Das Begräbnis der Zuversicht bei den Montforter Zwischentönen

Der traditionelle philosophische Nachruf gilt diesmal der Zuversicht: Lisz Hirn würdigt die Dahingeschiedene, das Requiem erklingt von begnadeten Musikern auf Gitarre und Posaune, dazu noch Lesung und die Fürbitten. Seit Jahren beauftragen die Montforter Zwischentöne die interessantesten Denker:innen des deutschsprachigen Raums mit Totenreden zum ausgerufenen Festivalthema, ebenso Vorarlberger Baukünstler:innen mit der Gestaltung des Verabschiedungsraums im Alten Hallenbad.

Das Setting wirkt im ersten Moment recht nüchtern. Im hell-erleuchteten Raum gruppieren sich die Stuhlreihen vor einer leicht gefalteten Spiegelwand. Erwartungsvoll blickt man also auf die Bühne und kann zugleich die Eintreffenden beobachten. Die Überraschungsmomente werden sich später einstellen. Es beginnt andächtig-transzendent, einem Begräbnis adäquat, mit der Sarabande-Melodie aus der ersten Cello-Suite von J. S. Bach. Bertram Burkert werden vom Meistergitarristen Paul Shigihara stilistische Vielfalt, Klangempfinden auf der elektrischen und akustischen Gitarre und hohe Improvisationskunst attestiert. Dies im Zusammenspiel mit dem Komponisten und Posaunisten Johannes Lauer. Der Posaunenprofessor an der Hochschule Leipzig verbindet Jazz von New Orleans bis Avantgarde, Traditionelle Musik aus Osteuropa oder Afrika, Experimentelle Popmusik und Klassik. Ein bedeutungsvoller Einstieg.

Es folgt die Lesung, dargebracht von der Schauspielerin Sara Nunius, ein Text aus den Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel (121–180). Diese stellen die letzte bedeutende Hinterlassenschaft aus der philosophischen Schule der jüngeren Stoa dar, worin der Kaiser sein Weltbild in persönlichen, aphoristischen Beobachtungen sein Weltbild im Selbstdialog vermittelt. Man möchte gerne Mitlesen, um besser folgen und mehr davon verstehen zu können. Dann „Something …” von den Beatles, „… don´t want to leave her now / you know I believe and how …”, sehnsüchtige Stimmung macht sich breit.

In Erinnerung und Dankbarkeit gedenkt Lisz Hirn der Zuversicht, die uns nach mehreren Krisen verlassen hat. Ihre Verwandten seien Vertrauen und Hoffnung, die den Verlust wohl nicht zu kompensieren vermögen, denn im Wartesaal der falschen Hoffnung warte die Enttäuschung. Die Zuversicht habe sich im Gegensatz zu ihrer passiven Schwester immer auf das eigene Handeln verlassen. Der Mensch sei ein trostbedürftiges Wesen, so kann ihm vielleicht ein gesundes Misstrauen gepaart mit Humor darüber hinweghelfen. 

Unmerklich hat sich der Raum verändert. Die Lichtpunkte an der Bühnenwand scheinen heller, das Publikum verschwindet, sichtbar wird das Dahinter mit den Scheinwerfern. Der Feldkircher Architekt Ulf Hiessberger und der Künstler Gerold Tagwerker haben eine Spionspiegelwand aufgestellt, die das eintreffende Licht der einen Seite weitgehend reflektiert und das der anderen Seite komplett absorbiert. Durch Variation der Lichtintensität wird der Spiegel durchsichtig. Interessant, dass dieser Effekt die Konzentration auf die Trauerrede nicht schmälert, eher im Gegenteil, es wird intensiv und andächtig.

Und schließlich die von der Philosophin formulierten Fürbitten: „Wir bitten um tägliche Einsicht in unsere Unzulänglichkeiten, die Umsicht mit diesen umzugehen, und die Zuversicht, dieses Prozedere bis zum Ende unserer Existenz wiederholen zu können.“
Was für ein würdiges Begräbnis. Ergriffen und getröstet ziehen wir von dannen.

Lisz Hirn studierte Geisteswissenschaften und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Als Publizistin und Dozentin ist sie in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig sowie als Künstlerin an internationalen Kunstprojekten beteiligt. Seit 2014 lehrt sie an der Universität Wien. Zu ihren wichtigsten Publikationen gehören „Der überschätzte Mensch“ (2023) oder „Wer braucht Superhelden. Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten.“ (2020).

Das Begräbnis der Zuversicht
Mit einer Totenrede von Lisz Hirn
Lesung und Fürbitten: Sara Nunius
Musik: Bertram Burkert, Gitarren; Johannes Lauer, Posaune 
Bühne: Ulf Hiessberger/Gerold Tagwerker 
Montforter Zwischentöne im Alten Hallenbad, Feldkirch