10. Dezember 2020 - 10:07 / Ausstellung / Architektur 
9. Dezember 2020 19. Juli 2021

Die Oberfläche der Erde ist endlich und Boden unser kostbarstes Gut. Ein sorgloser oder rein kapitalgetriebener Umgang mit dieser Ressource hat in den vergangenen Jahrzehnten Gestalt und Funktion unserer Städte und Dörfer massiv verändert. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und steigender Wohnungspreise stellt sich die Frage, ob der bisherige Weg mit maximalen Kompromissen und minimalen Anpassungen noch tragbar ist. Wo bleibt eine weitreichende und mutige Bodenpolitik?

Die Welt mag flach und unendlich erscheinen, aber sie ist und bleibt rund – mit einer begrenzten Oberfläche. Der Boden, den wir für unser Überleben brauchen, ist eine Ressource, die nicht vermehrbar ist. Es ist erstaunlich, wie oft diese Tatsache wiederholt werden kann und trotzdem noch "Aha"-Erlebnisse hervorruft. Die Zersiedelung des Landes wird schon seit Jahrzehnten angeprangert. Mittlerweile könnten alle Österreicher_innen in bereits bestehenden Einfamilienhäusern untergebracht werden, und trotzdem wird weiter Bauland gewidmet, werden neue Einkaufszentren auf der grünen Wiese und Chaletdörfer in den Alpen errichtet. Die fortschreitende Versiegelung trägt zur Klimakrise bei und gefährdet die Ernährungssicherheit. Die Hortung von und Spekulation mit Grundstücken verteuert das Wohnen und führt zu einer schleichenden Privatisierung des öffentlichen Raums. Vielerorts entstehen Wohnungen, deren Funktion nicht die eines "Heimes" ist, sondern einer Kapitalanlage, die auch ungenutzt ihren Wert steigert.

"Wir alle wünschen uns gutes Essen, schöne Dörfer, naturbelassene Umwelt, eine florierende Wirtschaft und belebte Städte. Wir wollen günstig und großzügig wohnen, mobil und unabhängig sein. Die meisten dieser Begehrlichkeiten sind nachvollziehbar und doch bergen diese Wünsche ungeheure Interessenskonflikte", so die Kuratorinnen der Ausstellung Karoline Mayer und Katharina Ritter. Mit der Ausstellung "Boden für Alle" will das Architekturzentrum Wien die vielen Kräfte sichtbar machen, die an unserem Boden zerren. Die Ausstellung zeigt auf, dass wir ein System geschaffen haben, das Flächenverbrauch zwingend voraussetzt. "Wir alle profitieren scheinbar davon und übersehen die langfristigen Folgen dieses Handelns", warnen die Kuratorinnen. Schwache oder nicht angewandte Instrumente der Raumplanung, ein teils fehlgeleitetes Steuergesetz- und Förderungswesen sowie eine mutlose Politik schreiben den Status Quo fort, anstatt eine Vision für die Zukunft zu entwickeln.

"Der Schlüssel zu einer umweltschonenden, gerechten und schönen Welt liegt zu unseren Füßen. Ein tiefergehendes Verständnis der raumplanerischen Zusammenhänge und eine breite öffentliche Diskussion sind für eine bodenpolitische Wende unabdingbar", so Az W-Direktorin Angelika Fitz. Anschaulich und konkret, kritisch und manchmal auch unfreiwillig absurd erläutert die Ausstellung die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Hintergründe. Wie wird Grünland zu Bauland? Wieso steigt der Preis für Grund und Boden? Was hat das alles mit unseren Lebensträumen zu tun? Fallstudien und Begriffserklärungen bringen Licht in das Dickicht der Zuständigkeiten. Ländervergleiche veranschaulichen Stärken und Schwächen, internationale Best-Practice-Beispiele zeigen Alternativen. Eine Sammlung an bereits bestehenden und möglichen neuen Instrumenten weist Wege zu einer Raumplanung, die die Ressource Boden schont, den Klimawandel abfedert, Bodenspekulation unterbindet und eine gute Architektur ermöglicht. Wir alle sind aufgefordert, neu zu denken und zu handeln. Die Ausstellung bereitet den Boden dafür.

Zum Aufbau der Ausstellung

Gleich beim Betreten der Ausstellung wird der/die Besucher_in mit der harten Realität des Flächenverbrauchs in Österreich konfrontiert: Wie viele Hektar Boden werden pro Sekunde versiegelt? Wie viele Einfamilienhäuser werden pro Stunde gebaut? Wie viele Meter Straße entstehen pro Minute?

Was ist "Boden"? Diese Frage wird aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln untersucht und zeigt, wie viele Disziplinen die "Bodenfrage" berührt; neben Raumplanung und Architektur u.a. auch Ökonomie und Rechtswesen, Landwirtschaft und Bodenkunde sowie ganz zentral Ökologie und Klimaforschung. Die Bodenschnitte des Vorarlberger Bodenkundlers Walter Fitz erlauben einen Blick in die Tiefe, der in dieser Form sonst nicht möglich ist. In einer Abfolge verschiedener Bodentypen und -arten wird der Einfluss des Menschen auf die Bodenqualität klar erkennbar. Die Erdenbürger_in wiederum stellt Boden als Baumaterial vor. Aus Stampflehm gefertigt, wurde dieser Prototyp für eine Stadtmöblierung von der Lehm Ton Erde Baukunst GmbH speziell für die Ausstellung entworfen. Die Erdenbürger_in lädt ein, Platz zu nehmen, zu verweilen und einzelne Inhalte genauer zu studieren.

Interessante Kontextualisierungen ergibt die Gegenüberstellung eines historischen Überblicks über die wesentlichen Entwicklungsschritte rund um das Thema Grundeigentum in Österreich mit der Geschichte der internationalen Bodenreformbewegungen. Die Entstehung der Raumplanung als Disziplin, die für die planerische Gestaltung unserer gebauten und ungebauten Umwelt verantwortlich ist, wird von den ersten städtebaulichen Bestimmungen in den einzelnen Bauordnungen über die Institutionalisierung der Raumordnung im Nationalsozialismus und von den fatalen Vorratswidmungen von Bauland in den 1960erbis 1980er-Jahren bis zu den Versuchen der Reparatur nachgezeichnet.

Oh du mein Österreich

Vielleicht überspitzt oder absurd anmutend wird anhand comichafter Fotostorys dargestellt, wie sich beim Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessenlagen nicht unbedingt jene durchsetzen werden, die das Wohl der Allgemeinheit im Fokus haben. Sie dienen als Werkzeug für eine selbstkritische Reflexion unserer Lebensstile. Aufs Korn genommen werden die persönlichen Wünsche und Handlungsentscheidungen rund um viel diskutierte Bautypologien: das Einfamilienhaus, das Einkaufszentrum, das Chaletdorf und der Wohnturm. Satire natürlich! Aber steckt nicht hinter jeder Satire ein Körnchen Wahrheit?

Was die Raumplanung könnte, so man sie ließe

Eine Animation greift viele Themen rund um Flächenverbrauch und steigende Bodenpreise auf und erzählt in eindringlichen Bildern die Geschichte vom verschwenderischen Umgang mit Grund und Boden. Dieser gegenüber findet sich die "Instrumentenwand", die sowohl schon lange existierende Instrumente der Raumplanung – wie die Baulandbefristung – als auch jüngere Maßnahmen – wie der Umgang mit Zweitwohnsitzen – vorstellt. Aber auch die Wichtigkeit der informellen, der persönlichen Ebene für eine gelungene Raumplanung wird hier thematisiert. Und schließlich will eine Reihe an visionären Ideen – wie beispielsweise das Überdenken der Kompetenzaufteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden – Inspiration für Diskussionen sein.

Insgesamt lässt sich sagen: wir haben den Zustand des Landes selbst in der Hand, genauso wie die Werkzeuge zur Verbesserung – wir müssen sie nur nutzen!

Die Ware Boden oder warum Boden kein Joghurt ist

Der Titel dieses Abschnitts basiert auf einem Zitat der Schweizer Politikerin Jacqueline Badran aus dem Buch "Boden behalten – Stadt gestalten". In Beschäftigung mit der Ware Boden werden Fragen erörtert wie "Wann wurde Boden zur Handelsware?", "Wovon hängen Bodenpreise ab?", "Welche Rolle spielt dabei unser Steuersystem?", "Welchen Einfluss hat die Flächenwidmung auf Bodenpreise?" und "Welche Auswirkungen haben übermäßig steigende Grundstückspreise auf uns alle?"

Andere Länder, andere Sitten

Bei einem Blick über die Grenzen zu europäischen Nachbarn wird in sechs Vergleichen untersucht, wie andere Länder mit ähnlichen Problemen umgehen. Auch wenn direkte Vergleiche aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Prägung oder der Rechtssysteme oft schwierig sind, so liefern sie doch wertvolle Denkanstöße für mögliche Optimierungen innerhalb des eigenen Systems. Die Themen der Vergleiche reichen vom Schutz des Eigentums in der Verfassung über die Abschöpfung von Widmungsgewinnen Einzelner für die Allgemeinheit bis hin zum Schutz von landwirtschaftlichem Boden vor Verbauung zum Erhalt der Ernährungssicherheit.

Gutes auf den Boden bringen

Doch es soll nicht nur kritisiert und gemahnt werden. 16 positive Beispiele und Projekte aus der ganzen Welt propagieren einen anderen Umgang mit Grund und Boden. Beispiele für die Belebung von Ortskernen durch Eigeninitiative oder für Verdichtung im existierenden flächenintensiven Siedlungsbereich. Beispiele für den Erhalt von Bodenqualität in der Landwirtschaft sowie den Schutz von Grünflächen vor Versiegelung. Es geht aber auch um die konsequente Entsiegelung und Renaturierung nicht mehr genutzter – oder verzichtbarer – Infrastruktur, sei es eine Stadtautobahn oder eine ehemalige Kalksteingrube. Und es werden Projektbeispiele vorgestellt, die andere ökonomische Wege beschreiten: Modelle, die sich als Alternative zum Privateigentum an Grund und Boden bewährt haben oder "revolutionäre Ideen" wie die Abschöpfung von Widmungsgewinnen. Als Reaktion auf die Intransparenz großer Immobilientransaktionen, sei es im städtischen Wohnen oder im Agrarsektor im globalen Süden und Osten, stellen wir engagierte Plattformen vor, die sich für Transparenz einsetzen und mit ihrer Recherchearbeit das Ausmaß des globalen Geschäfts sichtbar machen. Die Gesamtheit der Projekte soll Inspiration für unsere weitere Entwicklung, für unsere tägliche Arbeit und für unsere persönlichen Lebensentscheidungen sein. Denn es geht auch anders!

Boden für Alle
9. Dezember 2020 bis 19. Juli 2021 (verlängert)

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, im MQ
A - 1070 Wien

W: http://www.azw.at/

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  •  9. Dezember 2020 19. Juli 2021 /
Stand der Zersiedelung im Rheintal, Luftbild von Dornbirn aus dem Jahr 2017. © Vorarlberger Nachrichten / Philipp Steurer
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Baulandüberhang am Beispiel der Gemeinde Götzis in Vorarlberg. Die rot markierten Flächen stellen die Bauflächenreserven von Götzis dar – insgesamt 133 ha. © Nicole Rodlsberger und Johannes Sebastian Vilanek, aus Masterarbeit: Unter der Bahn
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In Südkoreas Hauptstadt Seoul wurde 2005 ein 10,9 km langes Stück der Stadtautobahn abgerissen, der darunter befindliche Fluss Cheonggyecheon renaturiert und ein Park geschaffen. © Sue@Reisephilie (reisephilie.at)
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In Basel leistet die Stiftung Habitat in der Quartiersentwicklung Pionierarbeit. Im Ostteil des Erlenmatt Quartiers verfolgt sie die Ziele, Boden der Spekulation zu entziehen, leistbaren Wohnraum zu schaffen, Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaftsaktivitäten im Quartier zu bündeln sowie eigene Energie zu produzieren. © Lengsfeld, designkonzepte GmbH / Basel
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The Landmatrix versucht, Transparenz in den globalen Landhandel zu bringen. Aufnahme eines Sojafelds im Nacala-Korridor, Mosambik, einem der wichtigsten Zielgebiete für internationale landwirtschaftliche Großinvestitionen in Afrika. © Foto: Julie Zähringer, 2016
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Vergleich des Bevölkerungswachstums und des Bodenverbrauchs in Österreich zwischen 2001 und 2018 (Quelle: Statistik Austria, Umweltbundesamt) © Architekturzentrum Wien, Illustration: LWZ
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Schöner leben ohne Rendite (SchloR) in der Rappachgasse in Wien Simmering. Die bestehenden Gebäude werden zu einem Kultur-, Werkstätten- und Wohnprojekt umgebaut. Die Finanzierung erfolgt großteils über Direktkredite im habiTAT-Modell. © GABU Heindl Architektur
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