5. Juni 2009 - 3:59 / Ausstellung / Archiv 
7. Februar 2009 14. Juni 2009

Seit dem Mittelalter ist das Triptychon in der abendländischen Kunst als Altar- und Andachtsbild von zentraler Bedeutung. Ende des 19. Jahrhunderts erfährt dieses spezielle Bildformat eine erstaunliche Wiederbelebung: einige Künstler knüpfen an das christliche Leidensmotiv an, andere laden säkularisierte Themen mit der "Pathosformel" des Triptychon auf.

Unter dem Eindruck zweier Weltkriege und des damit verbundenen menschlichen Leids setzen sich vor allem Otto Dix, Max Beckmann und Francis Bacon mit dieser Bildgattung auseinander. Auch zahlreiche Künstler der jüngeren Generation, darunter Jonathan Meese, Damien Hirst, Ricarda Roggan oder Björn Melhus, wählen das Triptychon als traditionsbeladenes, aber höchst reizvolles Format, das zugleich Offenheit und Geschlossenheit zulässt. Ist dies Zeichen einer neu erwachten Sehnsucht nach Spiritualität oder nach einer Vollkommenheit, die letztlich im Streben nach dem – lange verpönten – "Meisterwerk" ihren Ausdruck findet? Mit der großen Sonderausstellung "Drei. Das Triptychon in der Moderne" widmet das Kunstmuseum Stuttgart diesem prominenten Bildtypus erstmalig eine umfassende Werkschau. Auf rund 2000 Quadratmetern werden 60 Triptychen zusammengeführt, darunter internationale Leihgaben aus Tokio, New York, Washington, Barcelona, Zürich, Rom, Paris und London.

Das "Lexikon der Kunst" definiert das Triptychon als dreiteiliges Bild mit betontem Mittelteil, das dem Dargestellten eine gewisse Form der Würde verleiht. Zur Illustration verwendet das viel zitierte Standardwerk Otto Dix’ berühmtes Triptychon "Großstadt" von 1927/28. Seit über vierzig Jahren als Hauptwerk der städtischen Sammlung in Stuttgart zu sehen, wurde dieses monumentale Werk zum Ausgangspunkt der aktuellen Sonderausstellung. Tatsächlich erstaunte bei der Vorbereitung des Projekts, dass zu diesem zentralen Thema noch keine spezielle Ausstellung gemacht worden war und eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung bislang völlig fehlt. Das Kunstmuseum Stuttgart hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Spielarten und Ausprägungen des Triptychon vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute exemplarisch zusammenzustellen und zu ordnen.

Entgegen der allgemeinen lexikalischen Definition tritt die klassische Form des Dreitafelbildes mit betonter Mitte und schmaleren Seitenteilen sowie seine ursprünglich religiöse Funktion in den Hintergrund. Neben neuen Themen und Motiven finden sich auch erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten für die drei Bildtafeln: sie bekommen die gleichen Maße, werden nicht mehr direkt miteinander verbunden oder in Sonderfällen sogar erst nachträglich als Dreiergruppe arrangiert. Das wirft natürlich die Frage auf, ob jedes Dreitafelbild an sich noch als Triptychon betrachtet werden kann. In der Ausstellung wird diese Frage zur Diskussion gestellt und untersucht, inwiefern die "Drei" ihre Bedeutung als besondere Würdeform wirklich ablegen kann und will. Damit präsentiert die Stuttgarter Ausstellung erstmals Wandel sowie Aktualität dieses wirkungsmächtigen Bildtypus und erkundet zugleich dessen Grenzen zum Diptychon sowie zu Bildreihe und Sequenz.

Den Auftakt bilden Werke des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie Fritz von Uhdes "Die heilige Nacht" (1888/89) oder "Im Lübecker Waisenhaus" (1896) von Gotthard Kuehl. Hier zeigt sich exemplarisch die Neuinterpretation der christlichen Heilsgeschichte sowie der sentimentalistische und sozialkritische Ansatz aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Daran schließen sich zwei der größten Themenkomplexe des 20. Jahrhunderts an – Vergänglichkeit und Krieg. Sie werden durch Otto Dix und seine gewaltigen Kompositionen "Großstadt" (1927/28) und "Der Krieg" (1929–1932) eingeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrieren sich viele Künstler in Ost- und Westdeutschland auf gesellschaftliche und politische Ziele, wobei die deutliche Ablehnung des Krieges je nach Weltanschauung ganz unterschiedlich zum Ausdruck kommt. Markus Lüpertz zum Beispiel setzte in seinem monumentalen Werk "Schwarz-Rot-Gold I-II-III" von 1974 auf die Vieldeutigkeit seines sich dreimal fast identisch wiederholenden Kriegs-Stilllebens sowie auf die symbolische Bedeutung der im Bild verwendeten Nationalfarben. Willi Sitte dagegen knüpfte mit seinem "Höllensturz in Vietnam" (1966/67) an die Tradition historisch-politischer Gemälde an und wählte eine Darstellung des Jüngsten Gerichts von Rubens als Vorbild.

Max Beckmann und Francis Bacon setzten sich intensiv mit dem Triptychon auseinander und nutzten diesen Bildtypus, um darin sinnbildlich die menschliche Existenz zu fassen. Von Francis Bacon sind zwei Werke in Stuttgart zu sehen. Beide zeigen seinen Lebenspartner George Dyer, einmal in dem großformatigen Triptychon "Three studies of a male back" (1970) sowie in dem intimen Dreierporträt "Three studies of George Dyer" (1969). Zwei Hauptwerke Max Beckmanns konnten aus den USA für die Ausstellung gewonnen werden: "Beginning" (1946–1949) vom Metropolitan Museum of Art in New York und "The Argonauts" (1949–1950) aus der National Gallery of Art in Washington.

Das Triptychon blieb aber nicht der gegenständlichen Kunst allein verpflichtet. Abstrakte wie Minimalisten bedienten sich des dreiteiligen Bildformats, um Objekt, Farbe und Form eine in eine spannungsreiche Harmonie zu setzen oder ihnen eine zeitenthobene Gültigkeit zu verleihen. So ordnet die Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp in ihrem frühen abstrakten "Triptychon" von 1918 drei Bildtafeln als geometrisch rhythmisierte Flächen an. Der Hauptvertreter des geometrischen Konstruktivismus, der deutsche Op-Art Künstler Adolf Fleischmann, ist mit seinem "Triptychon #509, #508, #510. Planimetric Motion" (1961) ebenso in der Ausstellung vertreten wie Yves Klein und Ellsworth Kelly, die ihre reduzierten Farbflächen in Dreiergruppierung anordneten.

Auch Materialkünstler wie Niki de Saint-Phalle, Antoni Tàpies, Dieter Roth oder Jannis Kounellis laden ihre Arbeiten immer wieder mit der "Pathosformel" des Triptychons auf: Niki de Saint-Phalle bildet für ihr Werk "O.A.S." (1962) die Form eines gotischen Flügelaltars nach, während Dieter Roth mit seinen "Interfaces" (1977/78) tatsächlich klappbare Bildträger
schafft, in die er kleine Porträts einstellt. Die unterschiedlichen Positionen der zeitgenössischen Kunst in Bezug auf das Triptychon werden durch Exponate wie "Schwarzwasser (1991/92) von Franz Gertsch, Fotoarbeiten von Jürgen Klauke und Ricarda Roggan sowie Robert Longos politisch berührende Arbeit "The Haunting" (2005) vorgestellt. Das "Nantes Triptych" von Bill Viola und Videoinstallationen anderer Künstler runden schließlich die Entwicklung des Triptychons in der zeitgenössischen Kunst ab.


Drei. Das Triptychon in der Moderne
7. Februar bis 14. Juni 2009

Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
D - 70173 Stuttgart

T: 0049 (0)711 216-2188
F: 0049 (0)711 216-7820
E: info@kunstmuseum-stuttgart.de
W: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/

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