Das reisende Auge – Kathrin Sonntag und Gabriele Münter

In der Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg treten Fotografien der in Berlin geborenen Künstlerinnen Kathrin Sonntag und Gabriele Münter in einen Dialog, der eine zeitliche Differenz von mehr als einem Jahrhundert überbrückt.

Kathrin Sonntag (* 1981 in Berlin) hat sich auf die Spuren des bisher wenig bekannten fotografischen Werks einer der bedeutendsten Vertreterinnen des deutschen Expressionismus begeben. Mit Bildern aus ihrem eigenen fotografischen Archiv reagiert sie auf ausgewählte Fotografien von Gabriele Münter (1877–1962).

Gabriele Münters Fotografien sind 1899/1900 während ihrer zweijährigen Reise durch die USA entstanden. Die herausragende kompositorische Qualität der Aufnahmen belegt bereits vor Münters malerischem Schaffen ihre Suche nach einem künstlerischen Ausdruck. Kathrin Sonntag wurde durch Installationen bekannt, die eigenes und gefundenes fotografisches Bildmaterial in einen räumlichen Dialog setzen. Durch die Gegenüberstellung mit Münters Fotografien erzeugt Sonntag einen Resonanzraum in der Gegenwart, verweist spielerisch auf Korrespondenzen und stimuliert die Lust am Entdecken. Die Räume voller Echos und Widerhall lenken die Aufmerksamkeit auf die Frage, wie wir der Welt im Medium der Fotografie damals und heute begegnen.

Gabriele Münter. Aufbruch in Form und Farbe (2. OG)

Die monografische Ausstellung widmet sich Gabriele Münter (1877–1962), die zu den bedeutendsten Künstlerinnen des deutschen Expressionismus und zu den wichtigsten Stimmen der europäischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte. Ihr Werk erstreckt sich über mehr als 60 Jahre. Ausgehend von den Beständen der Sammlung Selinka des Kunstmuseums liegt ein Schwerpunkt der Ausstellung auf der Zeit zwischen 1908 und 1914, die zu den produktivsten Jahren ihres Schaffens zählt. Murnau im bayerischen Alpenvorland wurde in diesen Jahren Münters bevorzugter Malort, an dem ihre Fähigkeit zur Vereinfachung der Form, ihre Ausprägung klarer Farbkontraste und ihre zeichnerisch treffsichere Malweise zur vollen Entfaltung kamen. „Von nun an bemühte ich mich nicht mehr um die nachrechenbare, richtige Form der Dinge. Und doch habe ich nie die Natur überwinden, zerschlagen oder gar verhöhnen wollen. Ich stellte die Welt dar, wie sie mir wesentlich schien, wie sie mich packte.“ Diese Unmittelbarkeit und die Darstellung des subjektiven Erlebens sind kennzeichnend für den deutschen Expressionismus.

Neben ihrer „expressionistischen Periode” vor dem Ersten Weltkrieg, in der sie die Aktivitäten der Neuen Künstlervereinigung München und ab 1911 das ästhetische, intellektuelle und emanzipatorische Projekt des Blauen Reiters maßgeblich beförderte, gibt die Ausstellung anhand von rund 50 Arbeiten zugleich Einblick in ihre weiteren Lebensstationen und Entwicklungsphasen. Münters Werk ist nicht durch eine kontinuierliche Entwicklung gekennzeichnet, sondern durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Stile, Techniken und Vorlieben für bestimmte Motive. Immer wieder gibt es Neuanfänge und Rückgriffe, Brüche und Experimente. Die Ausstellung „Aufbruch in Form und Farbe“ führt die stilistische Vielfalt und Innovationskraft Gabriele Münters vor Augen und eröffnet vielschichtige Perspektiven auf ein bahnbrechendes Œuvre der Klassischen Moderne.

Lange Zeit fanden vorwiegend Münters Bilder aus der Zeit des Blauen Reiters Beachtung. Seit einigen Jahren wird der Eigenständigkeit ihres umfangreichen Schaffens auch international verstärkt Aufmerksamkeit zuteil, wie jüngst in Einzelausstellungen im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, im Musée d’Art Moderne de Paris und aktuell im Guggenheim Museum in New York. Die Ausstellung „Aufbruch in Form und Farbe“ im Kunstmuseum Ravensburg ist die erste Einzelausstellung nach 20 Jahren in Baden-Württemberg. Sie wird zusätzlich gefördert durch die Baden-Württemberg Stiftung.


Kathrin Sonntag und Gabriele Münter. Das reisende Auge (EG/1. OG)
Gabriele Münter. Aufbruch in Form und Farbe (2. OG)
22. November 2025 bis 22. März 2026