28. Oktober 2008 - 7:35 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ebenso unterhaltsam wie informativ setzt sich Stefan Schwietert in seinem facettenreichen Dokumentarfilm in kurzen, aber pointierten Szenen mit dem ureigenen Schweizer Musikinstrument auseinander.

Nach den bewegenden Porträts der "Epstein Brothers" und ihrer Klezmer Musik ("A Tickle in the Heart", 1996) und des 93-jährigen kolumbianischen Accordeonspielers Francisco "Pacho" Rada ("El Accordéon del Diablo", 2000) und noch vor "Accordion Tribe" (2004) und "Heimatklänge" (2007) drehte der in Deutschland geborene, aber in Basel aufgewachsene Stefan Schwietert "Das Alphorn" (2003).

Auf die bewusst kitschig in Szene gesetzte Sage "Wie das Alphorn in die Welt kam", folgt die wissenschaftliche Erklärung über die Entstehung dieses Musikinstruments. Über ein Jodlerfest, bei dem die in Verbänden zusammengeschlossenen Alphornbläser auftreten, kommt Schwietert zu dem zeitgenössischen Komponisten Hans-Jürg Sommer. Mit seiner Musik versuchte Sommer schon vor 20 Jahren die Möglichkeiten des Alphorns auszuschöpfen, doch damals wurde er von den Jodlerverbänden angefeindet und abgelehnt, weil er die traditionelle Musik modernisierte.

Locker reiht Schwietert diese Szenen aneinander und lässt dabei immer wieder Tradition auf Moderne prallen. - Nicht nur Spannung und viel Witz, sondern auch produktive Reibungen entstehen aus diesen pointiert ins Bild gerückten Gegensätzen.

Mit dem Innerschweizer Hans Kennel, der der Alphorn-Musik Jazz-Elemente beimengt, und dem Glarner Balthasar Streiff kommen weitere avantgardistische Alphornbläser zu Wort. Sie erschließen nicht nur neue Klangmöglichkeiten, sondern auch neue Aufführungsräume wie eine Bahnhofshalle, Rolltreppen oder eine Autobahnbrücke.

Schwietert lässt der Musik viel Raum und macht so ihre faszinierende Vielfalt und ihre großen Möglichkeiten spürbar. Feinfühlig werden Interviews mit Musikszenen verbunden, in denen jeder Hintergrund ausgeblendet wird und die ganze Konzentration auf den Musikern und den Klängen liegt.

Die reduzierten Möglichkeiten des Horns werden als Chance gedeutet zu experimentieren, neue Wege zu suchen. Im Kontrast zu Streiff und Kennel, die eine ständige Erneuerung der Musik fordern und alle Reglementierungen ablehnen, steht die kommerzielle Vermarktung, die Folklore: Japaner besuchen eine Alphornfabrik, ein Ur-Schweizer reist als Botschafter Schweizer Kultur in alle Länder der Welt und gibt auf dem Pilatus volkstümliche Konzerte für die Touristen.

Schwietert kommentiert nicht, stellt die Folkloristen kommentarlos den Avantgardisten gegenüber, doch allein durch diese Anordnung wird Kritik geübt am Heimattümelnden und Nationalistischen, an konservativen Vereinen, die durch strenge Vorschriften Stillstand verursachen und jede Innovation be- oder sogar verhindern.

In jeder Szene dieses vielschichtigen, von Pio Corradi wunderbar fotografierten Kaleidoskops ist Schwieterts Begeisterung über die klanglichen Möglichkeiten des Alphorns spürbar. - Ansteckend wirkt diese Werbung für Erneuerung und ständige Weiterentwicklung traditioneller Musik, mitreissend ist diese Dokumentation der vielfältigen Möglichkeiten eines oft verkannten Musikinstruments. - Ein Blasen mit 16 Alphörnern bildet den stimmungsvollen Abschluss dieses rundum gelungenen Dokumentarfilms.

Wird heute (28.10.) um 20.30 Uhr am Spielboden Dornbirn gezeigt

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