Die Ausstellung „Nature Never Loses” im Museum Tinguely in Basel beleuchtet sechs Jahrzehnte des visionären und sich jeglicher Kategorisierung verweigernden Œuvres des 1942 in San Francisco geborenen Künstlers Carl Cheng, der heute in Santa Monica lebt und arbeitet.
Cheng studierte Bildende Kunst und Industriedesign. Er begann seine künstlerische Karriere in den 1960er Jahren in Südkalifornien, einer Zeit politischer Unruhen, einer interdisziplinären Kunstszene, einer nach dem Krieg boomenden Raum- und Luftfahrtindustrie sowie eines sich rasch verändernden Landschaftsraums. Für sein sich beständig weiterentwickelndes Gesamtwerk greift Cheng auf eine Vielzahl an Materialien und Medien zurück. Er thematisiert eine im Wandel begriffene Umwelt, die Bedeutung von Kunstinstitutionen für deren Besucher:innen sowie die Rolle der Technologie für die Gesellschaft – allesamt dringliche Themen mit Gegenwartsbezug. Das kongeniale Vokabular des Künstlers, der zunächst für seine fotografischen Skulpturen Anerkennung fand, umfasst seine „Art Tools”, mit deren Hilfe er flüchtige Werke kreiert, sowie Naturmaschinen, die einer artifiziellen, von Menschen geschaffenen Welt vorgreifen. Mit Interventionen im öffentlichen Raum will er ein breites Publikum erreichen.
Ab 1966 betrieb Cheng sein Atelier unter dem Namen John Doe Co., was ursprünglich praktische Gründe hatte. Gleichzeitig war es sein Mittel der Wahl, um sich über die Kommerzialisierung der Kunst und der Künstler-Marke lustig zu machen und die Unternehmenskultur sowie die Diskriminierung, die er als Amerikaner asiatischer Herkunft während der Zeit des Vietnamkrieges erlebte, zu thematisieren. Als John Doe Co. schuf er skulpturale „Produkte”, die sein Verständnis von Technologie als künstlerisches Werkzeug und seine Skepsis gegenüber dem neoliberalen Verständnis von Fortschritt zum Ausdruck bringen. Dieses Verständnis hat sowohl den Kunstmarkt als auch die Tech-Industrie geprägt.
Die Großzügigkeit, Ehrfurchtslosigkeit und Verspieltheit, von denen Chengs Werke durchdrungen sind, stehen im Einklang mit den organischen Materialien, die er verwendet, sowie mit seinem besonderen Interesse, Kunst für den öffentlichen Raum zu schaffen. Dabei ging der Künstler konsequent Fragen nach der Handlungsmacht der Natur und den Auswirkungen des menschlichen Raubbaus auf die Umwelt nach. In seinen Erklärungen, die teils humorvoll, visionär und hoffnungsvoll sind, resümierte er, dass „die Natur niemals verliert”, „die Natur immer gewinnt” und „die Natur alles ist”.
1. Fotografie als Werkzeug
Für Cheng ist die Fotografie sowohl Ausdrucksmittel als auch künstlerisches Werkzeug, das er heranzieht, um Bilder aus ihrem Kontext zu extrahieren. Dieser Ansatz hat seinen Ursprung in Chengs Studium an der Folkwang Hochschule in Essen, Deutschland (1964/1965), und an der UCLA (University of California, Los Angeles), wo er einen Bachelor (1959–1963) und einen Master (1965–1967) erwarb. Dort erhielt er eine interdisziplinäre, vom Bauhaus geprägte Ausbildung, die Kunst und Gewerbe verbindet. An der UCLA studierte Cheng unter Robert Heinecken, der das Fotografiestudium begründete und einen offenen und experimentellen Ansatz vertrat. Diese Herangehensweise in Kombination mit Chengs Hintergrund im Industriedesign – er arbeitete kurze Zeit als Modellbauer im Büro der Designer Charles und Ray Eames – bildet die Grundlage für seine frühen Serien wie die in Kunststoff eingegossenen Fotografien und prägt bis heute seine Arbeiten mit fotografischen Medien.
2. Natürliche Prozesse und Naturmaschinen
In seiner künstlerischen Auseinandersetzung der 1960er Jahre scheint Cheng die zunehmende Sensibilisierung für Umweltthemen ebenso vorwegzunehmen wie das Konzept des Anthropozäns in den 2000er Jahren. Dieser Begriff beschreibt das gegenwärtige geologische Zeitalter, das vom Einfluss des Menschen auf die Atmosphäre und die Umwelt geprägt ist. Bereits früh in seinem Schaffen bezeichnete Cheng vom Menschen hergestellte Produkte, die ihre Funktion verloren hatten – etwa einen kaputten Toaster – als „menschengemachte Steine” und merkte an, dass sie ebenso ein Gemisch aus Mineralien und chemischen Stoffen seien und somit Teil der Natur. Neben Experimenten, bei denen er in seinem Atelier entstandene skulpturale Formen Umweltbedingungen wie Verwitterung und Erosion aussetzte, schuf er auch Kunstwerke aus organischen Materialien wie Eidechsenhaut oder Kakteen. Zudem betrieb er teils über Jahrzehnte hinweg Verfahren, die sich mit Wachstum und Verfall als künstlerische Methoden auseinandersetzten. Außerdem untersuchte er diese Art der Kunstproduktion anhand von Skulpturen, die er Naturmaschinen nannte. Er schuf diese neuen Produkte, um Naturphänomene nachzubilden und konventionelle Vorstellungen von Autorschaft und künstlerischer Handlungsmacht auf den Kopf zu stellen.
3. Reisen und gesammelte Objekte
Chengs Reisen, die er in den frühen 1970er Jahren mit seiner Partnerin, der Grafikdesignerin Felice Mataré, unternahm, hatten großen Einfluss auf seine Sichtweise als Künstler. Japan, Indonesien, Indien und weitere asiatische Länder zu bereisen und dort zu leben, änderte seine Haltung gegenüber dem Wert, der Einzelobjekten beigemessen wird, sowie gegenüber der westlichen Kunstproduktion, Autorschaft und den Betrachter:innen. Cheng durchlief einen Prozess des Umdenkens und begann, Hierarchien zwischen Kunst, Handwerk und Kommerz ebenso zu hinterfragen wie die Weltabgewandtheit von Kunstmuseen. Diese umfassende Neubewertung befeuerte sein Interesse an Kunst im öffentlichen Raum. Aufgrund seines nomadischen Lebensstils begann er, kleinere Kunstwerke zu schaffen, darunter organische „Objekte”, die er in Kunstwerke wie das „Art Medicine Kit” integrierte, sowie flüchtige, kleine Skulpturen, die er als emotionale Werkzeuge nutzen und nach Los Angeles verschicken konnte, um sie dort später für größere Projekte heranzuziehen.
4. John Doe Co.
Ab 1966 war Cheng unter dem Namen John Doe Co. künstlerisch tätig. Zwar hatte er die Firma ursprünglich aus steuerlichen Überlegungen und zur leichteren Beschaffung von industriellen Materialien gegründet, doch sie gab ihm auch die Möglichkeit, sich kritisch über die Kommerzialisierung des Signature-Stils von Kunstschaffenden auf dem Kunstmarkt sowie über gesellschaftliche Unruhen in der Zeit des Vietnamkriegs und die Ausgrenzung, die er als asiatisch-amerikanischer Künstler erfuhr, zu äußern. Stark beeinflusst von Marcel Duchamp und dessen Alter Ego Rrose Sélavy war Cheng fasziniert von der Anonymität und deren imaginativem Potenzial. Als John Doe Co. schuf er skulpturale Objekte für eine nicht allzu ferne Zukunft, in der ein Umweltkollaps droht: Naturmaschinen, die Witterungseinflüsse reproduzieren, Werkzeuge und optische Geräte, die organische Materialien für Analysezwecke und kreative Anwendungen enthalten, sowie Unterhaltungsgeräte als Alternative zu den dominierenden Massenmedien.
5. Art Tools
„Art Tools”, alternative Werkzeuge zur Produktion von Kunst, gehören zu den wichtigsten fortlaufenden Produktlinien von John Doe Co. Cheng bedient sich dieser langlebigen mechanischen Geräte, um flüchtige Kompositionen wie Tropfen aus Wachs oder Farbe und Gemälde aus Sand zu schaffen. Cheng erdachte diese neuen Methoden für seine Kunstproduktion als Antwort auf Werkzeuge wie Meißel und Pinsel, denen traditionell gegenüber modernen technologischen Alternativen der Vorzug gegeben wird. Chengs früheste „Art Tools” waren einfach und klein. Im Laufe der Zeit entwickelte er diese rudimentären Prototypen jedoch zu ausgeklügelten, motorbetriebenen Apparaten und großen, raumfüllenden Installationen weiter.
Obwohl der Künstler für jedes nachfolgende Modell dieser Produkte neue Technologien einsetzt, verzichtet er auf den Einsatz zu stark automatisierter oder computergestützter Systeme, da diese es ihm erschweren würden, die Maschinen selbst zu bedienen und zu warten. Die Art Tools sind Ausdruck von Chengs Verständnis von Technologie. Er begreift sie einerseits als einschränkend, andererseits als Raum für Kreativität. Zudem ist er davon überzeugt, dass wir neue formale Werkzeuge und Technologien für eine Zukunft entwickeln müssen, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.
6. Projekte im öffentlichen Raum und Installationen
Nach seinen Reisen durch Asien in den 1970er Jahren, bei denen er sich bis dahin auf die Präsentation von Einzelobjekten in herkömmlichen Kunstgalerien konzentriert hatte, ging Cheng dazu über, große kinetische Installationen zu schaffen und sich für Aufträge im öffentlichen Raum im Rahmen des Percent-for-Art-Programms zu bewerben. Dieses wurde in den 1960er Jahren in vielen Städten der USA eingeführt und beruhte darauf, ein Prozent des jeweiligen Baubudgets für öffentliche Kunstprojekte bereitzustellen. Dadurch entstand landesweit ein neuer Bedarf für und eine neue Gewichtung von Kunst im öffentlichen Raum. 1979 wurde Cheng, kurz nachdem er sein selbst initiiertes Projekt „Natural Museum of Modern Art” umgesetzt hatte, mit seinem ersten öffentlichen Kunstprojekt für „Seattle Underwater” beauftragt.
Dank seiner Ausbildung im Industriedesign verfügt er über die nötige Fertigkeit, um überzeugende und realisierbare Vorschläge auszuarbeiten. Seine experimentelle Herangehensweise an die Produktion von Kunst versetzt ihn zudem in die Lage, sich mit den verschiedensten Umweltfaktoren und Materialien zurechtzufinden. Der Künstler erachtet seine Projekte im öffentlichen Raum als Chance, mit großen Formaten zu arbeiten und ein breites Publikum zu erreichen. Zudem bieten sie ihm die Möglichkeit, ausgiebig in einem Bereich zu forschen, den er als „menschliche Erosion” bezeichnet. Cheng sieht im letztendlichen Verfall vieler seiner öffentlichen Projekte – aufgrund von Vandalismus oder mangelnder Pflege, aber auch der Vergänglichkeit von Kunstwerken aus organischen oder natürlichen Materialien – eine Metapher für die prekäre Lage des Klimas und der Landschaft, die durch Menschen und ihre gebaute Umgebung unumkehrbar verändert wurden.
Carl Cheng: Nature Never Loses
Bis 10. Mai 2026