Christoph Schlingensief – „Es ist nicht mehr mein Problem!“

Vom Filmemacher zum politischen Aktionisten, vom Theater- und Opernregisseur zum Schauspieler, bildenden Künstler und Bestsellerautor: Das Werk von Christoph Schlingensief (1960–2010) sprengt Gattungsgrenzen und erzeugt überbordende Material- und Bedeutungsschichten, die sich jeder Zuschreibung entziehen. Seinem Œuvre eingeschrieben ist die Herausforderung an das Publikum, eine aktive Haltung einzunehmen – zwischen Irritation und Erkenntnis, Überforderung und Reflexion. Mit der Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ – ein (Teil-)Zitat des Künstlers aus dem Jahr 2005 – widmen die Wiener Festwochen gemeinsam mit dem MAK Christoph Schlingensief die erste umfassende Einzelausstellung in Österreich. Das Land, das er mit der Aktion „Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche” (2000) mitten ins Zentrum gesellschaftlicher Widersprüche führte, wird damit erneut zum Schauplatz seiner Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Politik und sozialer Verantwortung.

Aus heutiger Perspektive lesen sich viele seiner Arbeiten wie eine Vorwegnahme aktueller gesellschaftlicher Konflikte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Fremdheitsdiskursen, rassistischen Projektionen, populistischen Mechanismen und medialer Zuspitzung macht Schlingensiefs Werk zu einem zentralen Referenzpunkt für gegenwärtige Debatten um Migration, Identität und demokratische Fragilität.

Den Auftakt und das Zentrum der Ausstellung bildet die raumgreifende Installation „Church of Fear“ (2003), die erstmals bei der Biennale von Venedig im Jahr 2003 präsentiert wurde. Sie stilisierte den „Glauben an die Angst” zum Dogma und überführte die globale Stimmung nach 9/11 in eine parodistische Glaubensgemeinschaft. „Church of Fear“ markiert einen Knotenpunkt in Schlingensiefs Werk: Als ambivalenter Raum zwischen Religion, Kunst und öffentlichem Diskurs sowie als Spiegelbild zeigt sie, wie Machtverhältnisse über Emotionen stabilisiert werden können.

Ausgehend von „Church of Fear“ entfaltet sich die kuratorische Erzählung entlang zweier Zeitlinien: Eine rückblickende versammelt politische und performative Arbeiten der späten 1990er und frühen 2000er Jahre wie „Chance“ (1998), „Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche“ (2000) im Rahmen der Wiener Festwochen, „Hamlet“ (2001) oder „Freakstars 3000“ (2002). Sie zeigen Schlingensiefs künstlerisches Experimentieren mit politischer Realität, medialer Öffentlichkeit, sozialer Körperlichkeit und öffentlich-theatralen Interventionen.

Die vorwärts gerichtete Zeitschiene lenkt den Fokus auf filmische und opernhafte Werkkomplexe wie „The African Twin Towers” (2005), „Der fliegende Holländer” (Manaus, 2007) oder die Videoinstallation „Ohne Titel (Hasenverwesung; Drosophila melanogaster; Holländer 2c. Ausweitung der Dunkelphase; Fremdverstümmelung)” (2007), in denen biopolitische, gesellschaftliche, mythologische und mediale Motive miteinander verwoben werden.

Die Ausstellung erschließt Schlingensiefs Werk nicht als lineare, chronologisch geordnete Retrospektive, sondern als inszenierte Gegenwart. In der dialogischen Konstellation zwischen frühen und späten Arbeiten entfaltet sich ein Werkzusammenhang, der künstlerisches Handeln nicht als Entwicklung im klassischen Sinne zeigt, sondern als permanente Refiguration von Angst, Sichtbarkeit und sozialen Körpern – zwischen Bühne, Straße und Institution. In dieser Anordnung wird nachvollziehbar, wie sich bei Christoph Schlingensief künstlerische Strategien zwischen Theater, Film, Installation und Aktion gegenseitig durchdringen und ein vielschichtiges Bild seines Denkens formen.

Im Mittelpunkt steht die Bewegung des Fragens, Zweifelns und Scheiterns – eine Haltung, die Schlingensief wie folgt beschrieb: „Man kann meines Erachtens voller Lust, Freude und Vorsatz scheitern. In meiner Arbeit war das immer ein Scheitern, das durch die Aufhebung von Zielgerade und Zielpunkt, von Raum und Zeit entstanden ist. Wenn man es innerlich schafft, zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns bedarf, um Kräfte nutzbar zu machen, wird viel passieren.“

Christoph Schlingensief, in Oberhausen geboren, zählt zu den am kontroversesten diskutierten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Sein Werdegang gleicht einem permanenten Grenzgang zwischen den Künsten: Bereits in den 1980er Jahren trat er als Filmemacher in Erscheinung, unter anderem mit „Egomania – Insel ohne Hoffnung” (1986) und „100 Jahre Adolf Hitler” (1988/89). Früh zeigte sich sein charakteristisches Prinzip der Überlagerung und Überforderung – ein Arbeiten an den Rändern des Wahrnehmbaren, bei dem Bild- und Tonstrukturen kollidieren und neue Erzählräume entstehen. In den 1990er- und 2000er-Jahren rückte er mit politisch aufgeladenen Interventionen wie „Chance 2000” oder dem Wiener Containerprojekt „Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche” in den Fokus der Öffentlichkeit. Parallel dazu entwickelte er ein Theater- und Opernschaffen, das sich konsequent gegen Illusionsbildung wandte. Seine Operninszenierungen, insbesondere seine radikale Neuinterpretation von Richard Wagners „Parsifal” für die Bayreuther Festspiele 2004, erschütterten die traditionellen Erwartungshaltungen des Opernpublikums.

Auch seine bildkünstlerischen Arbeiten vertieften sein Interesse an der Materialität des Films, an Zersetzung, Überlagerung und den Momenten der Unterbrechung zwischen den Bildern. Installationen wie „Kaprow City” (2006/07) im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich oder „18 Bilder pro Sekunde” (2005) im Haus der Kunst in München zeigen die Vielschichtigkeit seiner Reflexion über Medien und Wahrnehmung. Mit dem langfristigen Projekt „Operndorf Afrika“ (2009–) in Burkina Faso weitete Schlingensief sein Wirken auf ein kulturell-soziales Engagement aus, das über die ästhetische Dimension hinauswirkt.

Seine späten Arbeiten, die durch die im Jahr 2008 gestellte Lungenkrebsdiagnose geprägt sind, verarbeiten existenzielle Fragen auf künstlerische Weise, etwa in „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” (2008). Trotz seiner Erkrankung blieb Schlingensief bis zu seinem Tod im Jahr 2010 unerschöpflich produktiv. Postum wurde er 2011 für den von Susanne Gaensheimer in Kooperation mit Aino Laberenz kuratierten Deutschen Pavillon an der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Entsprechend seinem künstlerischen Weg skizziert die Ausstellung „Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!” ein dynamisches Spannungsfeld, in dem Kunst als Setzung, Überforderung und Befragung gesellschaftlicher Wirklichkeiten erfahrbar wird. Die Besucher:innen erleben ein Œuvre, das Grenzen sprengt, Widersprüche zulässt und zur Reflexion einlädt – im Sinne von Schlingensiefs radikalem Impuls, Kunst als Erfahrung zu denken, die irritiert, überfordert, aufrüttelt und neue Perspektiven eröffnet.

Für die Kuratierung konnte der Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Raphael Gygax in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, der langjährigen Weggefährtin und Ehefrau von Christoph Schlingensief, gewonnen werden. Gygax gilt als ausgewiesener Experte für zeitbasierte Kunst sowie für performative und filmische Praktiken. Er kuratierte zahlreiche internationale Ausstellungen und arbeitet regelmäßig mit Künstler:innen sowie künstlerischen Nachlässen. Aino Laberenz ist Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Kuratorin. Als Leiterin des von Christoph Schlingensief initiierten Operndorf Afrika und Verwalterin seines Nachlasses setzt sie sich seit vielen Jahren für die Pflege und Weiterführung seines künstlerischen Vermächtnisses ein.

Raphael Gygax kuratiert auch eine weitere Ausstellung zu Christoph Schlingensief im Berliner Gropius-Bau, die vom 9. Oktober 2026 bis zum 17. Januar 2027 als gemeinsames Projekt des Gropius-Baus/Berliner Festspiele, der Wiener Festwochen und der Freien Republik Wien im MAK – Museum für angewandte Kunst gezeigt wird.

In der Ausstellung im MAK schlägt ein vielschichtiges Rahmenprogramm die Brücke zur anhaltenden Relevanz und Dringlichkeit des Werks von Christoph Schlingensief im Kontext gegenwärtiger gesellschaftlicher und politischer Spannungsfelder und bietet eine spezielle Vermittlungsebene für ein junges Publikum. Zudem werden Künstler:innen wie der Regisseur und Intendant der Wiener Festwochen, Milo Rau, sowie die Regisseurinnen Kurdwin Ayub und Susanne Kennedy Einblicke in ihre künstlerische Auseinandersetzung mit den politischen Konfliktlinien unserer Zeit geben. Details zum Rahmenprogramm sind auf MAK.at/christophschlingensief abrufbar und werden laufend aktualisiert.

Ein gemeinsames Projekt des MAK, der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und von Gropius Bau/Berliner Festspiele.

Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem!
13.05.–13.09.2026