Chalisée Naamani – Überlagerung und Collage von Stoffen, Bildern und Texten

Mit "Octogone" präsentiert die Kunst Halle Sankt Gallen die erste Einzelausstellung der französisch-iranischen Künstlerin in der Schweiz. Zu sehen sind aktuelle Textilarbeiten, Skulpturen und ortsspezifische Installationen der Künstlerin.

Durch Überlagerung und Collage von Stoffen, Bildern und Texten schafft Naamani Objekte, die an Kleidungsstücke erinnern oder einen engen Bezug zum Körper aufweisen. Sorgfältig von Hand vernäht und bestickt, fügt sie angeeignete, gebrauchte und reproduzierte Materialien zu „vêtements-images” zusammen. Diese „Bild-Kleider”, wie sie die Künstlerin selbst bezeichnet, sind allerdings nicht zum Tragen bestimmt – von Nutzwert befreit, werden sie zu Skulpturen, in welchen sich die symbolische und politische Bedeutung von Kleidung verdichtet und reflektiert.

Naamanis Bezüge reichen von internationalen Protestbewegungen – etwa der emanzipatorischen Bewegung „Women Life Freedom” im Iran oder der „Gilets Jaunes”/„Gelbwesten” in Frankreich – über ornamentale Textiltraditionen und religiöse Ikonografien bis hin zu popkulturellen Zitaten, Markenlogos und persönlichen Familienarchiven. Durch die Verbindung dieser heterogenen Quellen im textilen Medium thematisiert Naamani die konstante Zirkulation und (Wieder-)Aneignung von Bildern und Symbolen in einer globalisierten Welt, sei es durch Migration, Social Media oder die beschleunigten Zyklen der Modeindustrie. Mode wird so als grundlegend politisches Feld verständlich, in dem sich übergeordnete Machtdynamiken genauso artikulieren wie Praktiken individuellen Ausdrucks und kollektiven Widerstands.

Der Ausstellungstitel „Octogone” verweist auf das sogenannte Zurkhaneh („Haus der Stärke”), einen traditionellen iranischen Trainingsraum mit achteckigem Ring, in dem der Kampfsport Varzesh-e Pahlavani ausgeübt wird. Dieser historische Ort des körperlichen und kulturellen Widerstands – die vorislamische Sportart war im Iran aufgrund ihres „revolutionären Potenzials” über Jahrhunderte hinweg verboten – bildet den formalen und konzeptuellen Rahmen der Ausstellung.

In anderen sportlichen Kontexten, etwa dem Boxen oder dem Fußball, untersucht Naamani vergeschlechtlichte Körperbilder und gesellschaftliche Optimierungslogiken. Indem sie beispielsweise Trainingsgeräte mit Objekten frühkindlichen Lernens zusammenführt, verwebt sie ihre eigene Mutterschaftserfahrung mit einer Reflexion normativer Vorstellungen von Leistung, Wachstum und körperlicher Autonomie. Durch Zitat und Rekombination öffnet sie so den Raum für deren Destabilisierung und Neucodierung.

Chalisée Naamani (*1995) lebt und arbeitet in Paris.

Chalisée Naamani
„Octogone”
13.06.–13.09.2026