3. Juni 2020 - 5:56 / Ausstellung / Retrospektive / Comic 
21. März 2020 30. August 2020

Der Luzerner Künstler, Zeichner und Illustrator Christoph Fischer beobachtet Lebenswelten, bei denen viele lieber wegschauen. In seinen gezeichneten Reportagen über einen verarmten Stadtteil Chicagos oder zum Bahnhofsplatz Luzern dokumentiert er das Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft.

Am Luzerner Kreisel Kreuzstutz steht seine den lärmgeplagten Anwohnerinnen und Anwohnern gewidmete überlebensgrosse Betonskulptur eines Strassenwischers (Straßenkehrer). Die Ausstellung "Christoph Fischer. Der Welt abgeschaut", die vom 21. März bis zum 30. August 2020 im Cartoonmuseum Basel läuft, veranschaulicht die Entwicklung Christoph Fischers als Künstler von seinen frühen Reportagen bis hin zu fünfzig aktuellen, grossformatigen Traumbildern. Begleitend erscheint im Christoph Merian Verlag die Publikation "Während ich schlief" mit einer Auswahl seiner Traumbilder, Skizzen und Texte.

Die Retrospektive "Christoph Fischer. Der Welt abgeschaut" im Cartoonmuseum Basel zeigt die ganze Breite des Werks des 2019 mit dem Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte ausgezeichneten Künstlers. Der 1976 in Luzern geborene Christoph Fischer besuchte das Lehrerseminar und studierte von 1998 bis 2002 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern. Seit 2002 arbeitet er als selbstständiger Zeichner und Illustrator, unter anderem für die "NZZ", "Reportagen" und den "Beobachter", seit 2009 unterrichtet er zudem als Dozent an der Hochschule Luzern Design & Kunst. Daneben entstehenfreie künstlerische Arbeiten, für die er mehrere Werkbeiträge und je ein Atelierstipendium in Chicago und Paris erhielt. Allen diesen Arbeiten gemeinsam ist das Interesse am Beobachten und Dokumentieren, viele befassen sich mit der Lebenssituation wenig privilegierter Menschen. So lenkt er in seinen viel beachteten gezeichneten Reportagen "Chicago Westside" (2011) über das Leben in einem verarmten Stadtteil der amerikanischen Grossstadt und "Auf der langen Bank" (2012) zur Szene vor dem Bahnhofsplatz Luzern unseren Blick gezielt auf die Gesichter und das Leben von Menschen, die es schwer haben.Seine ungeschönten,aber sensiblen Porträts sind aufgeladen mit Geschichten und wecken Interesse und Empathie. Die dazu entstandenen umfangreichen Publikationen sind jeweils angereichert mit einer Fülle von Detailskizzen und ergänzenden,erklärenden Texten.

Teufelskreisel Kreuzstutz

Am Kreuzstutz, einem Luzerner Kreisel, steht ein anderes Zeugnis dieses inhaltlichen Fokus Christoph Fischers. Dort, von seinem Atelier aus, beobachtete er über Jahre den Strassenwischer Heinz Gilli und schuf 2016 für ihn und die lärmgeplagten Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers eine monumentale Skulptur. In der Kreiselmitte steht auf einem Betonfundament der über drei Meter grosse, in Beton gegossene Heinz Gilli mit blauen Latten in der Hand und wacht über den tosenden Verkehr. Christoph Fischer bekam den Zuschlag für sein Werk 2009 im Rahmen eines Wettbewerbs des Vereins BaBeL (Basel-/Bernstrasse Luzern) zur Neugestaltung dieses viel befahrenen Knotenpunkts. Fischer, der sich von seinem unmittelbar am Kreuzstutz gelegenen Atelier an der Bernstrasse aus lange und intensiv mit dem Ort auseinandergesetzt hatte - dokumentiert im 2008 erschienenen Buch "Teufelskreisel Kreuzstutz", in dem er Alltagssituationen um den Kreisel in Skizzen, Zeichnungen und Acrylbildern festhielt -, konnte mit seinem kraftvollen, aber subtilen Projekt überzeugen, das ganz konkret auf den Ort reagiert.

Reisen mit Muskelkraft

Neben seiner Arbeit unternimmt Fischer immer wieder lange Reisen mit dem Fahrrad. Schon in seiner frühen Jugend war er oft mit der Familie in Europa unterwegs, immer im Sattel und immer von Luzern aus, unter anderem nach London, Wien, Süditalien, Istanbul, Marokko, Portugal und zum Nordkap. 2010 führte ihn eine mehrmonatige Fahrradtour von Chicago nach San Francisco. Das langsame, ausgedehnte Reisen mit Muskelkraft, das genaue Hinschauen und sein Interesse für das Flüchtige und Vergängliche durchziehen seine Biografie und inspirieren seine Arbeit. So hielt er zum Beispiel in der Serie "Roadkill Road" einen traurigen Reigen in den USA fotografierter überfahrener Tiere fest.

Traumbilder

Einen grossen Raum in der Retrospektive nehmen seine aktuellen Bleistiftzeichnungen von eigenen Träumen ein. Christoph Fischer hat diese 2019 im Rahmen seines Comic-Stipendiums aus Hunderten von 2008 bis 2017 nach dem Aufwachen skizzierten und aufgeschriebenen Träumen ausgewählt und als grossformatige Bleistiftzeichnungen umgesetzt. In der Ausstellung sind zudem Skizzen und Filzstiftarbeiten aus dem Schaffensprozess zu sehen.

Der Künstler schaut auf seine Träume, ohne sie durch Analyse oder Interpretation zu entzaubern. Dazu Fischer: "In unserer sehr rationalen Welt ist es wichtig, dass wir Freiräume haben, wo Unerklärbares Bestand haben darf. Eigentlich schade, wenn die Beschäftigung mit den Träumenausschliesslich der nüchternen Wissenschaft oder der spekulativ-kitschigen Esoterik überlassen wird."

Die Bilder sind auf eine Zeichnung pro Traum konzentrierte, visuelle Kurzberichte aus der wunderlichen Parallelwelt des Schlafs, die beim Publikum eigene Geschichten und innere Abenteuer wachrufen und anstossen. Genauso wendig und beweglich wie die dargestellten Träumeist auch die Strichführung Christoph Fischers. Er zeichnet realistisch, was das Rätselhafte der Situationen eher erhöht als mindert. Mit scharf ausgearbeiteten, kontrastreichen Details erreicht er eine satte Plastizität und steuert das Auge der Betrachtenden auf die entscheidenden Szenen. Weniger Wichtiges bleibt skizzenhaft, was das Flüchtige seiner Traumwelten betont. Dabei sind es keineswegs nur beunruhigende Träume oder gar Albträume, die Christoph Fischer nacherzählt. Viele seiner Träumesind auch einfach überraschend, seltsam, fremd. Und doch auch vertraut, weil man die aus eigener Erfahrung gewohnte Mechanik dahinter spürt: Dinge kommen zusammen,die nicht zusammengehören, Grössenverhältnisse verschieben sich, Materialien verhalten sich ungewohnt,die Zeit läuft anders, jederzeit kann etwas in etwas ganz anderes kippen. Die Traumbilder Christoph Fischers sind angereichert mit meist kurzen Begleittexten, in denen der Träumer von den Gefühlen oder Gedankenerzählt, die er in der dargestellten Situation hatte. Mit Schalk und Lakonie beschreibt der Künstler in nüchternem Präsens gänzlich Absurdes als völlig selbstverständlich.

Fünfzig dieser Traumbilder bilden auch den Kern des Buchs "Während ich schlief". Es erscheint parallel zur Ausstellung im Christoph Merian Verlag und ist angereichert mit Skizzen und Kurztexten Christoph Fischers und einer Einführung des Psychoanalytikers Olaf Knellessen.

Christoph Fischer - Der Welt abgeschaut
21. März bis 30. August 2020

Cartoon Museum Basel
St. Alban-Vorstadt 28
CH - 4052 Basel

T: 0041 (0)61 22633-60
F: 0041 (0)61 22633-61
E: info@cartoonmuseum.ch
W: http://www.cartoonmuseum.ch/

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© Christoph Fischer, "Auf der langen Bank", 2012
© Christoph Fischer, "Auf der langen Bank", 2012
© Christoph Fischer, "Während ich schlief", 2020
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© Christoph Fischer, "Chicago Westside", 2010
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© Christoph Fischer, "Auf der langen Bank", 2012
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© Christoph Fischer, "Teufelskreisel Kreuzstutz", 2008
© Christoph Fischer, "Teufelskreisel Kreuzstutz", 2008
© Christoph Fischer, "Teufelskreisel Kreuzstutz", 2008
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© Christoph Fischer, "Heinz", 2016
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© Christoph Fischer
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