8. Januar 2019 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Konventionell, aber mit Schwung und Leidenschaft und getragen von den zwei stark aufspielenden Hauptdarstellern Keira Knightley und Dominic West erzählt Wash Westmoreland von der französischen Schriftstellerin Colette, die sich zu Beginn des 20. Jahrhundert nicht nur aus der Abhängigkeit von ihrem Mann, sondern auch von gesellschaftlichen Konventionen befreit und ihr Leben lebt.

Ein historischer Film ist "Colette" im Grunde natürlich, erzählt Wash Westmoreland doch vom Leben der 1873 geborenen und 1954 gestorbenen französischen Schriftstellerin Colette, gleichzeitig ist das aber auch ein zeitloser Film über eine Emanzipation.

Wie die bewegliche Kamera von Giles Nuttges für großen Erzählfluss sorgt, so beschwört Westmoreland mit sorgfältiger Ausstattung und Kostümen die Atmosphäre des Paris des Fin de siécle. Mit lichtdurchfluteten Bildern lässt er den Zuschauer zunächst ins ländliche Burgund, in dem Sidonie-Gabrielle Claudine Colette (Keira Knightley) aufwächst, dann mit stimmungsvoller Ausleuchtung in die Abendgesellschaften von Paris eintauchen, in das sie nach der Hochzeit mit dem rund 15 Jahre älteren Schriftsteller und Theaterkritiker Willy (Dominic West) übersiedelt.

Dort sitzt die junge Ehefrau zunächst so unbeweglich in einem goldenen Käfig wie die Schildkröte auf dem Tablett bei einer Party. Gelangweilt ist sie von den oberflächlichen Festen und der arroganten High-Society, findet auch in der Ehe keine Erfüllung.

Ganz auf die Ehegeschichte konzentriert sich Westmoreland, treibt mit ebenso kurzen wie prägnanten Szenen die Handlung zügig voran. Lässt sich die Protagonistin zunächst auf die Rolle der geduldigen Ehefrau zurückdrängen, so begehrt sie erstmals auf, als sie bemerkt, dass sie ihr Mann nach Strich und Faden betrügt.

Auch die Romane schreibt er nicht selbst, sondern bezahlt dafür Ghost-Writer, um sie dann unter seinem bekannten Namen zu vermarkten. Als das Geld für die Bezahlung dieser Autoren ausgeht, übernimmt seine Frau diese Aufgabe und verarbeitet in Romanen um die Titelheldin Claudine teilweise autobiographisch Jugenderfahrungen.

Filmisch gibt die schriftstellerische Arbeit freilich viel weniger her als die einer Malerin oder Musikerin, mehr als die über das Papier gleitende Feder und das Eintauchen ins Tintenfass kann man kaum zeigen. Das künstlerische Schaffen kann hier deshalb kaum Thema sein.

Die Konfrontation mit ihrem Mann, ihre Emanzipation und die sukzessive Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit stehen folglich im Zentrum von "Colette". Für zu süßlich und zu handlungsarm hält Willy zwar ihre Manuskripte, dennoch entwickeln sich die Romane rasch zu Bestsellern.

In den Schilderungen Colettes erkannten sich die jungen Pariser Frauen wieder, angedeutet wird damit auch, dass sie mit ihren Romanen das weibliche Streben nach Emanzipation beflügelte. Gleichzeitig vermitteln rasante Montagesequenzen treffend, wie der Erfolg der Bücher die Mode, aber auch Zigaretten und unterschiedlichste Accessoires beeinflusste.

Akzeptiert Colette es lange den schriftstellerischen Ruhm – ähnlich wie 60 Jahre später die Malerin Margaret Keane, der Tim Burton in "Big Eyes" ein Denkmal setzte – ihrem Mann zu überlassen, so erkämpft sie sich immerhin eine persönliche Freiheit, lebt mit ihrem Mann, der auf jeden und alles eifersüchtig ist, eine offene Beziehung.

Sie lebt ihre lesbischen Beziehungen aus, von gesellschaftlichen Beschränkungen und Ausgrenzung bekommt man in der Fokussierung auf der Ehe kaum etwas zu spüren. Erst unter dem Einfluss der androgynen Aristokratin Marquise de Belbeuf oder "Missy" (Denise Gough), mit der sie auch als Varietékünstlerin auf Tournee durch Frankreich geht, beginnt sie auch für die Urheberschaft ihrer Bücher zu kämpfen und unter ihrem eigenen Namen zu publizieren.

Der breite Raum, den die sexuelle Emanzipation einnimmt, ist wohl auch der Homosexualität des Regisseurs geschuldet, der "Colette" seinem 2015 an ALS verstorbenen Partner Richard Glatzer gewidmet hat, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet.

Ein Manko des in jeder Beziehung gediegenen, aber auch sehr braven und konventionellen Kostümfilms ist einerseits zwar das weitgehende Fehlen der gesellschaftlichen Komponente, andererseits gelingt es Westmoreland gerade durch die Fokussierung auf die Beziehung Colettes zu Willy ihre Entwicklung zu verdichten.

Problemlos kann er so "Colette" 1910 mit dem Erscheinen des Romans "La Vagabonde" beenden und weitere Lebensdaten von der Nominierung zum Nobelpreis für Literatur in den 1940er Jahren bis zum ersten Staatsbegräbnis für eine Frau in Frankreich nur mit Inserts und historischen Fotos nachliefern. Hier geht es nämlich nicht nur um historische Fakten, sondern vor allem um die plastische Schilderung einer Emanzipation, die durchaus auch Zuschauer des 21. Jahrhunderts anregen soll ihr eigenes Leben zu leben und sich nicht durch gesellschaftliche Konventionen einengen zu lassen.

Bauen kann Westmoreland dabei auch auf seine beiden Hauptdarsteller. Mit großem Einsatz und körperlicher Präsenz spielt Keira Knightley diese Colette als eine Frau, die sich vom braven Mädchen vom Lande und der duldsamen Ehefrau zur zunehmend entschlosseneren Kämpferin für ihre Unabhängigkeit und ihr eigenes Leben wandelt und damit auch zunehmend Profil gewinnt. Eine unangenehme Rolle hat Dominic West als ihr egoistischer und das Geld mit Spiel und Liebschaften verschwendende Ehemann. Umso beeindruckender ist es, wie er diesem Windhund doch Facetten verleiht, einerseits seine Frau ausbeutet, andererseits aber auch echte Liebe zu ihr spüren lässt.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und im Rahmen des TaSKino Feldkirch im Kino Rio (engl. O.m.U.)

Trailer zu "Colette"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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