27. November 2018 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein Mann und eine Frau – es ist die älteste Geschichte der Welt, und doch immer wieder neu. Auf zentrale Momente reduziert erzählt Pawel Pawlikowski in betörenden Schwarzweißbildern meisterhaft verdichtet in 89 Minuten von der 15 Jahre umspannenden großen, aber unglücklichen Liebe zwischen Wiktor und Zula. – Ein tiefmelancholischer formvollendeter und zeitloser Liebesfilm.

2015 gewann Pawel Pawlikowski für "Ida" (2013) den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Auch "Cold War" hat er im 4:3 Format, das die Figuren einengt, und in Schwarzweiß gedreht und spielt ebenso wie der Vorgänger – zumindest großteils – im Nachkriegspolen, auch wenn "Ida" in den 1960er Jahren, und bei "Cold War" nur das Ende in diesem Jahrzehnt spielt. Man könnte somit schon von einem Pawlowski-Stil sprechen, doch der 61-jährige Pole, der vor "Ida" seine Filme in England und Frankreich drehte, wiederholt sich keineswegs, sondern hat vielmehr diesen Stil perfektioniert.

Denn während "Ida" noch spröde war, kommt "Cold War" ungemein geschmeidig und elegant daher, verdichtet meisterhaft das Geschehen durch seine elliptische Erzählweise und entwickelt durch den Einsatz von polnischer Volksmusik ebenso wie von Jazz, die freilich immer handlungsbedingt sind, enorme Emotionalität, potenziert die Sehnsucht und die Trauer über die Unmöglichkeit der Liebe, von der erzählt wird. Dazu kommt noch Pawllikowskis persönlicher Bezug, denn inspiriert wurde er zu "Cold War" von der konfliktbeladenen 40-jährigen Beziehung seiner Eltern, denen er diesen meisterhaften Film auch gewidmet hat.

Nach diesem Vorbild erzählt Pawlikowski von Wiktor (Tomasze Kot) und Zula (Joanna Kulig), die jeweils im anderen die Liebe ihres Lebens sehen, aber gemeinsam dennoch nicht glücklich werden können. Im vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Polen des Jahres 1949 stößt Wiktor zusammen mit seiner Kollegin und Geliebten Irena bei der Suche nach neuen unverbrauchten Talenten der polnischen Volksmusik, mit der das Volk aufgemuntert werden soll, auf die blonde Zula. Nicht nur ihr musikalisches Talent begeistert ihn, sondern er verliebt sich auch auf den ersten Blick in sie.

Bald schon wird die ursprüngliche Musik im kommunistischen Polen aber für die Propaganda und den Stalinkult instrumentalisiert und Wiktor beschließt mit Zula einen Auftritt in Ost-Berlin zu nützen, um sich in den Westen abzusetzen. Doch während er flieht und bald in einem Jazzclub in Paris als Pianist arbeiten wird, bleibt sie zurück und feiert mit dem Volksmusik-Ensemble "Mazurek" Erfolge.

Von einander los kommen sie aber nicht und Wiktor wird einen Auftritt von Zulas Gruppe in Jugoslawien nützen, um sie zumindest auf der Bühne kurz zu sehen, während sie ihn zunächst bei einem Paris-Auftritt kurz trifft, ehe sie sich auch in die französische Metropole absetzt. Doch auf Dauer werden sie zusammen nicht glücklich, sodass es bald wieder zur Trennung kommt.

Von 1949 bis 1964 spannt Pawlikowski in 89 Minuten den Bogen, überspringt manchmal Jahre, setzt mit Schwarzblenden Zäsuren und verankert immer wieder die Szenen mit Inserts zu Zeit und Ort. Aufs Wesentliche verdichtet wird so die Handlung, was dazwischen geschah, andere Beziehungen oder sogar Ehen, die nur Platzhalter für den abwesenden großen Geliebten waren, werden nur beiläufig erwähnt.

Ganz auf der privaten Liebesgeschichte fokussiert der Film, doch unweigerlich muss die Spaltung Europas hier einfließen, steht dem agrarischen Polen das großstädtische Paris gegenüber und der Volksmusik der Jazz. Und es ist eben ganz entscheidend auch die Musik und natürlich die betörend schönen Schwarzweißbilder von Kameramann Lukasz Zal, über die Pawlikowski seine Geschichte erzählt.

Die Musik und diese Bilder, bei denen jede Kamerabewegung, jeder Schwenk und jede Verlagerung der Schärfe wohlüberlegt sind, evozieren unglaublich intensiv die Sehnsucht ebenso wie die tiefe Melancholie, die an Wong Kar-Wais "In the Mood of Love" erinnert, und das Gefühl für die Unmöglichkeit eines gemeinsamen Glücks hier auf Erden.

Nur völlig betrunken kann Zula einmal in einer furiosen Szene in Paris zu Bill Haleys "Rock Around the Clock" ausgelassen tanzen, um kurz danach auch schon wieder die französische Hauptstadt zu verlassen. Emotional kann sie sich nämlich in Frankreich nicht einfinden, fühlt sich außerhalb Polens kulturell entwurzelt, wohl auch weil sie als Sängerin im Gegensatz zum Pianisten Wiktor an die Sprache gebunden ist. Die unterschiedliche Integration in der Fremde führt bald zu Streit, für Wiktor kann aber auch eine Rückkehr ins kommunistische Polen kein Glück bringen.

Schwer kann man sich vorstellen, dass dieser formvollendete und von Joanna Kulig und Tomasz Kot intensiv gespielte Liebesfilm altert, immer wieder wird man ihn sehen können, angesichts seiner Komprimiertheit, seiner Universalität und der vielen Leerstellen, die dem Zuschauer Raum für Interpretation lässt.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Mi 19.12., 18 Uhr; Do 20.12., 20.30 Uhr; Fr 21.12., 22 Uhr; Sa 22.12., 22 Uhr (poln.-franz. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 20.12., 20 Uhr + Fr 22.12., 22 Uhr (poln.-franz. O.m.U.)
LeinwandLounge in der Remise allerArt, Bludenz: Mi 6.3., 19 Uhr (poln.-franz. O.m.U.)

Trailer zu "Cold War - Der Breitengrad der Liebe"

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