Ab dem 18. Juli 2026 widmet sich eine Ausstellung im Vorarlberg Museum einer außergewöhnlichen Frau und ihrer bewegenden Lebensgeschichte: Delphina Burtscher. Unter dem Titel „Delphina und drei Deserteure“ erzählt die Ausstellung im Atrium von Krieg und Widerstand, von Vertrauen und Verrat sowie vom familiären Zusammenhalt. Gleichzeitig wird die Frage aufgeworfen, wie Erinnerung weitergegeben wird und welche Bedeutung historische Erfahrungen für die Gegenwart haben.
Delphina Burtscher wurde 1926 auf einem abgelegenen Bergbauernhof in Königswald oberhalb von Sonntag im Großen Walsertal geboren. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf, geprägt von harter Arbeit und den Anforderungen des bäuerlichen Lebens. Mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg geriet diese vertraute Welt zunehmend aus den Fugen.
Während immer mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, blieb die Verantwortung für Hof und Familie häufig bei den Frauen zurück. Auch Delphinas Brüder Willi und Leonhard wurden zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrten sie nach einem Heimaturlaub jedoch nicht mehr an die Front zurück. Gemeinsam mit Martin Lorenz, Delphinas Verlobtem, der ebenfalls desertiert war, bauten sie während ihres einjährigen Verstecks im Wald eine Widerstandsgruppe auf.
Delphina unterstützte die Männer, versorgte sie mit Lebensmitteln und übernahm zugleich die Verantwortung für den Hof. Damit wurde sie Teil eines Netzwerks, das heute als Widerstand bezeichnet wird. Ihrer selbst war dieser Begriff fremd. Nach rund einem Jahr wurden die Deserteure jedoch verraten. Leonhard gelang die Flucht, während Willi Burtscher und Martin Lorenz verhaftet, zum Tode verurteilt und am 8. Dezember 1944 in Graz enthauptet wurden.
Für die Familienangehörigen begann eine Zeit schwerster Verfolgung. Die Angehörigen gerieten in sogenannte „Sippenhaft“. Delphina war zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt und von Martin Lorenz schwanger. Sie wurde gemeinsam mit ihrer Schwester Juliana inhaftiert. Nach der Geburt ihrer Tochter Maria musste sie erneut ins Gefängnis. Erst nach Kriegsende im Juni 1945 kehrte sie in die Freiheit zurück – zu einem Kind, das sie zunächst nicht wiedererkannte.
Die Befreiung bedeutete keineswegs das Ende des Leids. Die Familien der Hingerichteten kämpften über Jahre hinweg um Anerkennung und Entschädigung. Anträge nach dem Opferfürsorgegesetz wurden mit der Begründung abgelehnt, die Unterstützung der Deserteure sei aus familiären und nicht aus politischen Motiven erfolgt. Dabei wurden sie vom NS-Regime als „österreichische Freiheitskämpfer“ wahrgenommen und deshalb vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Diese Haltung steht exemplarisch für den schwierigen Umgang der österreichischen Nachkriegsgesellschaft mit Deserteuren und ihren Angehörigen. Viele Betroffene schwiegen jahrzehntelang über ihre Erfahrungen. Delphina Burtscher selbst ließ sich von den Schicksalsschlägen jedoch nicht brechen. Sie gründete eine Familie, wurde Mutter von acht Kindern und Großmutter von achtzehn Enkeln. Trotz Krieg, Verlust und existenzieller Krisen bewahrte sie sich ihren Humor, ihre Lebensfreude und ihre Zuversicht. Ihr Leitsatz lautete: „Das Gute haben wir genossen, das Schlechte überwunden.“
Die Geschichte der Familie Burtscher gilt heute als einer der bekanntesten Fälle von Desertion und Widerstand in Vorarlberg. Sie wird in historischen Forschungen, Publikationen und Gedenkprojekten aufgearbeitet und ist inzwischen Teil der österreichischen Erinnerungskultur.
Die Ausstellung „Delphina und drei Deserteure“ im Atrium des Vorarlberg Museums nähert sich dieser Geschichte jedoch nicht als abgeschlossene historische Erzählung. Stattdessen macht sie sichtbar, wie Erinnerung entsteht, weitergegeben wird und sich über Generationen verändert.
Im Zentrum stehen persönliche Erinnerungsstücke, historische Dokumente und Fotografien aus dem Familienbesitz. Sie erzählen von den Erfahrungen der Familie Burtscher ebenso wie von den Folgen von Krieg und Verfolgung. Einen besonderen Stellenwert nehmen die Stimmen der Nachkommen ein. Audio-Interviews und persönliche Erinnerungen zeigen, wie die Geschichte innerhalb der Familie weitergetragen wurde und welche Bedeutung sie bis heute besitzt.
Diese familiären Perspektiven werden durch historische Einordnungen und wissenschaftliche Beiträge ergänzt, die die Ereignisse in einen größeren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang stellen. Die Ausstellung zeigt dabei bewusst unterschiedliche Sichtweisen und legt die Subjektivität von Erinnerungen offen.
Für eine eigens für die Ausstellung entwickelte Fotoserie besuchte die Künstlerin Sarah Schlatter historische Schauplätze im Großen Walsertal – Orte der Haft und Verfolgung. Ihre Arbeiten schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zeigen, wie sich Spuren der Geschichte bis heute in Landschaften und Erinnerungsräumen eingeschrieben haben.
Zugleich lädt die Ausstellung die Besucherinnen und Besucher dazu ein, eigene Gedanken und Erfahrungen einzubringen und die historische Erzählung mit aktuellen Fragen zu Krieg, Verantwortung und Zivilcourage zu verknüpfen.
Parallel zur Ausstellung erscheint im Residenz Verlag die von Delphinas Enkelinnen Lydia Arantes und Sarah Kühne herausgegebene und mit einem Team aus Kunstschaffenden und Historiker:innen umgesetzte Graphic Novel „Delphina“.
Ausgangspunkt ist die bereits in mehrfacher Auflage veröffentlichte Lebensgeschichte ihrer Großmutter, die nun in einer neuen künstlerischen Form erzählt wird.
Gemeinsam mit der Illustratorin Anna Stemmer-Dworak, dem Dramaturgen Tobias Fend und der Grafikerin Anuschka Fink ist ein Werk entstanden, das historische Erinnerung mit zeitgenössischem Erzählen verbindet. Rund 200 handgezeichnete Illustrationen machen Delphinas Geschichte für ein breites Publikum zugänglich. Die Graphic Novel beschränkt sich dabei nicht auf eine historische Rekonstruktion. Sie verknüpft Delphinas Perspektive mit jener ihrer Enkelinnen und spannt einen Bogen über mehrere Generationen hinweg. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen familiärer Erinnerung und gesellschaftlicher Geschichte.
Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen, die weit über den konkreten historischen Fall hinausreichen: Wie wirken Kriegserfahrungen über Generationen hinweg nach? Welche Formen von Mut und Widerstand gibt es im Alltag? Wie werden Erinnerungen weitergegeben, verändert oder neu erzählt?
Durch die Verbindung von persönlicher Geschichte, historischer Genauigkeit und künstlerischer Gestaltung eröffnet die Graphic Novel insbesondere jüngeren Menschen einen neuen Zugang zur Vergangenheit. Sie macht Geschichte als erzählte und gelebte Erfahrung erfahrbar – nahbar, vielschichtig und emotional.
Motiviert von ihrem Sohn Xaver Burtscher entschied sich Delphina im hohen Alter, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Diese wurden vom Nenzinger Gemeindearchivar Thomas Gamon veröffentlicht. Es begann eine gründliche Erinnerungsarbeit: innerfamiliär, zeithistorisch und medial.
Die Ausstellung und die Graphic Novel zeigen, dass die Geschichte von Delphina Burtscher weit mehr ist als ein Kapitel regionaler Zeitgeschichte. Sie erzählt von Menschen, die in einer Zeit von Diktatur und Krieg Entscheidungen treffen mussten. Sie erzählt von den Folgen von Zivilcourage und Widerstand. Vor allem aber erinnert sie daran, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Sie lebt in Familien weiter – in Erzählungen, Bildern und Erinnerungen, aber auch in den Fragen, die jede Generation neu an die Vergangenheit stellt. Ab Herbst stehen für Schulen Arbeitsmaterialien zur Verfügung und das Vorarlberger Landestheater bringt die Lebensgeschichte von Delphina Burtscher auf die Bühne: Die Vorarlberger Schriftstellerin Daniela Egger schrieb im Auftrag des Theaters das Stück „Das Glück im Inneren der Lawine“. Premiere ist am 16. Oktober 2026 im Theater am Saumarkt in Feldkirch.
Delphina und drei Deserteure
Familiäres Erinnern an Menschlichkeit und Mut in einer unmenschlichen Zeit
18. Juli 2026 – 21. März 2027
Veranstaltungen, Führungen
Freitag, 17. Juli, 17:00 Uhr
Vernissage und Buchpräsentation
Dienstag, 4. August, 18:00 Uhr
Dialogführung mit Michael Kasper und Markus Barnay
Freitag, 23. August, 17:00 Uhr
Freitags um 5 – Landesgeschichte im Gespräch
Lydia Arantes, Enkelin von Delphina Burtscher, im Gespräch mit Markus Barnay
Donnerstag, 22. Oktober (Vorarlberg Museum) und Freitag, 23. Oktober (Literaturhaus Hohenems)
Gezeichnet. Kriegsfolgen in Graphic Novels
Tagung des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung (BIK) in Kooperation mit der Universität Graz, dem Vorarlberg Museum, dem Literaturhaus Vorarlberg und dem Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
Donnerstag, 5. November, 18:00 Uhr
Dialogführung mit Michael Kasper und Sarah Kühne
Delphina. Graphic Novel
Herausgeberinnen: Lydia Maria Arantes, Sarah Kühne
Illustration: Anna Stemmer-Dworak
Dramaturgie und Drehbuch: Tobias Fend
Grafik: Anuschka Fink
Vorarlberg Museum Schriften 91
120 Seiten
Residenz Verlag
29,00 Euro
ISBN 978-3-7017-1825-2