1970 bis 1976 an der Universität für angewandte Kunst Wien, die damals noch Hochschule für angewandte Kunst hieß. In dieser Zeit entstanden seine frühen konzeptuellen Untersuchungen, in denen er grundlegende Fragen nach der Definition von Kunst, der Rolle von Künstler:innen sowie dem Verhältnis von Werk, Institution und Publikum stellte.

1974/75 verbrachte Caramelle einen Forschungsaufenthalt in den USA. Im Umfeld des Center for Advanced Visual Studies am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge entstanden frühe Videoarbeiten wie „Video-Landschaften” und „Video-Ping-Pong”. Sie markieren einen wichtigen Ausgangspunkt für seine spätere Auseinandersetzung mit Bild, Raum und Wahrnehmung.

1979 gründete Caramelle ein Atelier in New York. In dieser Zeit entstanden auch die ersten „Faces”: Gesichter, die aus zwei Punkten und einer Linie bestehen. Im selben Jahr veröffentlichte er das Künstlerbuch „Forty Found Fakes”, das durch fiktive Werkzuschreibungen Fragen nach Autorschaft, Originalität und den Mechanismen der Kunstrezeption aufwirft.

Ab den 1980er-Jahren erweiterte Caramelle seine künstlerische Praxis zunehmend in den Raum. In Wandmalereien, Gesso Pieces und Sun Pieces verband er Malerei, Architektur und Zeit. Räume werden zu Bildern, Bilder zu räumlichen Situationen und Sonnenlicht wird selbst zum bildgebenden Medium. Im Jahr 1981 erschien im Frankfurter Kunstverein die zentrale Publikation „Blätter 1973–1978” mit 127 frühen Zeichnungen.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit prägte Caramelle als Lehrer mehrere Generationen von Künstler:innen. Von 1981 bis 1983 war er an der Städelschule in Frankfurt am Main tätig und von 1986 bis 1990 lehrte er an der Universität für angewandte Kunst Wien. Von 1994 bis 2018 hatte er eine Professur für Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe inne und leitete die Akademie von 2012 bis 2018 als Rektor.

Ernst Caramelle. Denkfiguren
bis 30. Mai 2027