4. September 2020 - 1:27 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
6. September 2020 25. Oktober 2020

In ihrer Caravan-Ausstellung im Aargauer Kunsthaus nimmt uns die Künstlerin Martina Mächler mit auf einen Rundgang durch die Sammlungspräsentation im Obergeschoss. Eine Audioinstallation aus subtilen Geräuschen und Textfragmenten erklingt aus Lautsprechern und leitet uns durch verschiedene Ausstellungsräume.

Den Arbeiten von Martina Mächler gehen intensive Auseinandersetzungen mit Narrationen, Raum, Bewegung und Körper voraus. So beschäftigt sie sich mit spezifischen Gegebenheiten ihrer Umgebung und entwickelt ihre vielfach auf Sprache basierenden und meist vergänglichen Arbeiten in und mit den Räumlichkeiten, in denen sie diese präsentiert. Für die Caravan-Ausstellung realisiert Mächler eine Audioinstallation und reagiert auf die Situation im Obergeschoss des Aargauer Kunsthauses. In den Oberlichtsälen des Altbaus von 1959 treffen wir auf die Sammlungspräsentation mit Werken aus dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die luftige Raumabfolge und die ominösen Geräusche in der Decke haben Mächlers Interesse geweckt. Mit ihrer klanglichen Intervention durchbricht die Künstlerin den gewohnten Gang durch die Sammlungsräume.

Drei Audiospuren führen uns durch das Obergeschoss. Sie werden in unterschiedlichen Räumen abgespielt, beziehen sich aber aufeinander. Was hören wir? Wer spricht hier mit wem? Einer zeitlichen Choreografie folgend, erklingt ein Summen und Murmeln. Der Klang verbindet sich mit einer visuellen versprachlichten Dimension im Raum; auf Papierbahnen gedruckte Skripts, deren Inhalte wir lesend wahrnehmen. Aber warum werden die poetischen Passagen nicht von der Stimme gesprochen? Können sie als Verweigerung der zugewiesenen Rollen verstanden werden? Das Zusammenspiel der Texte – spezifisch auf die drei Lautsprecher verteilt – versteht die Künstlerin als Zeichen der Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit des Ichs. Die Stimmen widersprechen sich, reden aneinander vorbei und vereinen sich wieder. Das Ich zeigt sich dabei als ein fragmentiertes Selbst, als bestünde es aus verschiedenen Persönlichkeiten. Der Körper ist nur durch den Klang der Stimme präsent.

Mächler interessiert sich für menschliche Ausdrucks- und Verhaltensweisen und erkundet das Verhältnis zwischen Psyche und Körper. Sie stellt Fragen psychologischer und sozialer Natur, die mit Gefühlsregungen und geistigen Vorgängen einhergehen. Welche Formen kann das eigene Ich annehmen? Welche Vorstellungen haben wir von normativen Gesten, Kommunikationsformen und Sprechweisen, die der Körper ausführt? Wir lesen Dialoge darüber, mal scherzhaft, mal nachdrücklich. Die versonnenen Melodien erzeugen intime nachdenkliche Momente.

Teilweise pausieren die Klänge, und es entstehen Leerräume, die auf die Zerrissenheit und Verletzlichkeit des Selbst hinweisen, wobei Mächler diese mit Verkörperungen des Ungeheuerlichen konnotiert. Insbesondere interessiert sie sich für mythologische und fantastische Meeresentitäten wie Sirenen, Meerjungfrauen oder Undinen, deren Stimmen meist nur aus der Ferne gehört wurden.

Neben der Klangfarbe und dem Rhythmus der Stimme nimmt Mächler mit ihrer Toninstallation Bezug auf die Akustik der Ausstellungsräume – das Knarren der Oberlichtdecke oder das Quietschen beim Betreten des Bodens. Sie werden zu zusätzlichen Akteuren der Audioinstallation. Verstummen die Klänge, so wird man umso mehr der Anwesenheit der von Mächler inszenierten Lautsprecher gewahr: Kleinen Fremdkörpern ähnelnd, losgelöst von einer Stimme, stehen die Installationen im Raum und schüren unsere Erwartung einer auditiven Wahrnehmung.

Martina Mächler, geboren 1991 in Lachen (SZ), lebt und arbeitet in Zürich.

Caravan 2/2020: Martina Mächler
Ausstellungsreihe für junge Kunst
6. September bis 25. Oktober 2020

Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH - 5001 Aarau

T: 0041 (0)62 83523-30
F: 0041 (0)62 83523-29
W: http://www.aargauerkunsthaus.ch/

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  •  6. September 2020 25. Oktober 2020 /
Installationsansicht der Ausstellung Caravan 2/2020: Martina Mächler. Ausstellungsreihe für junge Kunst, 6.9. – 25.10.2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © Martina Mächler Foto: ullmann.photography
Installationsansicht der Ausstellung Caravan 2/2020: Martina Mächler. Ausstellungsreihe für junge Kunst, 6.9. – 25.10.2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © Martina Mächler Foto: ullmann.photography
Videostill "extraordinary report", 2018 (Kamera: Jonathan Ospina / Set: Fritz Glarner, The Rockefeller Dining Room, 1964, Museum Haus Konstruktiv, Zürich)
Videostill "extraordinary report", 2018 (Kamera: Jonathan Ospina / Set: Fritz Glarner, The Rockefeller Dining Room, 1964, Museum Haus Konstruktiv, Zürich)
In Kollaboration mit Karolin Brägger, "guided session 004", Kiefer Hablitzel I Göhner Kunstpreis, Güterschuppen, Off Kunsthaus Glarus, 2018 (Foto: © Gunnar Meier)
In Kollaboration mit Karolin Brägger, "guided session 004", Kiefer Hablitzel I Göhner Kunstpreis, Güterschuppen, Off Kunsthaus Glarus, 2018 (Foto: © Gunnar Meier)
from a lexicon of gestures (Dokumentation 12.12.2019), Kantonsschule Zürich Nord, 2019
from a lexicon of gestures (Dokumentation 12.12.2019), Kantonsschule Zürich Nord, 2019