26. April 2010 - 4:00 / Film 

Mit der Verleihung des Crossing Europe Award European Competition für "Crnci – The Blacks", des ray Publikumspreises an "Coeur animal" und des Dokumentarfilmpreises an "Videocracy" ging die siebte Auflage des Linzer Filmfestivals Crossing Europe zu Ende. Kompromisslose Autorenfilme gab es nicht nur im Wettbewerb zu entdecken, sondern auch im "Panorama Europa". – Den Weg ins Kino werden aber wohl nur die wenigsten Filme finden.

Hochwertig präsentierte sich der Wettbewerb des siebten Crossing Europe Filmfestivals. Nicht nur die Siegerfilme "Crnci - The Blacks" und "Coeur animal", sondern auch "Ordinary People" oder der rumänische Beitrag "Francesca" hinterließen einen starken Eindruck. Wie Bobby Paunescu vor dem Hintergrund der desolaten rumänischen Hauptstadt Bukarest parallel vom Auswanderungsversuch der dreißigjährigen Protagonistin nach Italien und dem zunehmenden Druck einer kriminellen Bande auf ihren verschuldeten Freund erzählt, entwickelt durch die Konsequenz des undramatischen Beobachtens Intensität. Auf Schnitte verzichtet Paunescu weitgehend, baut dafür – wie schon Cristian Mungiu in "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" - in minutenlangen, weitgehend unbewegten Einstellungen, unterstützt von großartigen Darstellern, große Spannung auf.

Entspannung bot bei dem mit ernsten Themen nicht sparenden Wettbewerb Franz Müller mit "Die Liebe der Kinder": Über Internet-Dating – da nimmt man es bei den Angaben mit der Wahrheit ja nicht so genau - lernen sich die Bibliothekarin Maren und der Baumschneider Robert, die einen Sohn bzw. eine Tochter im Teenager-Alter haben, kennen. Eigentlich passen sie ja gar nicht zusammen: Sie ist eine Intellektuelle, die an einem wissenschaftlichen Buch schreibt und gern ins Theater geht, er hat mit Hochkultur wenig am Hut, sitzt dafür gerne mit seinen Kumpeln im Irish Pub. Dennoch zieht Maren mit ihrer Tochter bei Robert ein - und bald entwickelt sich eine Beziehung zwischen den Kindern des Paares.

Das klingt wie ein Fernsehfilm fürs Hauptabendprogramm, ist aber so locker und entspannt erzählt und gespielt, strahlt soviel Frische und Natürlichkeit aus, dass man diesen kleinen Film über den Traum von der großen Liebe einfach mögen muss. Da nimmt einer seine Geschichte gottlob einmal selbst nicht so wichtig und so ernst, gibt sich nicht groß realistisch – und verleiht der Erzählung gerade dadurch Wahrhaftigkeit. Überall lauern hier die Fallen des Sentimentalen, doch Müller umgeht diese in der verspielten und liebevoll-ironischen Inszenierung seines herzerwärmenden und rundum sympathischen Spielfilms souverän.

Eine wichtige Plattform nicht nur für diesen Film, sondern auch für die anderen Wettbewerbsfilme ist ein Festival wie Crossing Europe, denn den Weg ins Kino finden leider immer weniger engagierte und kompromisslose Autorenfilme. Dazu müssen sie schon den Hauptpreis eines großen Festivals gewinnen wie Semih Kaplanoglus "Bal" oder müssen gute Laune verbreiten wie "Yo, también", in dem Álvaro Pator und Antonio Naharro mit viel Schwung und Lebensfreude von der Liebe zwischen der offenherzigen Laura und dem 34-järhigen Daniel erzählt. Im Grunde nichts Besonderes, aber: Daniel hat Down-Syndrom. Zwischen humorvollen und gefühlvollen Szenen geschickt wechseln und nie in Peinlichkeit abgleitend bietet "Yo, tambien" einen einfühlsamen Einblick in die Gefühle von Menschen mit Down-Syndrom, plädiert für ihr Recht auf eine – auch sexuelle – Beziehung- und rechnet mit Vorurteilen ab.

Kaum einen Verleiher finden wird dagegen der inzwischen fünfte Film von Bruno Dumont. Reduziert aufs Wesentliche, aber mit einer Konsequenz, einer formalen Strenge und einer Ernsthaftigkeit, die in den Bann ziehen, erzählt der Franzose in "Hadewijch" von einer jungen katholischen Theologiestudentin, die sich dem weltlichen Leben so verweigert und sich selbst kasteit, dass sie sogar aus einem Kloster ausgeschlossen wird. In der großbürgerlichen Welt ihrer Eltern fühlt sie sich nicht wohl, findet aber einen Geistesverwandten in einem radikalen Moslem.

Nicht Christentum gegen Islam spielt Dumont aus, sondern zeigt vielmehr, wie der Unwillen und das Unwohlsein mit und in der materiellen Welt Menschen egal welchen Glaubens in religiösen Fanatismus treiben kann. Andere Oppositionen baut Dumont dafür auf, stellt der religiösen Fanatikerin einen einfachen Bauarbeiter, der Gottessuche und Gottesliebe die Liebe zur Welt und zu den Menschen, dem Grübeln und Beten die einfache Tat gegenüber.

Ähnlich sperrig ist auch "Kynodontas - Dogtooth" von Yorgos Lanthimos: Erst wenn ihnen der – nie ausfallende - Eckzahn (der "Dogtooth") ausfällt, sollen die fast erwachsenen drei Kinder von Herrn Petrou aus dem elterlichen Haus entlassen werden. Solange aber (also lebenslang) werden sie von der Umwelt konsequent abgeschirmt und dürfen nie das von hohem Zaun umgebene Haus mit Pool und Garten verlassen. Keine Informationen von außen dringen hier herein, nur vorüber fliegende Flugzeuge künden von einer anderen Welt.

Strenge Regeln bestimmen das Familienleben, Emotionen gibt es keine, geschürt wird aber die Angst vor der Außenwelt. Alles wird kontrolliert und die Kinder permanent manipuliert. Die kühl-distanzierte Erzählweise korrespondiert mit der emotionalen Kälte. Bewegung kommt allerdings in das Gefüge, als der Vater die junge Christina ins Haus bringt, die mit dem Sohn mechanischen Sex hat. Mit ihr bekommen auch die beiden Töchter eine Ahnung von der Außenwelt und Verstöße gegen das Regelwerk beginnen, die vom Vater brutal geahndet werden.

In der Mischung von bizarren Gewaltakten und trockenem schwarzen Humor verstört "Dogtooth" und prägt sich als kühle Parabel über die Mechanismen autoritärer Erziehung ebenso wie über diktatorische Gesellschaftssysteme, die ihre Bevölkerung konsequent von fremden Einflüssen abschotten und in ihrem Sinne indoktrinieren, nachhaltig ins Gedächtnis ein. – Um solchen Filmen eine Öffentlichkeit zu verschaffen braucht es Festivals wie Crossing Europe und wegen solcher Filme – die man sonst vermutlich bestenfalls im Nachtprogramm von arte oder 3sat sehen wird – lohnt sich der Besuch eines solchen Festivals.



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ray Publikumspreis für Séverine Cornamusaz ("Coeur animal")
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Francesca (Bobby Paunescu)
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Die Liebe der Kinder (Franz Müller)
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Hadewijch (Bruno Dumont)
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Dogtooth (Yorgos Lanthimos)
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Dogtooth (Yorgos Lanthimos)