Bewegend. Verdis Luisa Miller an der Wiener Staatsoper

Eines der besten, doch selten gespielten Werke von Giuseppe Verdi wird unter der Leitung von Michele Mariotti an der Wiener Staatsoper zum hochkarätigen musikalischen Ereignis. Aber auch Philipp Grigorian verfolgt seine Inszenierungsidee eindrücklich und durchaus schlüssig in surrealen Bildern.

Erzählt wird die tragische Liebesgeschichte zwischen dem einfachen Mädchen Luisa und dem adeligen Rodolfo, die aufgrund der Standesunterschiede und Intrigen tödlich endet. Ver­dis Oper spielt in zwei Wel­ten: ein Ti­ro­ler Dorf – visualisiert als grelle Paketdienststelle – und im Schloss des Feu­dal­her­ren, hier eine üppige Oligarchen-Sauna. Vater Miller sitzt an einer (original Wiener) Bushaltestelle und führt Selbstgespräche, in Erinnerung an seine Tochter und die folgenschweren Ereignisse. 

Im Gegensatz zur Vorlage – nämlich Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ – lässt Verdi politische Dimensionen weg und konzentriert sich auf Beziehungen, insbesondere auf die von Vater und Tochter, aber auch Vater und Sohn. Für Rodolfo hat Graf von Walter schon die vermögende Witwe Federica vorgesehen, doch der Sohn liebt die nicht standesgemäße Luisa, der er sich unter falschem Namen bereits genähert hat, und damit die junge Frau und ihren Vater auf unverantwortliche Weise gefährdet. Miller ist die Familie heilig, seine Luisa soll wählen, wen sie liebt, doch den Vater plagen böse Vorahnungen.

Verständlich also, wenn zur Ouvertüre – die motivisch schon sehr deutlich das verhängnisvolle Schicksal und auch die Intrige vorwegnimmt – Miller als zentrale Figur an der Haltestelle sitzt, wo der Weg auch anders hätte abzweigen können, und Luisa zu Grabe getragen wird. Erster Akt. Rückblende, man feiert Luisas Geburtstag und ihre neue Liebe. Philipp Grigorian ist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Die Arbeitswelt der einfachen Leute ist quirlig und schrill in den Farben. Der Regisseur beherrscht den rasanten Wechsel zum anderen Schauplatz. Mittels Drehscheiben – „die Bewegung dieser riesigen Mühlsteine scheint jeden zermürben zu können“ – verwandelt sich die Werkhalle in einen Palast.

Die Vater-Sohn Beziehung ist höchst problematisch. Graf von Walter ist dominant und hat für den familiären gesellschaftlichen Aufstieg ein Verbrechen begangen, die geplante Heirat darf also keinesfalls vereitelt werden. Wurm ist wieder zur Stelle, mit einer böswilligen Intrige. Verdi hat für die Gegenüberstellung von Luisa und Federica ein – damals sehr ungewöhnliches – A-cappella-Quartett komponiert, in dem Luisa vor dem Grafen ihr Desinteresse an Rodolfo und ihre Liebe zu Wurm bekräftigen muss, um ihren Vater aus dem Gefängnis zu retten.

Dritter Akt, das Gift. Sohn Rodolfo, eine unglückliche, vom Vater gebrochene Figur, verzweifelt über den vermeintlichen Liebesverrat. „Quando le sere al placido …”, seine Arie voller Schmerz, ist die bekannteste aus dieser Oper. Es kommt zum unheilvollen Ende, das vorerst noch aufgehalten zu werden scheint. Zu Tränen rührend, wenn Luisa von Selbstmord singt und ihr Vater sie davon abhalten kann. Sie beschließen zu fliehen und voller Zuversicht ein neues Leben zu beginnen. Faszinierend, wie sich das surreale Märchenwaldbild mit Schichten, die von oben heruntergleiten, verdichtet. Doch dann kommt der vor Eifersucht rasende Rodolfo. Von Luisas Schuld überzeugt, gibt er ihr aus dem Giftbecher zu trinken. Mord und Selbstmord. Aber bevor Rodolfo stirbt, tötet er Wurm. Ihrer Kinder beraubt, bleiben die beiden Väter Miller und Graf von Walter am Leben.

„Verdis abgründig-brillante, ausdrucks- und emotionsgesättigte Musik zelebriert nicht nur die Hingabe an große Leidenschaften, sondern macht die bedrückende und abstoßende Enthemmung ihrer Abgründe erfahrbar“, wird im Programmheft erläutert. Die Begeisterungsstürme nach dieser Aufführung sind zweifelsfrei auch dieser, die Herzen und Seelen der Menschen bewegenden, Komposition zu verdanken, doch unter der musikalischen Leitung von Michele Mariotti, Musikdirektor des Teatro dell´Opera di Roma, wird all das ebenso meisterlich erfüllt. Ihm stand ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung: Die US-amerikanische Sopranistin Nadine Sierra als Luisa, mit lyrischem Wohlklang und Innigkeit; Vater Miller, eine der herausforderndsten Bariton-Rollen, bringt der rumänische, oft in Wien gebuchte Sänger George Petean auch schauspielerisch eindrücklich rüber; der britisch-italienische Tenor Freddie de Tommaso charakterisiert Rodolfo sehr glaubwürdig; der Italiener Roberto Tagliavini als Bass-Bösewicht Walter zeigt wohl auch väterliche Gefühle; dem Fiesling Wurm und Frederica hat Verdi eher musikalische Miniaturen zugewiesen, die Marko Mimica und die russische Mezzosopranistin Daria Sushkova sehr gut erfüllen. Große Oper!

Luisa Miller | Giuseppe Verdi
Text Salvadore Cammarano nach Friedrich Schiller
Musikalische Leitung: Michele Mariotti
Inszenierung & Bühne: Philipp Grigorian
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya

Luisa: Nadine Sierra
Miller: George Petean
Rodolfo: Freddie De Tommaso
Graf von Walter: Roberto Tagliavini
Wurm: Marko Mimica
Federica: Daria Sushkova
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper
Wiener Staatsballet