Er hat es doch gewagt! Der französische Choreograf und Noch-Intendant des Tanztheaters Wuppertal, Boris Charmatz, führt das ikonische „Café Müller“ – die Premiere war am 20. Mai 1978 – von Pina Bausch zusammen mit zwei seiner frühen Stücke aus 1996/97 zur Eröffnung des ImPulsTanz Festival im Burgtheater auf. Zweiteilig ist der Abend aufgebaut, mit gebührender Verschnaufpause und Wechsel auf die Hinterbühne, für die einen vor dem Kernstück von Pina und für die anderen danach, bis Mitternacht.
Pina Bausch (1940–2009) ist eine Kultfigur der internationalen Tanzszene und gilt in der Fachwelt als die bedeutendste Choreografin ihrer Zeit. Vor nahezu fünfzig Jahren entwickelt, ist „Café Müller“ noch immer atemberaubend. Zwei Frauen in Nachtgewändern bewegen sich schlafwandlerisch – mit geschlossenen Augen – zur Musik Henry Purcells durch den Raum voller Kaffeehausstühle, Hindernisse, die von Anzugmännern hektisch beiseite geräumt werden, an die sie stoßen, die eine im Vordergrund, die andere als Schatten, Alter-Ego (?), sie sehen einander nicht, doch korrespondieren. Die Liebenden begegnen sich, er vermag sie nicht zu halten, die Bewegungen in Repetition, immer schneller, doch vergebens. Eine weitere Person in türkisem Kleid, schwarzem Mantel, Stöckelschuhen, mit rotem Haarschopf trippelt, quert, ist neugierig, doch unbeteiligt, bringt Unruhe in die hoffnungslose Verlangsamung.
Für den Choreografen Boris Charmatz stehen Liebe und das Begehren im Zentrum und das wäre auch die Verbindung zu den zwei Stücken aus seinem Repertoire: „Es ist ein Versuch den Tänzerinnen und Tänzern des Tanztheaters Wuppertal, die diese Stücke noch nicht getanzt haben, die Möglichkeit zu geben, sich mit der spröden Subtilität von ‚Café Müller‘ und der ungezügelten Radikalität von ‚Att enen tionon‘ auseinanderzusetzen sowie ein Duo aus dem Stück ‚herses‘ zu performen, mit in vollkommener Vereinigung verschlungenen Körpern“, schreibt er in seinem künstlerischen Statement, und weiter: „Der Abend wird aufwühlend: Purcell trifft auf PJ Harvey, die zeitlosen Kostüme von ‚Café Müller‘ stehen im Kontrast zur Nacktheit …“.
Auf der großen Bühne des Burgtheaters wurde aufwändig und originalgetreu die Rauminstallation von Rolf Borzik, dem jung verstorbenen Partner von Pina, aufgebaut. Nach der Pause und einem Ortswechsel finden wir uns auf der Hinterbühne wieder: laute Musik, in der Mitte ein dreistöckiges Gerüst, auf jeder Ebene eine Person, wild tanzend, das Publikum gruppiert sich am Boden sitzend rundherum. Sie beginnen sich zu entkleiden, nur das weiße T-Shirt bleibt, sie versuchen einander zu finden, scheitern, bleiben getrennt, selbst die Körper erscheinen abgetrennt, sind unten nackt. Der eine kann nicht sehen was die andere macht, jeder für sich, jede in sich, und doch entsteht ein Zusammen.
Und im letzten Stück gibt es wirklich nur „zusammen-zusammen“. Boris Charmatz himself und Johanna Elisa Lemke tanzen vollkommen nackt einen Teil von „herses“, wohl „die Utopie vom Paarsein, vom Aufbau des Einen durch den Anderen (und die Fortdauer des Begehrens), ein irritierendes und archetypisches choreografisches Bild“, entweder sie oder er haben keinen Kontakt mit dem Boden, bewegen sich aufeinander, ineinander, eine sich ständig neu formende Körperskulptur. Es sind Stücke aus dem Archiv, doch getanzt werden sie heute, in voller Brisanz und Gültigkeit. Wahrlich ein großer Abend!
Tanztheater Wuppertal Pina Bausch + Terrain Boris Charmatz
CLUB AMOUR. Café Müller / Aatt enen tionon / herses, duo
Café Müller
Inszenierung und Choreografie: Pina Bausch
Bühne und Kostüme: Rolf Borzik
Musik: Henry Purcell
Aatt enen tionon
Choreografie: Boris Charmatz
Klangmaterial: PJ Harvey
herses, duo
Duo aus herses (une lente introduction)
Choreografie: Boris Charmatz
mit: Boris Charmatz, Johanna-Elisa Lemke
Musik: Stefan Fraunberger
ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival
10.7. bis 10.8.2025