Nach der Sommerpause präsentiert die Berufsvereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Vorarlbergs (BVKV) im Künstlerhaus Bregenz vier Ausstellungen, die unterschiedliche künstlerische Perspektiven auf gesellschaftliche, kulturelle und natürliche Lebenswelten eröffnen. Die gezeigten Arbeiten verbinden persönliche Geschichten mit Fragen nach Identität, Erinnerung, Transformation und den Grenzen zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft.
Der in Berlin lebende Künstler Filip Caranica bewegt sich in seiner Arbeit zwischen Bild und Klang. Ausgehend von zeitgenössischer Musik untersucht er Klang nicht nur als akustisches Phänomen, sondern auch als unsichtbare Interaktion zwischen Körpern sowie als Ausdruck gesellschaftlicher Beziehungen. Seine audiovisuellen Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit Migration und Identität sowie Materialität und Spiritualität. Für die Kellerräumlichkeiten des Künstlerhauses hat er eine raumgreifende Sound- und Videoinstallation entwickelt.
In der Ausstellung „Verwoben” treten die Vorarlberger Künstlerinnen Sabine Morgenstern und Maribel Rico in einen Dialog über weibliche Lebensgeschichten, Herkunft und kulturelle Identität. Im Mittelpunkt der Ausstellung im Erdgeschoss stehen Frauen, die ihre Ursprungsländer verlassen haben und ihre persönlichen Geschichten, Traditionen und Erinnerungen mit sich tragen. Fotografien und Texte von Sabine Morgenstern begegnen den Arbeiten von Maribel Rico, die sich in ihren Werken mit Malerei, Stickerei, Weberei und Mode mit dem Thema „Frau als Epizentrum“ auseinandersetzt.
Wilhelm Scheruebl widmet sich in „Die Sonne scheint“ den Strukturen und Prozessen der Natur. In seiner bildhauerischen und installativen Arbeit kreisen die Themen Werden und Vergehen, Ordnung und Chaos sowie die ständige Veränderung von Materie. Ausgangspunkt ist das Licht, dessen Wechsel von Hell und Dunkel für die Dynamik des Lebens steht. Die Pflanze wird dabei besonders zum Sinnbild für die natürlichen Kreisläufe von Wachstum, Blüte, Verfall und Neubeginn.
Mit „Hindukush Notebook: Das verbotene Land“ entführt Bianca Tschaikner in eine geografisch und emotional weit entfernte Welt. Ausgangspunkt ist eine Recherchereise in den Hindukusch im Jahr 2022 und die Auseinandersetzung mit der geheimen Dichtung der dort lebenden Frauen, dem sogenannten Dappa. Landkarten, Malereien und hauchdünne, teilweise vom Brand verformte Porzellanplatten mit Gedichtfragmenten erzählen im Dachgeschoss des Künstlerhauses von Liebe, Krieg, Unterdrückung und weiblicher Selbstbestimmung.
Am Samstag, dem 3. Oktober 2026, öffnet das Künstlerhaus Bregenz zur „ORF-Langen Nacht der Museen“ von 18 bis 24 Uhr seine Türen. Bei der Langen Nacht sind alle ausstellenden Künstlerinnen und Künstler anwesend. Neben Führungen und einem Vortrag wird auch zu einem Konzert geladen.
Führungen ab 18 Uhr: Laufend Führungen der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler.
Vortrag um 19 Uhr: Reisevortrag Bianca Tschaikner: „Das verbotene Land – auf den Spuren der Dappa-Dichterinnen im Hindukusch“.
Konzert um 20:30 Uhr: Konzert mit Yenisey Rodriguez und Marta Duarte d’Almeida im Rahmen der Ausstellung „Verwoben“.
Die Ausstellungen im Detail
„Heralds‘ Waves”
Filip Caranica
↗ www.filipcaranica.com
Das Arbeiten zwischen Medien und im Austausch mit unterschiedlichen künstlerischen Praktiken ist eine zentrale Methode in der Praxis von Filip Caranica. Sie ist eng mit seiner Biografie verbunden. Aufgewachsen in einer migrantischen Familie, die dem rumänischen Ceaușescu-Regime der 1980er Jahre entkommen war, wurde das Dazwischen-Sein im demokratischen Deutschland der 1980er und 1990er Jahre für ihn zu einer Strategie im Umgang mit kultureller, emotionaler und materieller Unsicherheit. Diese postsowjetisch-migrantische Erfahrung wirkt auf formaler und konzeptueller Ebene in seiner Arbeit fort. Grundlegende Eigenschaften von Klang – sein Oszillieren zwischen Präsenz und Abwesenheit, seine Durchlässigkeit und Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten – dienen ihm als Koordinaten seiner künstlerischen Arbeit. Durch Synchronisierung, Verschiebung und Resonanz entwickelt er Verflechtungen von Bild und Klang, in denen beide einander zu kontrollieren scheinen.
Im Kellergeschoss des Künstlerhauses Bregenz zeigt „Heralds‘ Waves” eine audiovisuelle Arbeit, die aus einer Soundinstallation und drei Videos besteht. Diese sind miteinander synchronisiert und ergeben ein audiovisuelles Ganzes. In dem ehemals von Hochadel genutzten Stadtpalais trifft Filip Caranicas Interesse für Klang und Resonanz als Modell für unsichtbare zwischenmenschliche Interaktion auf drei Heroldstrompeten mit Bannern, die sich gegenseitig umwirbeln und an den Stellen ihrer Zusammenstöße Licht erzeugen. Parallel dazu verlässt eine Österreichkarte den Bereich des Symbolischen, um zu einem fleischigen Lappen zu werden, während ein Ohr in den Wellen enthusiastischer Stadiongesänge schwimmt.
Heroldstrompeten sind Schallerzeuger und zugleich Wappenträger. Sie verbinden Klang und Symbol und machen Identität auf akustische und visuelle Weise erfahrbar. In „Heralds’ Waves” kehrt sich das Verhältnis von Sender und Empfänger um: Drei in Dunkelheit schwebende Heroldstrompeten werden selbst zu Empfängern. Der Schall einer rhythmischen Stimme aus dem Off bringt eine von ihnen in Bewegung, welche wiederum die beiden anderen in Gang setzt. So kreisen die drei Trompeten und ihre Banner umeinander. An ihren Berührungspunkten entsteht Licht und damit eine Vielzahl von Momentaufnahmen ihres zweckentbundenen Zusammenspiels. Auf der anderen Seite der Installation trifft unterdessen eine zweite rhythmische Stimme auf eine frei hängende Österreichkarte und versetzt sie in Bewegung. Bei jedem Impuls sackt die Karte elastisch in sich zusammen. Auch hier wird ein Symbolträger nach Umkehrung seiner Wirkungsrichtung zweckentbunden.
Unterhalb der Stimmen liegt eine konstante, diffuse Klangfläche aus elegisch-fanatischen Stadiongesängen. Es ist der Klang verstärkter Identität, vor dessen Hintergrund der Titel „Heralds’ Waves” auch an eine Masse von Herolden denken lässt, die sich – wenn sie nicht selbst Identität vermitteln – selbst begeistert in die Wellen verstärkter Identität werfen. Das Ohr, das als Erstes zu sehen ist, wenn man die Installation betritt, scheint in diesen Wellen zu schweben. Es reagiert nicht auf klangliche Impulse der Stimmen, sondern schwebt gleichförmig in den Wellen der Stadiongesänge wie ein Seepferdchen in seinem natürlichen Lebensraum.
„Verwoben“ – Sabine Morgenstern und Maribel Rico
↗ www.sabinemorgenstern.com
↗ www.maribelrico.art
Ein Dialog zwischen Frauen.
Geschichten, die sie verweben. Der rote Faden ist das Leben selbst. Sie singen, machen Musik, tanzen, schreiben und erschaffen imaginäre Welten. Sie sind Mütter, Lehrerinnen, Freundinnen, Weberinnen, Musikerinnen und Kreative. Sie sind Tausende Kilometer gereist. Aus diversen Gründen haben sie ihre Ursprungsländer hinter sich gelassen. Ihr Gepäck sind ihre Kultur und ihre ganz persönliche Geschichte, die sie mit uns in dieser Ausstellung teilen.
Die Intervention im Erdgeschoss des Künstlerhauses Bregenz, in der Fotos und Texte der Künstlerin und Fotografin Sabine Morgenstern zu sehen sind, erzählt in einem intimen Kontext vom Leben der Protagonistinnen und porträtiert ihre Persönlichkeiten durch Objekte aus ihren Herkunftsländern, zu denen sie eine enge Verbindung haben.
Die bildende Künstlerin Maribel Rico führt diesen Dialog mit verschiedenen Techniken und Materialien wie Malerei, Stickerei, Weberei und Mode fort und stellt in ihrer Arbeit die Frau in den Mittelpunkt. Dank der Kooperation mit Stephanie Wladika von der Creative Schneiderei konnte ein Kleidungsstück umgesetzt werden. Eine weitere Arbeit konnte gemeinsam mit der Schneiderin Edith Pichler realisiert werden. Beide Gemeinschaftsarbeiten bereichern die Ausstellung mit ihrer qualitativ hochwertigen Handarbeit.
„Die Sonne scheint“
Wilhelm Scheruebl
↗ www.scheruebl.at
Wilhelm Scheruebl ist ein in Radstadt lebender Bildhauer. Er absolvierte die Akademie der bildenden Künste Wien bei Bruno Gironcoli.
Er beschäftigt sich mit den überall zu findenden Strukturen und Prozessen des Natürlichen: selbstorganisierte Strukturen des Aufbaus und der Transformation, die in zwischenmenschlichen Netzwerken ebenso sichtbar werden wie in der Zellstruktur eines Stängels. Formbildungsprozesse sind Balancen, die zwischen Ordnung und Chaos schweben. An den Anfang seiner Reflexionen stellt Scheruebl das Licht, das im Wechselspiel von Hell und Dunkel die Dynamik des Werdens in Gang bringt. Was wir unter Natur verstehen, sagt der Philosoph und Soziologe Georg Simmel in seiner „Philosophie der Landschaft“ (1913), sei der „endlose Zusammenhang der Dinge, das ununterbrochene Gebären und Vernichten der Formen, die flutende Einheit des Geschehens“. Materie, jeder Stoff, ist in beständiger Umwandlung begriffen. Die Kreisläufe der Natur – vom Wechsel der Jahreszeiten bis zum sicheren Ende unserer körperlichen Existenz – machen dies deutlich. Exemplarisch für diesen Wandel, das stete Werden, steht die Pflanze. Sie repräsentiert den Zyklus vom Keimling über die Blüte zur Samenbildung, bis sich aus dem abgestorbenen Pflanzenmaterial wieder neue Erde bildet – ein Jahreslauf.
„Hindukush Notebook: Das verbotene Land“
Bianca Tschaikner
↗ www.biancatschaikner.com
Das Kunstprojekt „Das verbotene Land“ basiert auf einer Recherchereise in den Hindukusch im Jahr 2022, die Bianca Tschaikner gemeinsam mit ihrer Kollegin Ursula Kiesling und der pakistanischen Professorin und Kulturaktivistin Dr. Sajda Vandal unternahm.
Auf ihrer Reise recherchierten sie zu Dappa, der geheimen, aufsässigen Dichtung der Frauen der im Hindukusch lebenden Stämme. Sie fanden sich in einer konfliktreichen Gegend wieder, die von Kriegen, einem brutalen Patriarchat und den Taliban heimgesucht wird.
Die mit ihnen geteilten Gedichte handelten von (natürlich verbotener) Liebe, Krieg, Tod und Unterdrückung. Sie bieten den Frauen eine Möglichkeit, unterdrückte und verbotene Gefühle auszudrücken. Die Gedichte sind sinnlich, direkt, frech und erdverbunden. Leider gehen viele von ihnen verloren, da sie nicht aufgeschrieben werden – die meisten der Dichterinnen sind Analphabetinnen.
Das Projekt besteht aus einer Serie von Landkarten, Malereien und Gedichtfragmenten auf Porzellan, die auf dem Notizbuch der Hindukusch-Reise basieren. Sie stellen eine Erkundung der geografischen und emotionalen Landschaft dar, die Bianca Tschaikner im Hindukusch vorfand. Sie zeichnen eine Reise in ein verbotenes, verborgenes Land voller Magie und Terror nach – ein (weibliches) Land, das nicht existieren darf, aber existieren muss, denn ohne Frauen kann natürlich nichts existieren.
Die hauchdünnen Porzellanplatten verweisen auf die Blätter des Notizbuchs der Künstlerin und erinnern gleichzeitig an Scherben und Fragmente bemalter Töpferware. Einige Stücke sind durch den Brand (1260 °C) gesprungen und verbogen. Es sind dunkle, zerbrechliche Dokumente, die auf die fragmentierte, fragile Existenz von Frauen hinweisen. In ihrer Materialität klingt die Erdverbundenheit der Dappa-Dichtung wider, die im Gegensatz zur klassisch-persischen Dichtung, die stark von Männern geprägt ist, weder Geziertheit noch Transzendenz kennt, sondern die menschliche Existenz und die Erde, auf der sie lebt, in den Mittelpunkt stellt. Die Materialität der Arbeiten spiegelt Töpferware wider, die eng mit der Dappa-Dichtung verknüpft ist: Einer der wenigen Orte, an dem sich Frauen (ungestört von Männern) treffen und Dappa praktizieren können, ist der Gudar, eine Wasserquelle. Dort holen die Frauen Wasser, während sie bemalte Tongefäße auf dem Kopf tragen. Der Gudar ist der wichtigste Treffpunkt der Frauen. Es ist ein Ort der Freiheit, an dem Gedichte gesungen, improvisiert und ausgetauscht werden – so wird die Wasserquelle zu einer Quelle der Dichtung.
Bianca Tschaikner, geboren 1985, lebt und arbeitet in Dornbirn, Österreich. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Wien sowie Mediengestaltung in Dornbirn und Santiago de Chile. Von 2012 bis 2014 absolvierte sie ein Studium der Druckgrafik an der International School of Graphic Arts Il Bisonte in Florenz sowie an der Fundación CIEC in Betanzos, Spanien. 2017 schloss sie ihren Master in Illustration an der Accademia di Belle Arti in Macerata ab.
Ihre Arbeit umfasst Druckgrafik, Zeichnung, Text, Keramik sowie verschiedene Buch- und Kunstbuchprojekte. Thematisch befasst sie sich mit der Erforschung kultureller Narrative in verschiedenen Ländern und Kulturen während ausgedehnter Auslandsaufenthalte, beispielsweise in Pakistan, Indien, Jordanien, dem Iran, Italien und Spanien. Dabei verfolgt sie einen anthropologischen Ansatz und interessiert sich besonders für Mikrogeschichte, Mythologien, ländliche Gesellschaften und weibliche/matriarchale Lebenswelten.
Dabei ist der zentrale Punkt ihrer Arbeit das Geschichtenerzählen in Bild und Text und die Suche nach Geschichten, Bildern und Atmosphären in verschiedenen Mikrokosmen.
Ihre Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen in Institutionen, Galerien und Museum auf der ganzen Welt gezeigt, zum Beispiel im Österreichischen Kulturforum New Delhi und Belgrad, im MAC Museo de Art Contemporaneo (Spanien), im Institute of Arts and Culture Lahore (Pakistan), und Bilbao Arte (Spanien). Über ihre Arbeit wurde im VICE Magazine, der HuffPost, dem Harper’s Bazaar India und dem Guardian berichtet.
Zahlreiche internationale Artist Residencies, zum Beispiel Fundacío Miró Mallorca, Villa Lena Foundation, Österreichische Botschaft Islamabad, Österreichisches Kulturforum Teheran und ICA Lahore.
Ausstellungsdauer: 3.10. – 15.11.2026
Eröffnung: Freitag, 2. Oktober 2026 um 19 Uhr
ORF-Lange Nacht der Museen: Samstag, 3. Oktober 2026, 18 – 24 Uhr
Öffnungszeiten der Ausstellungen:
Mittwoch bis Samstag, 14–18 Uhr, Sonn- und Feiertage, 11–17 Uhr