Die Städtische Galerie "In der Badstube" in Wangen lässt im Rahmen ihrer diesjährigen Sommerausstellung für einmal den Blick über den Tellerrand schweifen, sprich über die naheliegende Grenze zu Österreich, und gibt einen Einblick in das künstlerische Schaffen von insgesamt achtzehn älteren und jungen Positionen Vorarlbergs. Der Titel der Schau, „Liegt das Gute doch so nah“, referenziert ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe und soll das hohe kreative Potential im westlichsten Bundeslandes Österreichs hervorheben.
In einer Broschüre, die anlässlich dieser Schau herausgegeben wurde, schreibt Kurator Herbert Aselmann: „Die Ausstellung versteht sich als Überblicksschau auf die Entwicklung der Kunst Vorarlbergs im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt der Kunstentwicklung ab dessen zweiter Hälfte. Künstlerinnen und Künstler aus drei Generationen mit Positionen aus bildender Kunst, Bildhauerei, Lichtobjekten, und filmischen Produktionen sind vertreten. Es werden Werke von bereits verstorbenen Künstlern und solchen gezeigt, die wichtige Impulse für die zeitgenössische Kunst in Vorarlberg gesetzt haben. Zentral soll jedoch die Repräsentanz der Entwicklung der Kunst des 21. Jahrhunderts sein sowie der Künstlerinnen und Künstler, die derzeit den Ton angeben.“ Gerade die Annahme zum Schluss scheint ein wenig verwegen zu sein, denn die meisten international tätigen Kunstschaffenden des Landes, beziehungsweise jene, die in den USA oder sonstwo ausserhalb Vorarlbergs wohnen, wie etwa Rainer Ganahl, Martin Beck, Ruth Schnell, Richard Jochum, Sigrun Appelt und viele andere scheinen in der Teilnehmerliste nicht auf. Abgesehen davon, dass auch andere lebende und nicht mehr lebende lokale „Schwergewichte“ wie etwa Tone Fink, Richard Bösch, Herbert Albrecht, Anne Marie Jehle, Hubert Berchtold oder die Gebrüder Getzner durch Abwesenheit glänzen. Eine Lücke, die aber teils doch noch geschlossen werden könnte, denn laut Aselmann denke man darüber nach, in naher Zukunft ein „Update“ nachzulegen.
Dessen ungeachtet bietet „Liegt das Gute doch so nach …“ durchaus feine Einblicke in das aktuelle Kunstgeschehen im Lande, inklusive den Vorreitern dazu. So ist der erste der vier Ausstellungsräume den „großen Alten“ Rudolf Wacker, Edmund Kalb und Walter Khüny vorbehalten, von den jeweils mehrere Exponate zu bestaunen sind. Von Wacker etwa ist neben Selbstportäts und Akten mit „Bregenzer Achbrücke“ eine Zeichnung mit schwarzer Kreide zu sehen, deren ausgeführtes Gemälde ein Schlüsselwerk im Übergang des Künstlers vom Expressionismus zur neuen Sachlichkeit markiert.
Im nächsten Raum folgen fünf Arbeiten des Aktionskünstlers FLATZ sowie drei Werke der Konzeptkünstlerin Maria Anwander. Von FLATZ etwa ist mit „Helden (RW Fassbinder)“ein großformatiger C-Print auf Leinwand aus der Serie „Zeige mir einen Helden und ich zeige dir eine Tragödie“ aus dem Jahre 1988 mit dabei. Ausserdem wird seine 1995 entstandene und jetzt überarbeitete Videoarbeit „Exerzierstunde“, die für Flatz typischen Themen wie Körperlichkeit, das Hinterfragen von gesellschaftlichen Machtstrukturen, Disziplinierung und physische Grenzbereiche thematisiert, in Wangen erstmals öffentlich gezeigt.
Ein Highlight der gesamten Ausstellung ist sicher „Masterpiece“, eine Acryl-auf-Leinwand-Arbeit von Maria Anwander aus dem Jahre 2015. Dabei handelt es sich um eine feministische und institutionenkritische Aneignung (Appropriation Art) eines der berühmtesten Pop-Art-Bilder der Kunstgeschichte, nämlich Roy Lichtensteins ikonisches Gemälde „Masterpiece“ von 1962. Bei Lichtenstein sieht man ein Paar und eine Sprechblase, in der die Frau sagt: „Why, Brad darling, this painting is a masterpiece! My, soon you’ll have all of New York clamoring for your work!“ Anwander wandelt den Namen des männlichen Künstlers „Brad“ kurzerhand in den weiblichen Vornamen „Brenda“ um. Durch diesen einfachen, aber subversiven Eingriff macht Anwander die Frau in der Szene selbst zur Schöpferin des Meisterwerks. Sie bricht damit die klassische Rollenverteilung auf, in der die Frau bloß als bewundernde Muse oder kritische Betrachterin des männlichen Genies fungiert.
Nach vier Radierungen respektive Mischtechniken von Erich Smodics in einem Durchgangsbereich folgen im nächsten Abschnitt drei Fotobeiträge von Sarah Schlatter, vier Porsche-Multiples von Gottfried Bechtold, zwei Baumrinden-Grafiken (Kohle auf Büttenpapier) von Hugo Ender, vier Bilder von Linus Barta, der eigenen Angaben zufolge immer direkt das malt, „was ihm in den Sinn kommt“, sowie zwei mit Wolle geknüpfte Wandteppiche von Klara Vith, die banale Alltagsszenen referenzieren.
Sind im dritten Ausstellungsraum Werkauswahlen von Uta Belina Wäger, Ilse Aberer, Michael Kessler und Albrecht Zauner zur Schau gestellt, die für deren Schaffen repräsentativ sind, so teilen sich Gernot Riedmann und Lorenz Helfer einen weiteren Ausstellungsbereich. Zeigt Riedmann zwei mit Hilfe einer Kettensäge gefertigte Ahnen-Skulpturen und zwei Ahnen-Reliefs , so wartet Helfer mit vier großformatigen figurativen Gemälden auf, darunter zwei neue mit Sprühlacktechnik erarbeite. Abgerundet wird die insgesamt mehr als 60 Kunstwerke umspannende Ausstellung von drei eindrücklichen Lichtarbeiten der Dornbirner Künstlerin Miriam Prantl. Wobei speziell bei der ringförmigen LED-Installation „Thronoi 2“ Farbe, Licht, Raum und Zeit miteinander zu verschmelzen scheinen.
Liegt das Gute doch so nach – Kunst aus Vorarlberg
Städtische Galerie In der Badstube, Wangen
Bis 6.9.
Di-Fr, So, Fe 14-17, Sa 11-17
www.wangen.de