Ausgehend von zahlreichen Überschneidungen in ihrem Denken über Form, Farbe, Material und Abstraktion präsentieren Sophie Dvořák und Philipp Leissing ihre Arbeiten im Bildraum Bodensee. Sie stellen sie nebeneinander, lassen sie miteinander kommunizieren und Fragen aufwerfen. Durch Vermessen, Übertragen, Kartieren und Neuformieren entsteht ein Dialog, der weniger Antworten gibt als Möglichkeiten eröffnet. In beiden Positionen wird das Material zum aktiven Bestandteil der Arbeit und prägt Formen, Bezüge und Lesarten mit.
Beide treiben die Abstraktion noch einen Schritt weiter. Leissing reduziert Geld auf Form und Farbe, zieht Schichten von Verpackungen ab, um sie von ihrer Botschaft zu befreien, und schneidet Protagonist:innen aus Spielfilmen heraus, um den Fokus auf den Hintergrund, die Kulisse, zu lenken.
Dvořák dekonstruiert radikal unterschiedliche Modelle der Welterfassung. Er entzieht seinen Vorlagen die Inhalte und den Informationsgehalt, streift die ihnen eingeschriebenen Konventionen und Hierarchien ab, indem er den Blick auf das Formale, Modellhafte, auf Randerscheinungen, Fragmente und nicht zuletzt auf das Material lenkt.
Geld und Karten sind vielleicht die mächtigsten Abstraktionen unserer Zeit. Sie behaupten, alles messen, vergleichen und abbilden zu können. Sie erheben sich zum Maß aller Dinge, als seien sie selbst das Ganze. Damit zerstören sie – im hegelianischen Sinn – das lebendige Ganze, das sie eigentlich nur vermitteln sollten. Hegel sagte dazu: „Abstraktion in der Wirklichkeit geltend zu machen, heißt Wirklichkeit zerstören.“
Sowohl Dvořáks als auch Leissings Arbeiten bringen die ästhetischen Oberflächen zum Vorschein, während sie deren Macht entleeren. Sie sezieren abstrakte Formen aus ihrem Umfeld heraus. Sie schütten, kratzen ab, löschen weg, lösen heraus und bauen wieder auf. Durch das Herauslösen wesentlicher Bestandteile können die Formen anders gelesen werden. Ihre ursprünglichen Behauptungen fallen weg – und schwingen doch weiter mit.
Fehler sind nicht intendiert, aber erwünscht. Sie brechen Totalitätsansprüche und rütteln am Wahrheitsglauben. Es ist der Fehldruck, der Glitch in der Matrix, die abgebrochene Kante, der Rausch, das Fehlerhafte – all die Dinge, die uns täglich rückversichern, dass die Welt mehr ist, als wir in unseren abstrakten Regelsystemen behaupten. Vielleicht sollten wir Kunst im Allgemeinen als den erwünschten Fehler im System begreifen.
Sophie Dvořák, 1978 in Wien geboren, lebt und arbeitet in Wien.
Philipp Leissing, geboren 1983 in Bregenz, lebt und arbeitet in Wien.
Sophie Dvořák & Philipp Leissing
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10. Februar – 3. April 2026
Eröffnung: Samstag, 7. Februar, 18 Uhr
Zur Ausstellung: Anne Zühlke, künstlerische Leiterin, Dock20