28. August 2007 - 4:48 / Walter Gasperi / Filmriss
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Kühl und genau geplant wird die Rache in Denis Dercourts Thriller aus dem Milieu der Kammermusiker serviert. Nie hat Mélanie verwunden, dass sie als 10-jähriges Mädchen bei der Aufnahmeprüfung fürs Konservatorium wegen der Unachtsamkeit einer Jurorin scheiterte. Zehn Jahre später schleicht sie sich ins Haus dieser Konzertpianistin ein.

Ehe der Vorspann vorüber ist, haben die Bilder und die Musik nicht nur vom musikalischen Talent und der Leidenschaft der 10jährigen Mélanie, sondern auch von ihrer familiären Situation als Tochter eines Metzgers erzählt. Und nur fünf Minuten später ist die junge Musikerin schon bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen, weil eine Jurorin, eine gefeierte Konzertpianistin, während ihres Vorspiels ein Autogramm gab und sie dadurch irritierte, hat sie deswegen ihre musikalische Begeisterung verloren und ihr Leben einen schweren Knacks bekommen. – Lachen wird man die von Déborah Francois voller Anmut, aber kühl gespielte Mélanie nicht mehr sehen.

Mit einer Ab- und einer Aufblende sind zehn Jahre vergangen und Mélanie ist eine junge Frau. Sie tritt eine Stelle als Praktikantin in einer Anwaltskanzlei an und springt so bald als Kindermädchen im Landhaus des Anwalts ein. Spätestens dort wird klar, dass sie dies alles genau geplant hat, denn Ariane (Catherine Frot), die Frau des Anwalts, ist die Jurorin von einst, die nun allerdings selbst seit einem Autounfall vor jedem Konzert unter Lampenfieber leidet. Bald kümmert sich Mélanie nicht nur um den Sohn, sondern wird auch für die Pianistin als Mädchen, das die Seiten umblättert, zur unentbehrlichen Stütze. Macht gewinnt Mélanie so über Ariane, macht sie sukzessive auch emotional von sich abhängig und wird diese Macht beziehungsweise Abhängigkeit gezielt und eiskalt ausnützen.

So kühl und so genau kalkuliert Mélanie ihre Rache vollzieht, so hat Denis Dercourt auch seinen Thriller inszeniert. Alles Nebensächliche wird ausgeblendet. Erzählt wird konsequent aus der Perspektive Mélanies, die beinahe in jeder Szene präsent ist, und die Handlung ist auf wenige Personen und Schauplätze reduziert. Konsequent und geradlinig wird die Handlung entwickelt, glasklar sind die farblich genau abgestimmten eleganten Bilder und dennoch beinhalten sie immer etwas Rätselhaftes, denn die unnahbare Mélanie lässt nicht nur die sie Umgebenden, sondern auch den Zuschauer im Dunkeln darüber, was sie genau plant.

An Gewalt jedenfalls hat sie kein Interesse, ihr Spiel läuft subtiler ab. Wirklich verletzen und sogar zerstören kann man nur dann jemandem, wenn man ihm etwas nimmt, was eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt. Wie Ariane der 10jährigen Mélanie mit der Musik förmlich das Leben genommen hat, so wird sie ihr jetzt auch zunächst sehr viel, ja sogar ein neues Lebensgefühl geben, aber freilich nicht aus sentimentalen Gefühlen heraus, sondern aus eiskaltem Plan.

Die Stringenz und Knappheit, mit der Dercourt, der selbst Bratsche spielt und am Konservatorium von Straßburg unterrichtet, das inszeniert hat, die exzellenten Darsteller und natürlich das Spiel mit der musikalischen Ebene verleihen diesem Psychothriller eine Spannung und eine Eleganz, die es zu einem Vergnügen machen dem Verlauf der Handlung zu folgen. – Dürftig wirkt hier nur das Ende, bei dem man Dercourt andererseits aber wieder zu Gute halten muss, dass er auch hier auf einen realitätsfernen großen Showdown oder Knalleffekt verzichtet.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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Das Mädchen, das die Seiten umblättert