Concerto Stella Matutina feiert sich mit einem Rossini Experiment

Zum 20 Jahre-Jubiläum nimmt sich das Vorarlberger Barockorchester Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ vor, ganz nahe an der Originalpartitur, in hervorragender musikalischer Qualität, jedoch in bisher ungehörter Länge und nur mit offenlassendem Regie-Konzept. Ein beachtliches Experiment. Diese selbst produzierte Oper sei fast so aufwendig (auch finanziell) wie das gesamte Abo-Programm mit den fünf üblichen Konzerten von Concerto Stella Matutina. Aufgeführt am gewohnten Standort in der Kulturbühne AMBACH Götzis, wird die Herausforderung einer kleinen Bühne wohl auch im Hinblick auf die Gastspiele in Weingarten, Schaffhausen und Aschaffenburg so gut wie möglich angenommen.

Mit 18 Jahren schrieb Gioacchino Rossini (1792–1868) seine erste Oper, mit 21 dann der große Durchbruch (Tancredi). Als seine siebzehnte Oper entstand 1816 (in nur einem Monat) „Il Barbiere di Siviglia“ für das Teatro Argentina in Rom, die später zum Welterfolg und wohl zur meistgespielten Oper überhaupt werden sollte. Die Melodien haben alle schon so oft gehört, doch hier gibt es eine Besonderheit: sie erklingen auf Originalinstrumenten. Und es ist nicht nur eine musikalisch historisch informierte Aufführung, um die sich der Dirigent Thomas Platzgummer bemüht, sondern auch textlich und szenisch. Der bekannte Cellist fungiert neben der musikalischen Leitung nämlich als Regisseur, lässt Originaltext sowie -länge unverändert und setzt viele der ursprünglichen Regieanweisungen wörtlich um. Doch braucht eine Operninszenierung nicht doch mehr als nur ein Regiekonzept, einen Rahmen?

„Man könnte meinen, dass wenn ein Musiker nun also die Partitur auf das Genaueste untersucht, jede kleinste Artikulation und Eintragung des Komponisten penibel überdenkt, versucht alles so zu Gehör zu bringen, wie es vom Komponisten gedacht war, dann macht das der Regisseur für die szenische Aufarbeitung des Stückes vermutlich auch genauso“, mutmaßt Thomas Platzgummer, doch so wie eine musikalische Aufführung immer eine subjektive Interpretation ist, muss sich auch ein Regisseur als wahrhaftiger Interpret dem Stück annähern.

Die Opernhandlung des Rossini´schen Barbiers gibt nicht viel her. Graf Almaviva will das Herz der bezaubernden Rosina gewinnen, Doktor Bartolo bewacht sein junges Mündel, das er selbst heiraten will. Mit Figaros Unterstützung gelingt es dem Grafen, der sich als armer Student ausgibt, Rosina näher zu kommen. Nach knapp zwei Stunden geht alles im turbulenten Nonsens-Durcheinander des ersten Akts der Pause zu. Das war eindeutig zu lang, allerdings großartig musiziert, in Orchester und Gesang.

Erst im zweiten Akt entfalten sich die Charaktere. Die sorgsam ausgewählten Sänger und Sängerinnen passen wunderbar zusammen: Allen voran der italienische Tenor Paolo Neri als Graf Almaviva, der die atemberaubenden Koloraturen und Verzierungen meisterhaft singt; die Sizilianerin Martina Saviano, deren Mezzo mühelos in die Sopranhöhen reicht, reizend, selbstbewusst, sie holt aus ihrer Rolle mehr heraus als nur die naive Verehrte; und Matteo D’Apolito – ebenfalls mit italienischer Muttersprache, was den sprudelnden Parlandi im Stück entgegenkommt – als der wunderliche alte Doktor, der mit seiner steigenden Ratlosigkeit immer liebenswerter wird. Bariton Matthias Helm, ist ein strahlender Figaro und im Titel eigentlich Hauptfigur, er wirbelt mit List und Übermut die lustige Gesellschaft durcheinander. Auf einmal sind Rosina und Almaviva doch rechtmäßig verehelicht, alle freuen sich.

Und am Ende weiß man, worum es in dieser Rossini Oper eigentlich geht: es ist die Musik, diese herrliche, unübertreffliche Musik, die den langen Abend zu einem begeisternden macht. Standing Ovations!

Der Barbier von Sevilla
Oper von Gioachino Antonio Rossini
Concerto Stella Matutina
Leitung und Regiekonzept: Thomas Platzgummer
Graf Almaviva: Paolo Nevi, Tenor
Bartolo: Matteo D'Apolito, Bass
Rosina: Martina Saviano, Mezzosopran
Figaro: Matthias Helm, Bariton-Buffo
Basilio: Markus Volpert, Bass
Berta: Anna Gitschthaler, Sopran
Fiorello: Jakob Peböck, Bass