Das Museum der Moderne Salzburg am Mönchsberg präsentiert das eindringliche Spätwerk eines der prägendsten Künstler der Gegenwart. Die Ausstellung zeigt großformatige Gemälde der letzten zehn Jahre.
Der Maler, Bildhauer und Grafiker zählt zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Sein Werk umspannt knapp sieben Jahrzehnte internationaler Ausstellungstätigkeit und wurde mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. 1938 als Hans-Georg Bruno Kern im sächsischen Deutschbaselitz geboren, erlebte der Künstler den Zweiten Weltkrieg, den Faschismus, das Kriegsende und die Teilung Deutschlands in den prägenden Jahren seiner Kindheit, Jugend und seines Studiums. Seit 1969 unterläuft er mit der radikalen Umkehrung seiner Motive die Konventionen des Sehens und verschiebt die Frage nach dem Bildinhalt hin zur Malerei selbst.
Das Museum der Moderne Salzburg betrachtet sein Werk aus der Perspektive von heute neu – in seiner ganzen ästhetischen und intellektuellen Schärfe. Die gemeinsam mit dem Künstler entwickelte Doppelausstellung schlägt den Bogen von seinen frühen Zeichnungen der 1960er-Jahre bis hin zu seinen monumentalen Gemälden der Gegenwart. Diese beiden Pole eignen sich gut, um Reflexionen zum Ineinandergreifen von Biografie, künstlerischer Entwicklung und Allgemeingeschichte anzustellen.
Georg Baselitz wandte sich früh gegen eine als geschichtsvergessen empfundene Abstraktion, befasste sich mit deutscher Identität und formulierte in den 1960er-Jahren gemeinsam mit seinem Studienkollegen Eugen Schönebeck die Pandämonischen Manifeste. Mit demonstrativer Figuration, bewusster Provokation und der Verbindung kunsthistorischer Traditionen mit einer rauen, existenziellen Bildsprache avancierte er zu einer zentralen Erneuerungsfigur der Nachkriegskunst.
In seinen frühen Zeichnungen setzt er sich mit einem von physischer und psychischer Versehrtheit geprägten Menschenbild im geteilten Nachkriegsdeutschland auseinander. Thematisiert werden Kriegszerstörungen, der Wiederaufbau sowie die neuen Feindseligkeiten des Kalten Krieges und des Mauerbaus. Als Gegensatz oder Weiterentwicklung dieser desillusionierten, von Geschwüren und Verletzungen gezeichneten „Helden” seines Frühwerks steht im Spätwerk die Zerbrechlichkeit des Älterwerdens im Fokus – „Helden” des Alters, die im „Jetzt” Kraft schöpfen.
In den Großformaten ist die Symbolik fragiler und auf berührende Weise biografisch geprägt. In zarten, an das grafische Œuvre erinnernden Linien, den hingeworfenen, kraftvollen Pinselstrichen und den von Spuren der Malwerkzeuge sowie der Bewegung seines Körpers über die Leinwand gezeichneten, stets auf den Kopf gestellten Figuren reflektiert Baselitz Themen wie Alter und Vergänglichkeit – und nicht zuletzt auch sein eigenes Dasein und das seiner Frau Elke.
In ihrer Farbigkeit rangieren die Gemälde zwischen Schwarz-Weiß, das an Fotonegative erinnert, schwarzen Figuren auf einem ikonenhaften Goldgrund und einer breiten Palette an Pastelltönen, denen Nylonstrümpfe als Applikationen und farblicher Akzent beigefügt sind. Letztere wurden von Hannah Höch und dem Dadaismus des Nachkriegsdeutschlands von 1919 inspiriert – Erinnerungsfragmente an eine längst vergangene Zeit. So verbinden sich in den Gemälden Vergangenheit und Gegenwart miteinander und mahnen die Flüchtigkeit unseres Daseins.
Eines der zentralen Genres im Werk von Georg Baselitz ist das Porträt. Ausgangspunkt der weiblichen Bildnisse ist seit den 1970er-Jahren stets seine Frau Elke, häufig auch gemeinsam mit ihm im Doppelporträt. Die beiden lernten sich 1958 während ihres Kunststudiums kennen. Bald schon wurde sie zu seiner wichtigsten Kritikerin und Unterstützerin.
An diesen Motiven untersucht Baselitz grundlegende formale Fragen der Malerei. Anstelle realistischer Darstellungen entstehen Erinnerungsbilder, die Gedanken über Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit, Stille sowie berührende innere Dialoge zwischen den Figuren vermitteln. Die Fragmentierung der Körper, die mitunter skelettartig wirken oder lediglich mit einer sehr dünnen Haut versehen sind, bildet einen Bogen zu seinen frühen Zeichnungen aus den 1960er-Jahren. In dieser Zeit begann er, sich mit dem französischen Denker und Künstler Antonin Artaud und dessen Existenzialismus zu beschäftigen. Ihre Skizzenhaftigkeit lässt die Bilder zwischen Abstraktion und Gegenstand, zwischen Motiv und Befreiung von diesem balancieren. Das gestisch-bewegte Arbeiten steht dabei im Mittelpunkt und ist einem konkreten Bildsujet übergeordnet. Der nur sporadisch durch skizzierte Stühle und Betten angedeutete Bildraum wird zu einer traumartigen Umgebung, in der sich der Künstler in Begleitung seiner Frau Elke in einen Schwebezustand außerhalb von Raum und Zeit versetzt.
Mit den jüngst entstandenen großformatigen Werken hat der Künstler erneut höchste Beachtung in der Kunstwelt gefunden und die stetige Weiterentwicklung seiner Bild- und Formensprache unter Beweis gestellt. Die Ausstellung mit insgesamt 24 vor allem großformatigen Gemälden ist eine Aufforderung zum Nachdenken, ein klares Bekenntnis zu unserem flüchtigen und fragilen Dasein und eine Hommage ans Leben im Hier und Jetzt. Die Schau ist eine logische Fortsetzung der retrospektiv angelegten Ausstellung von 2009, die eine Auswahl an Gemälden und Skulpturen aus den Jahren 1960 bis 2007 zeigte.
Baselitz Jetzt
bis 18. Oktober 2026