Das nationale Landschaftsbild der Schweiz um 1800

Die Graphische Sammlung der ETH Zürich präsentiert in ihrer Ausstellung, wie Künstlerinnen und Künstler um 1800 Gletscher, Alpen und Landleben neu entdeckten. Damit prägten sie das nationale Landschaftsbild der Schweiz.

„Es gibt zuverlässig kein Land, keinen Teil des Erdbodens, der in so vielen Hinsichten merkwürdig und interessant wäre als die Schweiz. Alles Schöne, Sanfte, Reizende, Heitere, Ruhige und Erquickende, was in der ganzen Natur zerstreut ist, scheint sich hier in einem kleinen Raum vereinigt zu haben”, schrieb der deutsche Arzt und Naturforscher Johann Gottfried Ebel und pries das Land als „Garten von Europa”. Seine Worte stehen exemplarisch für die Begeisterung, die die Schweiz im ausgehenden 18. Jahrhundert bei Reisenden aus ganz Europa auslöste.
Die Ausstellung zeigt, wie um 1800 jenes Bild der „schönen Schweiz” im In- und Ausland geprägt wurde, das bis heute nachwirkt.

Mit dem Aufkommen des Tourismus wurde die Eidgenossenschaft zu einem beliebten Ziel der Grand Tour auf dem Weg nach Italien. Mit den Reisenden wuchs auch die Nachfrage nach topografischen Ansichten und Darstellungen lokaler Traditionen und Bräuche – Souvenirs der neu entdeckten Orte, die das Bild der Schweiz weit über ihre Grenzen hinaus verbreiteten.

Angeregt durch das Interesse von außen begannen auch Schweizer Künstlerinnen und Künstler, ihr eigenes Land mit neuen Augen zu sehen. Die Landschaft rückte ins Zentrum einer eigenständigen künstlerischen Auseinandersetzung. Pioniere wie Caspar Wolf (1735–1783) wagten sich in die Hochalpen und hielten Gletscher und Felsformationen in eindringlichen Darstellungen fest. Johann Ludwig Aberli (1723–1786) schuf differenzierte Ansichten des Berner Oberlands und der Seenlandschaften, während Sigmund Freudenberger (1745–1801) das alltägliche Landleben einfing. Ihnen allen ist der unmittelbare Blick auf die Natur gemein: Sie arbeiteten nicht mehr ausschließlich im Atelier, sondern zeichneten direkt vor Ort, „après nature”. Mit dieser Hinwendung zur beobachteten Wirklichkeit wurde die direkte Naturbeobachtung zum künstlerischen Programm und markierte einen Wendepunkt in der Schweizer Landschaftskunst. Im Zentrum der Ausstellung steht die Zeichnung als eigenständiges künstlerisches Medium – nicht nur als Vorstufe von Druckgrafik und Malerei, sondern als Ausdruck autonomen bildnerischen Denkens. Grundlage bildet der umfangreiche Bestand an Schweizer Zeichnungen des 18. und 19. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich. Seit 2023 wird dieser Bestand im Rahmen des Forschungsprojekts „Schweizer Zeichnungen” in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich und mit Unterstützung der Stiftung Familie Fehlmann, Winterthur, wissenschaftlich erschlossen und digitalisiert. Die Ausstellung präsentiert erstmals zentrale Ergebnisse dieses mehrjährigen Projekts.

Die Graphische Sammlung der ETH Zürich besitzt rund 4.000 Handzeichnungen von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern des 18. und 19. Jahrhunderts. Neben Kompositionsskizzen, vorbereitenden Studien und Entwurfszeichnungen für Druckgraphiken sind auch ausgearbeitete Aquarelle und Gouachen mit Gemäldecharakter sowie genaue wissenschaftliche Zeichnungen im Bereich der Alpen- und Naturkunde zu finden.

Dank der Unterstützung der Stiftung Familie Fehlmann in Winterthur wird dieser in seinem Umfang einzigartige Sammlungsbestand im Rahmen des Forschungsprojekts „Schweizer Zeichnungen” – einer Zusammenarbeit der Graphischen Sammlung ETH Zürich mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich – wissenschaftlich erschlossen, untersucht, katalogisiert und digitalisiert.

Gletscher & Stromschnellen
Gezeichnete Schweiz um 1800
bis 5. Juli 2026