9. November 2019 - 5:43 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
19. Oktober 2019 24. Mai 2020

Carola Dertnig geht es in ihren Arbeiten (Installationen, Videos und Performances) um künstlerische Prozesse – bezogen auf Geschichtsschreibung, Genres oder Perspektiven. Sie entwickelt Strukturen für fehlende Geschichten und erfindet Personen oder ganze Settings, die in Vergangenes eingreifen.

Fundstücke
Für die Ausstellung spielen Ausgrabungen eine Rolle, die 2016/17 im Zuge der Errichtung der Landesgalerie Niederösterreich durchgeführt wurden und die Reste eines mittelalterlichen Hafenareals freilegten. Fundstücke – von Holzpfählen über einen Mühlstein, Bootshaken, Vasen bis zu Münzen – wurden wiederentdeckt, katalogisiert, analysiert, reproduziert und sind nun im Kunstraum ausgestellt. Carola Dertnig macht dieses Narrativ zum Anlass ihrer Ausstellung.

Skulpturen: Feldenkreis_F1_002
Drei Skulpturen aus Dertnigs Bauhaus-Serie Feldenkreis_F1_002 wurden vor Ort als performative Intervention von Hand gebogen und stehen nun im Raum verteilt. Dertnig ergänzt diese durch Pferdehauben aus Pappmaché, die direkte Abgüsse des gefundenen Mühlsteins sind. Ihnen gegenübergestellt liegen jene Holzpfähle, die 2016/17 wiederentdeckt wurden. In einer nachgebildeten Vase werden kleine Objekte wie Münzen als Gipsabgüsse aufbewahrt. Sie symbolisieren private Geld- und Wertverstecke und werfen die Frage auf, wie an sich wertlose Kopien durch das Ausstellen zum Fetischobjekt werden.

Ziffern: Uferzeichen
An einer Wand befindet sich eine Arbeit, die mit den Ziffern 0 bis 9 überschrieben ist. Diese Uferzeichen beziehen sich auf die spezifische Vermessung der Donau, die – nicht wie sonst üblich – von der Mündung zur Quelle erfolgte. 0-9 sind die wiederkehrenden Kilometernummern entlang des Flusslaufs der Donau von der Mündung zur Quelle. Durch die Uferzeichen eröffnet sich neben der historischen auch eine geopolitische Dimension. Wegsteine und Kilometertafeln rufen in Erinnerung, dass ein Fluss unterschiedliche Städte passiert, Grenzen überwindet und Handelswege herstellt, die ein soziales Netz mit allen denkbaren Ausformungen, Abstufungen und Ungerechtigkeiten nach sich zieht.

Video: Donauspuren, digitale Weite und andere Dinge
Im Video Donauspuren, digitale Weite und andere Dinge, dessen Drehorte die Neue Donau und die Donau-City in Wien sind, treffen drei junge Protagonistinnen zwischen Architektur der Globalisierungsära, Dertnigs Bauhaus-Skulpturen und Kopien der archäologischen Objekte zusammen. An Performances der wegweisenden Künstlerin Joan Jonas erinnernd, laufen die Mädchen mit Stäben, aus denen die Skulpturen gebogen werden, in das Bild hinein und nutzen sie als Werkzeug, um den sie umgebenden Boden mit Zeichnungen zu bedecken. Die Mädchen lassen alles Materielle zurück, um per Boot aus dem Bild zu entschwinden. Doch auch die Mädchen hinterlassen Spuren, ihr Spiel ist im Video festgehalten.

Leinwand: The room has the size of my garden
Die Arbeit The room has the size of my garden ist im Garten der Künstlerin und am Strand in Kritzendorf an der Donau entstanden. Die Größe der Leinwand entspricht der Rasenfläche im Garten. Sie zeigt die Linien der Wasseroberfläche und die Bahnen, die bei täglichen Yoga-Übungen entstehen – die Leinwand ersetzt die Yoga-Matte, Bewegungen erhalten ein Bild, Abfolgen von Yogafiguren verdichten sich zu einer performativen Zeichnung. Diese neuerlichen Spuren führen zurück zu den skulpturalen Arbeiten, den Artefakten, dem Video.

Spuren
Der Titel Donauspuren verweist nicht nur auf Spuren, die Objekte hinterlassen. Auch durch Beobachtung, Einordnung, Kontextualisierung und Interpretation vorhandener Markierungen oder durch Verweise auf andere Künstler/innen wie den Choreografen Bob Curtis oder die Performerin Joan Jonas entstehen Spuren. Mit dem Schriftzug – einem „tag“, wie es die Künstlerin bezeichnet – und zugleich Titel des Ohrwurms Love is in the Air von Jean Paul Young als Intervention nimmt Dertnig ortsspezifische Spuren auf und setzt sich und ihre Arbeiten mit dem Ausstellungsraum und dessen Umwelt in Beziehung.

Ich bin alles zugleich
Carola Dertnig ist aktuell auch mit einer Arbeit in der Ausstellung „Ich bin alles zugleich“ – Selbstdarstellung von Schiele bis heute vertreten, die seit dem 25. Mai 2019 im 1. Obergeschoss der Landesgalerie Niederösterreich zu sehen ist. Die Arbeit Sans Titres (2009–2019) erkennt sich Dertnig in der Erinnerung an ihre Mutter wieder, deren Kleidersammlung in ihren Besitz, ihren Stil und ihre künstlerische Arbeit übergegangen ist.

Carola Dertnig. Donauspuren
19. Oktober 2019 bis 24. Mai 2020
Kurator: Christian Bauer

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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Carola Dertinig (c) Lisa Rastl
Carola Dertinig (c) Lisa Rastl
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Carola Dertinig (c) Lisa Rastl
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Carola Dertinig (c) Lisa Rastl
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Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019
Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019
Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019
Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019
Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019
Carola Dertnig , Donauspuren virtuelle Weite und andere Dinge (Set-Fotografie), 2019 Courtesy der Künstlerin & Galerie Crone © Carola Dertnig/Bildrecht Wien, 2019