22. Mai 2009 - 3:38 / Musiktheater
thumb

Alles beginnt mit einem Brief: Kaisergattin Agrippina preist sich glücklich, als man ihr die Nachricht überbringt, ihr ungeliebter Gatte Claudio sei ertrunken. Endlich scheint für ihren Sohn Nero der Weg auf den Kaiserthron geebnet. Doch die Freude währt nur kurz. Claudio wurde gerettet und hat überdies seinem Retter Ottone die Thronfolge versprochen. Agrippina ist jedoch nicht gewillt, dem Konkurrenten den Vortritt zu lassen. Sie wird handeln...

Georg Friedrich Händel hat "Agrippina" als sein italienisches Meisterstück geschrieben. Für einen jungen, jenseits der Alpen ansässigen Komponisten bedeutete es mehr als nur eine künstlerische Herausforderung, eine Oper in Venedig herauszubringen. Schliesslich galt die Lagunenstadt als eines der wichtigsten europäischen Musikzentren. Im Herbst des Jahres 1706 war der 21jährige Händel aufgebrochen, um im gelobten Land der Musik den musikalischen Ritterschlag zu empfangen. Mit seiner Hamburger Oper "Almira" hatte er zwar eine beeindruckende Probe seines Talents geliefert, doch nur wer sich als Komponist auch in Italien einen Namen gemacht hatte, galt in der Heimat wirklich etwas. Nachdem Händel in Rom, Florenz und Neapel beachtliche Erfolge feiern konnte, brachte ihm die Aufführung der "Agrippina" am 26. Dezember 1709 im Teatro San Giovanni Crisostomo in Venedig den Durchbruch für seinen Ruf als Opernkomponist von europäischem Rang.

Dass sich Händel mit dieser für den Karneval bestimmten Oper den dramaturgischen Moden der venezianischen Opera unterwarf, bedeutete Glücksumstand und Geniestreich zugleich. Zum einen war das in jener Zeit sehr beliebte Sujet für ihn nicht gänzlich neu: in seiner als verschollen geltenden Oper "Nero", die er 1705 für das Hamburger Theater am Gänsemarkt komponiert hatte, hatte er sich bereits mit diesem Stoff auseinandergesetzt. Spätestens seit Monteverdis "Krönung der Poppea" (Venedig 1642) gehörten die historischen Figuren Nero, Poppea, Agrippina, Claudius, Octavia in Italien zu den beliebtesten Opern- und Dramengestalten der Barockzeit. Für "Agrippina" hatte kein Geringerer als der Kardinal Vincenzo Grimani (1655-1710) das Textbuch verfasst. Der venezianische Diplomat war Vizekönig von Neapel. Seiner einflussreichen Familie gehörte das Teatro Crisostomo, welches als das vornehmste und wohlhabendste Theater Venedigs galt.

Das Modell der venezianischen Oper war mit seinen Haupt- und Staatsaktionen, dem ausgeprägten Hang zur Komik bis hin zur gesellschaftlichen Satire, vor allem aber mit seiner prachtvollen Ausstattung und dem oftmals zum Spektakel ausartenden glücklichen Ende gleichermassen umjubelt wie bescholten. Grimani als erfahrenem Theaterdichter und Kardinal gelang es glücklicherweise, die Turbulenzen der Verkleidungs- und Verwechslungsszenen zugunsten einer scharfen und satirischen Zeichnung der "mit grossen Qualitäten begabten" und "nach der Herrschaft recht lüsternden Dame" Agrippina (Wortlaut einer zeitgenössischen deutschen Übersetzung) zurückzudrängen. Mit der Mischung aus virtuoser und spielerischer Theatralik, leidenschaftlicher Affektgestaltung und moralischem Vorsatz kam er den Vorstellungen des jungen Händel entgegen, dem diese Art von Dramaturgie von der Hamburger Oper her bestens vertraut war.

Geformt von poetischem Ideenreichtum und ausgestattet mit musikalischer Feinsinnigkeit, avanciert das Geschehen um die fünf historisch verbürgten Figuren Agrippina, Claudius, Nero, Otto und Poppea samt zweier typischer Höflinge und einem Diener zum theatralischen Paradigma eines turbulenten Ränkespiels um Macht, politischen Einfluss und Liebe. Agrippinas Intrigen stehen bei Grimani im Mittelpunkt, sind aber mit dem gleichfalls unmoralischen Verhalten der anderen Personen verflochten, die mit Ausnahme von Ottone alle zum Lügen, Verleumden und Ehebrechen bereit sind. Am Schluss erreicht jeder, was er wollte. Wenn man bei "Agrippina" überhaupt von einer Moral sprechen möchte, erweist sie sich in dieser Komödie, in der nicht einmal der Bösewicht bestraft wird, als tief ironisch. Obwohl die höfischen Kabalen um Neros Inthronisierung im Vordergrund stehen, hat Grimanis Libretto auch einen Subtext, der auf die politischen Ereignisse in der Entstehungszeit der Oper anspielt. Im Visier hatte Grimani vor allem seinen Erzfeind Papst Clemens XI., der für die Rolle des Claudius Pate gestanden hat.

Nicht ganz so erbarmungslos wie in der römischen Geschichte – wo sie Claudius vergiftet, um ihren Sohn Nero aus erster Ehe auf den Thron zu bringen – verfolgt Agrippina ihren Machtanspruch mit Klugheit und Raffinesse; und dies, obwohl ihr, wie in der erwähnten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1718 formuliert ist, "von einem Sternseher berichtet worden/ dass dieser ihr Sohn zwar Kayser/ aber auch zugleich der Mörder seiner leiblichen Mutter werden würde." Ihre charmante Rivalin Poppea setzt ihr Verlangen nach Liebe dagegen. Dabei lehrt die Geschichte, dass die schöne, nichtadlige Römerin es durchaus vermochte, mit Hilfe ihrer weiblichen Reize Männer höchsten politischen Einflusses zu verwirren und dass sie somit ihrerseits zur Geschichte des "alten Rom" beigetragen hat. Tragisch war allerdings ihr Ende, da sie durch einen Fusstritt ihres späteren Gatten Nero zu Tode gekommen sein soll.

Doch auch in ihrem Fall verquicken sich auf höchst vergnügliche und vielsagende Weise historische Fakten mit künstlerischem Ausdruckswillen. Denn eigens an diesen beiden typisch venezianischen Opernfiguren entzündete sich Händels Musik. Anders als in der opera seria wird der Affekt teilweise bewusst als Mittel zur Erreichung einer bestimmten Absicht eingesetzt. Mit leichter melodischer Grazie versteht die heissblütige und dann wieder kalt berechnende Agrippina zu heucheln; sie lacht und weint, sie umgarnt und schmeichelt mit einer breiten Palette musikalischer Ausdrucksmittel. Virtuos-kokett, mit sinnlicher Faszination zeigt sich dagegen Poppea. Beide liefern sich in ihrer musikalischen Gegensätzlichkeit ein weibliches Gefecht, das seinesgleichen sucht. Aber auch der schmachtend-schwärmerische Claudius wie der kindlich-verspielte, mit melodischen Floskeln und Rhythmen aus der italienischen Volksmusik bedachte Nero oder der von lyrischem Gestus getragene Otto – sie alle sind einbezogen in die einfühlsame Charakterzeichnung, aus der das musikdramatische Genie des jungen Komponisten spricht.

Mit höchst lebendigen, szenisch motivierten Rezitativen, mit einer Fülle von musikalischen Formen – die weit über das Schema der Da-capo-Arie hinausgehen – folgt Händel dem dramatischen Fluss wechselnder Situationen und Affekte. Das venezianische Publikum ahnte allerdings nicht, dass nur fünf der wegen ihrer Neuartigkeit gefeierten Arien eigens für "Agrippina" komponiert wurden. Über vierzig Nummern – so sieht es zumindest die Mehrheit der Händel-Forscher – basieren auf älterem Material. So stammen etwa gleich die ersten Takte der Ouvertüre aus der geistlichen Kantate "Donna che in ciel", die Händel drei Jahre zuvor geschrieben hatte – als Dank, dass Rom ein Erdbeben überstanden hatte. Auch für die Schlussarie der Juno, die Ottone und Poppea als glückliches Paar segnet, griff Händel auf Altbewährtes zurück – in diesem Fall auf Themen aus seiner Oper "Rodrigo" und einer Kantate für den Fürsten Ruspoli. Doch nicht nur eigene Kompositionen wurden modifiziert, auch Motive aus der Oper "Octavia" von Reinhard Keiser und Gassenhauer Agostino Steffanis fanden in Händels Partitur Verwendung. Diese Verfahrensweise entsprach dem Geschmack der Zeit und kam der virtuos-ironischen Ausdrucksweise der "Agrippina" entgegen. Mit 27 Aufführungen noch während der laufenden Saison, die alle mit frenetischem Beifall bedacht wurden, hatte der junge "Caro sassone" sich den Ruf als ernst zu nehmender Opernkomponist erworben, von dem in Zukunft noch einiges zu erwarten sein würde.

Für Regisseur David Pountney ist "Agrippina" die erste Händel-Oper, die er auf die Bühne bringt. Eigentlich hätte er während seiner Zeit als Szenischer Leiter der English National Opera "Xerxes" inszenieren sollen, doch trat er diese Produktion auf dessen dringliches Bitten an seinen Regiekollegen Nicholas Hyntner ab, dem dann mit seiner Inszenierung eine der erfolgreichsten Produktionen in der Geschichte der ENO gelang. Gleichwohl hat Händel im Leben von Pountney schon in frühen Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Sein Vater sang als Bass im berühmten New College Choir in Oxford und wirkte als Solist auch in den Händel-Aufführungen in der Abteikirche von Abingdon mit, wo Alan Kitching in den späten 50er Jahren eine Reihe von Händel-Opern inszenierte, die hier zum ersten Mal seit dem Tod des Komponisten wieder aufgeführt wurden und Abingdon zu einer Art Händel-Mekka werden liessen. Der Erfolg von "Xerxes" an der English National Opera war der Ausgangspunkt für eine Reihe von Händel-Inszenierungen, die sich mit modernen Mitteln wohltuend von den oft sehr schwerfälligen Produktionen der London Handel Society abhoben und dem Komponisten ein neues Publikum erschlossen.

David Pountney schätzt Händel als einen wirklichen Theaterkomponisten mit einem untrüglichen Instinkt für die Glaubwürdigkeit seiner Operncharaktere. Abgesehen vom strengen Formalismus seiner Musik, dem man lange Zeit mit Misstrauen begegnete, finden sich bei Händel immer wieder sehr genaue psychologische Beziehungen zwischen der Musik und den Figuren. Pountney fühlt sich gerade im Fall von "Agrippina" keineswegs durch die Form beengt. Die Mischung aus Politik, Humor, psychologischen Beziehungen und tiefer Emotionalität ist für den Regisseur eine fast unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Ausserdem hat Bühnenbildner Johan Engels durch seine mit vielfältigsten Raumkonstellationen aufwartende Drehbühne die Möglichkeit für Abwechslung und Variation geschaffen, wobei den Sängern in ihrer Spielfreude keine Grenzen gesetzt sind.

Neben der humorvoll-komischen Seite unterstreicht David Pountney ebenso den starken zynischen Charakter der Oper. Schnell fühle man sich in eine jener zahlreichen Fernsehserien versetzt, die mit satirischer Schärfe und Zynismus das politische Tagesgeschäft beleuchten, das stets von Intrigen durchzogen und obligatorisch mit einer Love Story verbunden ist. "Agrippina" erweist sich in dieser Hinsicht als erfrischend aktuell. Einige der Figuren, die schon zu Händels Zeiten im Bewusstsein des Publikum verankert waren, scheinen auch heute direkt der politischen Realität entstiegen zu sein. So fällt es nicht schwer, sich eine Frau wie Hillary Clinton als Agrippina vorzustellen. Dennoch versucht Pountney in seiner Inszenierung nicht, die einzelnen Charaktere nach lebenden Vorbildern zu formen, zumal das Publikum ohnehin seine eigenen Bezüge herstellen wird. Vielmehr ist dem Regisseur daran gelegen, eine Welt von Extremen zu zeigen, in der die Figuren sich wie wilde Tiere aus einem Dschungel bekämpfen, lieben und hassen. Wichtig ist es, die Balance zwischen Humor und der satirisch-scharfen Zeichnung der Figuren zu finden und immer wieder abzuwägen, wie absurd man sein darf und wann man ernsthaften Momenten Rechnung zu tragen hat.

Ein wenig bedauert es David Pountney, dass die Rezitative nicht auf Deutsch gesungen werden. Gerade hier und insbesondere in den gereimten Schlusscouplets seien die meisten humorvollen Elemente des Librettos zu finden – ein Signal an das Publikum, diese Szenen nicht allzu ernst zu nehmen. Das Bühnenbild betont jedoch zusätzlich den martialischen Aspekt einer Hofgesellschaft, in der auch härtere Spielarten gepflegt werden und ein Menschenleben wenig zählt. Bisweilen mag man hier auch an die Beschreibungen der römischen Gesellschaft denken, die Petronius in seinem "Satiricon" liefert. Auf einer Skala der moralischen Integrität wären Agrippina und Ottone an den beiden äussersten Enden zu finden. Auch wenn die Kaiserin in ihrer Verdorbenheit keine Figur sei, für die man Sympathie entwickeln könne, sei es doch schwer, sich ihrer Faszination und ihrem Charisma zu entziehen.

Ottone hingegen ist die einzige Figur, die in ihrem Handeln wirklich ehrlich und aufrichtig ist, was angesichts der ihn umgebenden Intriganten schon fast lächerlich wirkt. Nur schwer lässt er sich deshalb als Held oder Vorbild begreifen. Schliesslich sollte ein Held auch ein bisschen die Augen offen halten! Ob Ottone mit Poppea, der er sich mit Haut und Haar verschrieben hat, glücklich werden wird, darf ernsthaft bezweifelt werden. Poppea hat ihre Lektion bestens gelernt und erweist sich im Laufe der drei Akte als Agrippinas würdige Gegenspielerin, die ihre Rache an der Kaisergattin genussvoll auskostet. Was für Agrippina vielleicht die letzte Rolle ist, kommt für Poppea indes noch mit der Leichtigkeit eines Spieles daher.

Kaiser Claudius wird von Pountney als sympathischer, aber schwacher Charakter gesehen, der nicht mit Agrippina konkurrieren kann. Er ist nicht so getrieben wie die anderen Figuren, und wenn er am Ende mit Blick auf kommende mögliche Amouren auf den Thron verzichtet, ist das fast ein Zeichen von Grösse. Nicht vernachlässigt werden dürfen die kleineren Rollen, die für das Funktionieren der Handlung von grosser Bedeutung sind. Das gilt besonders für die Schattenfiguren Narciso und Pallante, die für David Pountney wie Brüder von Rosenkranz und Güldenstern aus Shakespeares "Hamlet" wirken.

Besonders eng arbeitet Pountney bei dieser Inszenierung mit der Choreografin Beate Vollack zusammen. Zum einen denkt man an vielen Stellen der Partitur unwillkürlich an Tanzmusik, die Bewegung geradezu herausfordert, zum anderen sorgt die tänzerische Umsetzung auch für Abwechslung in der strengen Form der Da-capo-Arien. Die aufwendigen, mit verschwenderischen Details ausgestatteten Kostüme von Marie-Jeanne Lecca zeigen moderne Figuren, jedoch nicht in plakativem Sinne. Die Protagonisten sollen nicht – wie oft zu sehen – auf Vorstadtniveau reduziert werden, sondern auch in ihrem äusseren Erscheinungsbild der übertriebenen "Agrippina"-Welt entsprechen. David Pountney macht es Spass, ständig neue Wirklichkeiten und Aktionen für die Sänger zu erfinden und dabei immer wieder zu überprüfen, wieviel Absurdität, wieviel Surrealismus das Ganze verträgt. Als Devise gilt dem Regisseur, "to be absurd, but not silly". mk


Agrippina von Georg Friedrich Händel
Premiere: So 10. Mai 2009, 19 Uhr

Weitere Vorstellungen:
12./14./19./21./23./26. Mai 09



  •  10. Mai 2009 26. Mai 2009 /
8129-8129dsc00161.jpg
(c) Suzanne Schwiertz
8129-8129dsc0050.jpg
(c) Suzanne Schwiertz
8129-8129dsc0075.jpg
(c) Suzanne Schwiertz
8129-8129dsc0187.jpg
(c) Suzanne Schwiertz
8129-8129dsc7301.jpg
(c) Suzanne Schwiertz