Das international tätige Künstlerduo Bildstein | Glatz hat zwei Arbeiten entwickelt, mit denen es ab dem 12. Juli 2025 die Außenfassade und das Atrium des Vorarlberg Museums bespielt: "Erstbesteigung II" und "Habitable Zone (Modell der Wirklichkeit)". Die beiden Installationen können von den Besucher:innen bis zum 9. November besichtigt werden. Dank des vielfältigen Vermittlungsangebots können sie hohe Gipfel erklimmen und mit einem eigenen Beitrag sogar Teil des Kunstwerks werden. Die Vernissage findet am 11. Juli um 17.00 Uhr statt.
Die Wand der Erkenntnis
Für das Vorarlberg Museum haben sich die beiden Künstler von der Betonblumenfassade an der Kornmarktseite inspirieren lassen. Sie erinnert an eine Kletterwand und wurde zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit dem menschlichen Drang, das Unbekannte zu erkunden und selbst die entlegensten Orte zu erschließen. Geschickt verbinden Bildstein | Glatz die Kunst- und Sportwelt miteinander, indem sie die Fassade des Vorarlberg Museums für ihre Installation nutzen. Der Titel „Erstbesteigung II” beantwortet dabei keine Fragen, sondern gibt vielmehr Rätsel auf, denn eine Erstbesteigung kann niemals ein zweites Mal geschehen.
Auf dem Ankündigungsfoto sieht man die beiden in einem Portaledge, einem schwebenden Biwakzelt, mitten an der steilen Museumsfassade. Der eine beißt genüsslich in einen Apfel, der andere lässt den Blick über den Bodensee schweifen – ein Bild zwischen Abenteuerlust und Gelassenheit. Doch die vermeintlich spektakuläre Szenerie kippt schnell: Ein Hängezelt über einem beschaulichen Marktplatz? In Zeiten voller Zukunftsängste und Klimakrisen wirkt das plötzlich gar nicht mehr so harmlos. Welche inneren Bilder weckt Ausrüstung aus dem Extremsportbereich, wenn sie nicht in einer Felswand, sondern an einer Museumsfassade hängt? Besonders in Zeiten, in denen aufgrund des Klimawandels selbst die bewohnbaren Zonen der Erde bedroht sind.
Habitable Zone (Modell der Wirklichkeit)
Im Inneren des Museums empfängt ein Wald aus leuchtend ultramarinblauen Pfeilern die Besucherinnen und Besucher. Sie spüren dem Raumvolumen des Lichtschachts nach und wachsen 18 Meter gegen den Himmel. Die Holzsäulen tragen eine Plattform mit einem Durchmesser von etwa sechs Metern. Durch die intensive Färbung entsteht ein atmosphärischer Raum, in dem die Konturen des Objekts verschwimmen. Das Auge findet keinen Halt.
Die unterschiedlichen Dimensionen und Sichtachsen machen es unmöglich, das Werk von einem einzigen Standpunkt aus zu erfassen. Um einen Blick auf die Plattform zu werfen, muss man sich auf eine Entdeckungsreise begeben. Erst ganz oben, von der Galerie im vierten Stock, zeigt sich eine skurrile Landschaft: still, isoliert, fast außerirdisch. Ein Zelt steht als einzige Erhebung unangenehm am Abgrund. Gibt es hier noch eine bewohnbare Zone? Die Installation erinnert an die Verletzlichkeit des Menschen in extremen Lebensräumen. Wir sind herausgefordert, unsere Vorstellungen von Sicherheit, Risiko und der fragilen Konstruktion, die unsere Wirklichkeit ist, zu hinterfragen.
„Kunst ist wie ein Unfall – unerwartet, disruptiv, ein Moment der Wahrnehmung erschüttert. Unsere Arbeiten schaffen solche Momente des Bruchs, in denen die Wirklichkeit wankt und Veränderung beginnt. Sie sind Dialogräume zwischen Mensch, Architektur und Vorstellung und fordern uns heraus, das Verhältnis von Kunst, Raum und Leben neu zu verhandeln“, so das Künstlerduo Bildstein | Glatz.
Das Kunstwerk mitgestalten
Während der Sommerferien gibt es jeden Dienstagnachmittag ein „Offenes Atelier“. Dort können Menschen jeden Alters kreativ tätig sein und ihre Kunstwerke am Ende im Stiegenhaus des Museums als Teil der Ausstellung zeigen.
Höher und weiter
Matthias Bildstein (A) und Philippe Glatz (CH) arbeiten seit über 20 Jahren zusammen an ihren in jeder Hinsicht außergewöhnlichen, von (Extrem-)Sport, partizipativen Prozessen und Utopien geprägten Gesamtwerk: so bauten sie u.a. einen Teil einer Brücke über den Bodensee in Arbon (soweit das Budget reicht, 2009), eine Radrennbahn ins Palais Liechtenstein (bazz Rheticus Kriterium, 2014), platzierten mit LOOP eine 14 m hohe kreisförmige Bahn in das idyllische Klosterensemble der Kartause Ittingen (2017/22, jetzt Bäumler-Areal in Hohenems) oder setzten mit Himmel III eine im 90° Winkel ausgerichtete Doppelspurrampe für Start und Landung (von ja was?) in die unberührte Landschaft des Schweizer Safientals (2018).
Eine Extremexpedition zur zerbrechlichen Wirklichkeit
Installation Fassade und Atriumsausstellung
Ausstellungseröffnung 11. Juli 2025, 17.00 Uhr
Ausstellungsdauer 12. Juli bis 9. November 2025
Begleitprogramm:
Sonntag, 13. Juli 2025, 11.00 Uhr
Künstlerführung durch die Ausstellung
15. Juli bis 2. September 2025
Jeden Dienstag von 14.00 bis 17.00 Uhr "Offenes Atelier" für Menschen jeden Alters (sei Teil der Ausstellung!)
Donnerstag, 4. September 2025, 18.00 Uhr
Im Gespräch durch die Ausstellung: Bio-Landwirt Simon Vetter und Kuratorin Kathrin Dünser unterhalten sich über Diversität sowie das Schwinden habitabler Zonen in Zeiten des Klimawandels.
Mittwoch, 24. September 2025, 19.00 Uhr
Wieland Alge: Die Kunst, das Universum und der ganze Rest. Ein ganz und gar orthodoxer Vortrag über eben das. Der Theoretische Physiker und ITSicherheitsexperte teilt seine Gedanken zu Wissenschaft und Kunst.
Mittwoch, 1. Oktober 2025, 14.00 bis 18.30 Uhr
Farblabor-Workshop. Farben herstellen mit verschiedenen Bindemitteln unter Anleitung von David Kremer (Kremer Pigmente)