Einige von Cevdet Ereks ortsspezifischen Installationen und Klangumgebungen, die sich an der Schnittstelle von Sound, Skulptur und Architektur bewegen, drehen sich um die Idee der „Klangornamentik“. Mit dieser Begrifflichkeit bezieht sich der Künstler unter anderem auf Adolf Loos’ „Ornament und Verbrechen“ (1908). In diesem Text pries Loos den Verzicht auf Ornamentik als Kennzeichen einer „kultivierten“ Gesellschaft. Loos' Polemik ist der Schlüssel zu jenem moralisierenden Diskurs, der einst im Namen des Fortschritts danach strebte, Architektur von jeglicher Dekoration zu befreien. In diesem Kontext wurde das Ornament, das mit Sinnlichkeit, Weiblichkeit und Exzess assoziiert wurde, als verschwenderisch und irrational verurteilt. Loos verknüpfte das Ornament mit Primitivismus und Degeneration und stellte die moderne westliche Kultur als überlegen gegenüber der vermeintlich „unterentwickelten“ dar. Eine solche Rhetorik marginalisierte nicht nur die enge Beziehung zwischen Ornamentik und Abstraktion, sondern legte auch die kolonialistischen und patriarchalen Logiken offen, die der modernistischen Ästhetik zugrunde liegen.
Erek betritt dieses ideologische Terrain erneut und verwandelt die Ornamente einer vermeintlich dekorativen Oberfläche in temporäre, vibrierende Strukturen, die Raum und Wahrnehmung organisieren. Hier ist Klang nicht Hintergrund, sondern Architektur selbst – etwas Gebautes, Bewohntes und durch sich bewegende Körper Erfahrbares. Dabei wird Ornamentik zu einem Verb: Sie beschreibt den Akt des Einstimmens und des Sich-Ausrichtens auf die umgebenden Frequenzen. Durch die eigene Aufmerksamkeit wird die Besucherin bzw. der Besucher selbst Teil der Komposition. Auf diese Weise lösen Ereks Installationen die Grenzen zwischen Komponist:innen und Zuhörer:innen, zwischen Architektur und den in ihr Anwesenden auf.
Für diese Ausstellung „ornamentiert” Erek die Fassade der Secession. Dazu sind Lautsprecher in einem symmetrischen Muster an den Außenwänden des Gebäudes angebracht. Sie akzentuieren die ikonische Architektur nicht nur visuell, sondern auch akustisch und verwandeln die Fassade in eine hörbare Oberfläche. Die sich kontinuierlich wiederholenden rhythmischen Muster markieren und rekonfigurieren zugleich die Geometrie des Gebäudes. Indem Erek zudem auf Vorrichtungen wie Signalgeber an Ampeln für sehbeeinträchtigte Menschen verweist, die Orientierung und Barrierefreiheit ermöglichen, lenkt er auch die Aufmerksamkeit auf die Politik der Wahrnehmung und darauf, wie Raum durch Systeme der Führung, Kontrolle und Fürsorge organisiert wird. Mit der Platzierung der Buchstaben „L” und „R” auf der Gebäudefassade, die üblicherweise als Kürzel für „links” und „rechts” gelesen werden, inszeniert Erek ein weiteres Spiel mit Symmetrie: zwischen den beiden Kanälen des stereophonen Klangs, der bilateralen Natur des Hörens beim Menschen und vielen Tieren, den monumentalen Fassaden klassischer Architekturen und den ideologischen Spaltungen, die das politische Spektrum strukturieren.
Dieses Werk ist Teil eines größeren Korpus von Auseinandersetzungen mit lokalen Architekturen und sozialen Geschichten – von Schardscha über Marrakesch und Çanakkale bis Baden-Baden – und stellt zugleich eine Rückkehr nach Wien dar. Der Ausgangspunkt dieser langfristigen Erkundung war nämlich Ereks Auftragsarbeit „Sky Ornamentation with Three Sounding Dots and Anti-Pigeon Net“ (2010), die für den Innenhof des barocken Palais Erdődy-Fürstenberg geschaffen wurde – dem ehemaligen Sitz von TBA21. Die Ausstellung fand im Rahmen des Projekts „Tactics of Invisibility” statt, das später auch im Projektraum Tanas (Berlin) und im Arter (Istanbul) gezeigt wurde.
Im Grafischen Kabinett spielt der Tastsinn eine entscheidende Rolle für das Erleben von Ereks Werk. Die Holzreliefs sind zum Fühlen mit den Händen gedacht. Sie sind den Braille-Symbolen auf den Lautsprecherboxen an den Fußgängerüberwegen vor der Secession nachempfunden. Diese helfen Menschen mit Sehbeeinträchtigung, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Auch hier stehen Fragen der körperlichen Verortung im Mittelpunkt von Ereks Installation.
In jedem seiner Projekte hört Erek zu, bevor er produziert. Die akustischen Bedingungen, die Luftzirkulation, die Texturen der Materialien und die gewohnheitsmäßigen Bewegungen der Körper werden dabei zu kompositorischen Parametern. Erek vermittelt dabei ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie Klang und Raum nicht nur mit der umgebenden Architektur oder Natur, sondern auch mit Macht-, Klima- und Ortsgeschichten verflochten sind.
Zwar ebnete Loos’ Ablehnung des Ornaments entscheidende Wege für die moderne Architektur, zugleich aber festigte sie Hierarchien in Bezug auf Kultur, Geschlecht und Sensibilität. Ereks Klangarchitekturen sind hingegen porös und inklusiv. Sie schaffen Bedingungen, in denen verschiedene Zeitlichkeiten und Hörpositionen nebeneinander existieren können. Seine Arbeiten involvieren den gesamten Körper der Besucher:innen in die Erfahrung einer miteinander geteilten Architektur. In seinen Projekten wird der Ausstellungsraum oder Pavillon zu einem Resonanzkörper, der durch die Bewegungen der Anwesenden kontinuierlich aktiviert wird. Rhythmus fungiert dabei sowohl als räumliches als auch als soziales Prinzip, das kollektive Erfahrungen formt – nicht auf Reinheit oder Kontrolle basierend, sondern auf Resonanz, Beziehung und Zusammengehörigkeit.
Cevdet Erek wurde 1974 in Istanbul geboren und lebt in Istanbul.
Cevdet Erek
Secession Ornamentation
Fassade und Grafisches Kabinett
Kuratiert von Bettina Spörr
Bis 22. Februar 2026