Das Wiener Burgtheater feiert sein 250-jähriges Bestehen

Das 1776 von Kaiser Joseph II. per Dekret zum „Teutschen Nationaltheater“ erhobene Wiener Burgtheater feiert im Jahr 2026 sein 250-jähriges Bestehen. Es zählt zu den bedeutendsten Bühnen im deutschsprachigen Raum.

Anlässlich dieses Jubiläums zeigt das Theatermuseum im Burgtheater eine Ausstellung, die die wechselvolle Geschichte des Hauses von der Gründungszeit am Michaelerplatz über die glanzvolle Übersiedlung in das neue Gebäude am Ring bis in die Gegenwart nachzeichnet.

Exponate aus zwei Jahrhunderten – darunter historische Kostüme, originale Handschriften, Bühnenbildentwürfe, Fotografien und Theaterprogramme – eröffnen einen einzigartigen Blick auf die Welt dieses Theaters. Sie erzählen von den großen Persönlichkeiten auf und hinter der Bühne, von legendären Aufführungen, politischer Vereinnahmung, technischen Innovationen und gesellschaftlichen Erwartungen an „das Theater der Nation“.

Die Ausstellung macht sichtbar, was die „Burg“ in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten bewegt hat – und wie diese Bühne bis heute für lebendige Theaterkultur steht.

Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet das Modell des Alten Burgtheaters am Michaelerplatz. Dieses faszinierende Exponat macht die barocke Theatertechnik mit ihren Flugmaschinen, raffinierten Lichtsystemen und den „Telari-Wägelchen“, die blitzschnelle Kulissenwechsel ermöglichten, sichtbar. Das Gebäude war ein kultureller Magnet im Wien des 18. und 19. Jahrhunderts, bevor es 1888 abgerissen wurde, da es den aktuellen Sicherheits- und Komfortstandards in keiner Weise entsprach. Der Abschied von der geliebten Institution gestaltete sich höchst emotional: Nach der letzten Vorstellung höhlten die Zuschauer:innen das Gebäude buchstäblich aus. Tapetenstücke, Vorhangteile, Wandverzierungen und sogar Holzstücke aus dem Bühnenboden fanden als Souvenirs den Weg in ihre Häuser und Wohnungen.

Mit dem Umzug in das neue Haus am Ring, das von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer entworfen wurde, begann eine neue Ära: architektonisch imposant, technisch modern, aber in der Anfangszeit akustisch problematisch. Die Ausstellung erzählt diese Transformation nicht nur anhand der Baugeschichte, sondern verknüpft sie auch mit den Menschen auf, vor und hinter der Bühne. Ein Beispiel ist die gefeierte Schauspielerin Charlotte Wolter, die sich in ihrer Rolle als Adelheid in Götz von Berlichingen mit luxuriösen Kostümen selbst zur Kunstfigur stilisierte und damit den Begriff des Bühnenstars früh prägte.

Ein eigenes Kapitel ist dem Mythos des „Burgtheaterdeutsch“ gewidmet, jenem getragenen und präzisen Sprachstil, der einst als Ideal der Hochkultur galt. Heute wirken historische Tonaufnahmen oft manieriert, doch sie offenbaren, wie eng Sprache, Identität und Repräsentation einst miteinander verwoben waren. Besonders in der Zwischenkriegszeit und während des Nationalsozialismus wird deutlich, wie das Theater zur Projektionsfläche politischer Narrative wurde.

Der kuratorische Fokus liegt auf dem Zeitraum von 1914 bis 1955, einer Periode, die das Burgtheater mehrfach erschütterte – und doch weiterbestehen ließ. Bühnenbildfotografien aus dem Ersten Weltkrieg belegen den Gestaltungswillen von Künstlern wie Alfred Roller. Auch während der NS-Zeit wurde gespielt – unter ideologischer Einflussnahme und mit propagandistischen Zielen. Zugleich lässt sich an Regisseuren, Schauspieler:innen und Ausstattungen ablesen, wie ambivalent die Rolle des Burgtheaters war: Es war sowohl Mitläufer als auch Rückzugsort, Bühne für Systemkonforme wie für künstlerische Experimente.

Ein beeindruckendes Beispiel für die künstlerische Handschrift des 20. Jahrhunderts ist die Arbeit des Bildhauers Fritz Wotruba. Er entwickelte gemeinsam mit Gustav Rudolf Sellner die Bühnenbilder und Kostüme für einen Sophokles-Zyklus. Seine kubischen Formen und schweren Materialien machten die Bühne selbst zur Skulptur und brachen radikal mit dem illusionistischen Theaterbild früherer Jahrzehnte. Diese Verbindung von Konzeptkunst und dramatischem Text unterstreicht, wie sehr das Burgtheater auch ein Experimentierfeld war.

Die Ausstellung wirft ebenso Schlaglichter auf eher unterschätzte Aspekte der Theatergeschichte: Plakate, die erst ab den 1970er-Jahren eine visuelle Sprache entwickelten, Programmhefte, deren Gestaltung Aufschluss über kulturpolitische Strömungen gibt, sowie Funduskostüme, die von jahrzehntelanger Nutzung und Wandel zeugen. Auch die Aufführungspraxis von Shakespeares „Macbeth” über zwei Jahrhunderte hinweg zeigt eindrucksvoll, wie sich Bühnenästhetik und Dramaturgie verschoben haben – von naturalistischen Kulissen hin zu abstrakten Symbolräumen.

Den Schlusspunkt setzt die Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 1955, nur wenige Monate nach Unterzeichnung des Staatsvertrags. Grillparzers König Ottokars Glück und Ende wurde als patriotisches Zeichen des Neubeginns inszeniert, mit prägnanten Kostümen von Elli Rolf, die historischen Stil mit dem Formgefühl der 1950er Jahre verband. Dies ist ebenfalls Teil der Ausstellung: wie sich politische Zäsuren in künstlerischen Entscheidungen niederschlagen und wie sehr Theater auch eine Form der Selbstvergewisserung sein kann.

Die Ausstellung ist keine bloße Rückschau auf große Namen und Momente. Sie zeigt das Burgtheater als Spiegel einer Gesellschaft im Wandel, als Bühne der Macht, aber auch als Ort der Zwischentöne.

250 Jahre Burg
Ein Gastspiel des Theatermuseums
Bis 30. Juni 2026