17. Juni 2020 - 5:52 / Ausstellung / Fotografie 
17. Juni 2020 20. September 2020

Mit fotografischen Beobachtungen unspektakulärer Alltagsmomente verwies Christian Borchert (1942-2000) in der ideologiegesättigten Atmosphäre der 1980er-Jahre in besonderer Weise auf Möglichkeiten künstlerischer Integrität In seinem von einem hohen zeitgeschichtlichen Bewusstsein getragenen Werk liegen archivarisch-dokumentarische und künstlerisch-poetische Strategien nahe beieinander.

Seit Mitte der 1950er-Jahre fand der Fotograf seine Motive vor allem in seiner Geburtsstadt Dresden und in Berlin. Hierher war er 1968 nach einem Ingenieur-Studium, einer Tätigkeit als technischer Leiter an der Deutschen Hochschule für Filmkunst, Potsdam Babelsberg, und einer Ausbildung als Fotograf in Potsdam gezogen und hatte, neben einern Fernstudium Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, sechs Jahre als Bildreporter für die wöchentlich erscheinende Neue Berliner Illustrierte gearbeitet.

Mit einem umfangreichen Projekt zu KünstlerInnenporträts markierte Christian Borchert dann im Jahr 1976 einen radikalen Bruch in seinem bisherigen Selbstverständnis als Fotograf. Ein von bildjournalistischen Vorgaben unabhängiges Arbeiten ermöglichte ihm der Auftrag zu einer Langzeitdokumentation des Wiederaufbaus der Semperoper Dresden. Freundschaften mit LyrikerInnen und SchriftstellerInnen wie Elke Erb (geb. 1938) oder Richard Pietraß (geb. 1946) schärften die eigene Auseinandersetzung mit poetischer Bildlichkeit. Neben den Alltagsbeobachtungen ist es vor allem das umfangreiche, systematisch angelegte Langzeitprojekt der "Familienporträts" und sind es Publikationen zur jüngeren Geschichte seiner Geburtsstadt Dresden sowie zum Literaturwissenschaftler Victor Klemperer (1881-1960), die wesentlich Strahlkraft gewannen.

In den 1990er-Jahren schließlich entstand "Tektonik der Erinnerung", ein fotografisches Porträt seiner Geburtsstadt als Brennglas jüngerer deutscher Geschichte.

Christian Borchert hinterließ bei seinem Unfall-Tod im Jahr 2000 etwa 230.000 Schwarz-Weiß-Negative, zumeist mit den dazugehörigen Kontaktbögen, etwa 5.500 Farbdiapositive, rund 20.000 Arbeitsabzüge in kleineren Formaten und 4.000 Abzüge in Ausstellungsformaten, diverse Karteisysteme sowie zahlreiche weitere Bilderschachteln, Mappen und Alben - all dies wohlgeordnet und weitestgehend beschriftet. Dennoch war sein Werk in den vergangenen zwei Jahrzehnten nahezu unsichtbar. Über die Datenbank der Deutschen Fotothek öffentlich zugänglich waren lediglich 12.000 Arbeitsabzüge, zumeist aus früh verworfenen Arbeitsphasen.

Christian Borchert - Tektonik der Erinnerung
17. Juni bis 20. September 2020
Kuratorin: Inka Schube

Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
D - 30169 Hannover

T: 0049 (0)511 168438-75
F: 0049 (0)511 168450-93
E: Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
W: http://www.sprengel-museum.de/

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  •  17. Juni 2020 20. September 2020 /
Christian Borchert, Elke Erb, 1976, Silbergelatineabzug, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Elke Erb, 1976, Silbergelatineabzug, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Semperoper Dresden, Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, Oktober 1977, Silbergelatineabzug, 22,5 x 22,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Semperoper Dresden, Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, Oktober 1977, Silbergelatineabzug, 22,5 x 22,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986, Silbergelatineabzug, 25,2 x 37,7 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986, Silbergelatineabzug, 25,2 x 37,7 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Neumarkt, Ruine der Frauenkirche, 1955, Silbergelatineabzug 22,6 x 23 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek
Christian Borchert, Neumarkt, Ruine der Frauenkirche, 1955, Silbergelatineabzug 22,6 x 23 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett © Slub Dresden / Deutsche Fotothek