11. September 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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In seinem ersten auf Englisch gedrehten Film schickt der Italiener Paolo Sorrentino Sean Penn als depressiven Ex-Rockstar auf eine Reise durch die USA. Entstanden ist ein teils groteskes und bizarres, aber auch immer wieder berührendes musikalisches Road-Movie, eine Coming-of-Age-Geschichte über die Sehnsucht nach Familie und Heimat und eine schräge Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Ein Hund rennt mit Schalltrichter um den Hals durch einen Garten. – Schon das erste Bild deutet darauf hin, dass hier den Zuschauer ein schräger Film erwartet. Schräg ist ja auch die Hauptfigur: Da schminkt sich eine Person mit schulterlangen schwarzen Haaren und kreideblassem Gesicht Zehennägel und Lippen leuchtend rot. Nicht leicht zu entscheiden ist - auch aufgrund der weinerlich weichen Stimme und dem langsam schleppenden Gang -, ob dies ein Mann oder eine Frau ist.

Fix und fertig wirkt diese Figur, antriebslos nur noch irgendwie das Leben über die Runden bringend. - Erst in den letzten fünf Minuten wird man Sean Penn so sehen, wie man ihn kennt. Davor wird er – nachempfunden dem "The Cure"-Sänger Robert Smith – als Cheyenne stets in schwarzer Gothic-Kluft durch den Film schlurfen.

Zunächst hängt er in Dublin herum. Vor 20 Jahren hat er seine Karriere als Rockstar an den Nagel gehängt – auch mit Mick Jagger soll er als "Cheyenne and the Follows" gespielt haben (oder auch Jagger mit ihm). Nun lebt er zurückgezogen mit seiner Frau Jane (Frances McDormand), die bei der Berufsfeuerwehr arbeitet, in der irischen Hauptstadt. Edel wirkt ihr Haus, aber auch steril und kalt in seiner Leere und den Designermöbeln. Im leeren Swimmingpool spielt er mit Jane Hand-Pelota, hat aber nie eine Chance gegen sie.

Bewegung kommt in Cheyennes Leben, als er erfährt, dass sein Vater, mit dem er 30 Jahre kein Wort gewechselt hat, in New York im Sterben liegt. Mit einem Trolley und einer CD der Band "Piece of Shit" macht er sich auf die Reise. Zwar kommt er zu spät, doch eine Tatöwierung am Unterarm des Vaters weckt Cheyennes Interesse. Als er von einem Cousin erfährt, dass der Verstorbene zeitlebens nach dem Nazi suchte, der ihn in Auschwitz demütigte, übernimmt der abgehalfterte Rockstar diese Aufgabe von seinem Vater und bricht zu einer Reise quer durch die USA auf...

Wie schon in "Il Divo" lässt Paolo Sorrentino die Handlung mehr dahin mäandern als eine stringente Dramaturgie zu entwickeln. Der italienische Regisseur gibt sich dem Augenblick hin, lässt die Kamera in spektakulären Bewegungen von einem Hausdach auf die Straßen hinab gleiten und dann einem Skateboard fahrenden Teenager zum Strand folgen oder filmt immer wieder in einer einzigen statischen Frontalaufnahme ein Gespräch oder eine Songnummer von David Byrne.

Lustvoll rückt Sorrentino auch die endlos weiten Landschaften der USA ins Bild, die Highways und die gelbbraunen Steppen, den Grand Canyon und die Berglandschaft von Utah und schließlich eine Schneewüste, in der sich der Showdown abspielen wird. Wie "Paris Texas" für Wim Wenders ist "This Must Be the Place" damit eine Reise zu den Orten von Sorrentinos Kinoerfahrungen, ein Film, der in Western-Bildern schwelgt, und auch der Musik der Talking Heads seine Liebe erklärt, der inhomogen und wild ist, aber durchgängig doch von der Sehnsucht nach Heimat, nach einer Familie, aber auch eine große Rachegeschichte erzählt.

In der Verknüpfung der Erlösungsgeschichte eines sich selbst bemitleidenden Rockmusikers mit dem Holocaust kann man dieses Road-Movie sicherlich für geschmacklos halten, doch nicht genug schätzen kann man Sorrentino für den Wagemut. Das ist eben kein biederes Kino, sondern ein Film, der immer wieder alles riskiert, voll schräger und grandioser Momente und mit einem grandiosen Sean Penn in der Hauptrolle, der großen Mut zur Selbstentäußerung an den Tag legt.

Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch, den 12.9. um 20 Uhr und am Freitag, den 14.9. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu "This Must Be the Place"

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