Seit mehr als fünf Jahrzehnten beschäftigt sich der 1938 in Feldkirch geborene Künstler Bernhard Leitner mit der Idee, mittels Ton – seiner Bewegung, Frequenz, Klangfarbe und Lautstärke – skulptural Raum zu formen und zu gestalten.
Bereits ab 1969, als er von Wien nach New York zog, hielt er erste theoretische Überlegungen zu Ton-Raum-Skulpturen in Zeichnungen und Notizen fest. Hier begann der ausgebildete Architekt, dessen Denken von Neuer Musik, klassischem und zeitgenössischem Tanz sowie bildender Kunst beeinflusst ist, Ton als Baumaterial zu begreifen.
In seiner großen Einzelausstellung „Soundspacesculpture” präsentiert Bernhard Leitner eine neue großformatige Arbeit, die er für diesen Anlass entwickelt hat, im Kontext einiger ausgewählter Arbeiten. Die Schau bietet somit die Möglichkeit, sich mit Leitners künstlerischem Schaffen und seinen wichtigsten Forschungsfragen auseinanderzusetzen und seine skulpturalen Klangarchitekturen oder klanglichen Raumzeichnungen nicht nur akustisch, sondern auch körperlich wahrzunehmen. Als Pionier der Sound Art hat Leitner nachfolgende Generationen von Künstler:innen nachhaltig geprägt. Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von frühen theoretischen Untersuchungen in Form von Skizzen, Fotografien und Grafiken über bedeutende Werke zur Idee des „Körper Hörens“ bis zu einer neu für die Secession geschaffenen Arbeit mit dem Titel „Wasser Würfel / Wand Wellen“ (2026). Die der Arbeit zugrunde liegende Idee lässt sich mit dem schon 1969 entworfenen Soundcube verknüpfen – ein damals rein theoretisches Modell eines mit multiplen Lautsprechern ausgestatteten Kubus. Bereits in diesen frühen Zeichnungen skizzierte Leitner Möglichkeiten, Klang räumlich zu organisieren. Viele der damals formulierten Ideen – Ton-Linien, horizontale und vertikale, pendelnde, sich wölbende, führende Klang-Bewegungen – bilden bis heute ein Vokabular, das der Künstler kontinuierlich weiterentwickelt.
In „Wasser Würfel” durchwandern präzise choreografierte Wassergeräusche ein Lautsprechersystem, das innerhalb eines monumentalen Raumwürfels an PVC-Schläuchen befestigt ist. In dieser 48-Kanal-Tonraumkomposition werden in wechselnden Rhythmen kurze und lange Linien und Wellen im Raum gezeichnet. Mit der geometrischen Form des Würfels reagiert Leitner auf das die Architektur prägende Raster des Ausstellungsraums, das Terrazzoboden, Glasdecke und Kassettentüren gleichermaßen strukturiert. Über dem zentralen Oberlicht sind entlang der Randlinie acht Lautsprecher installiert, mittels derer eine homogene horizontale akustische Fläche kreiert wird. Diese wird wiederum von einer vertikalen Klangachse von der Glasdecke bis zum Boden vor dem „Wasser Würfel“ geschnitten.
Die in der Secession gezeigte „Ton-Liege“ (Ton-Raum-Komposition von 1975, skulpturale Ausführung 2022) verlagert das Hören unmittelbar auf und in den ruhenden Körper, durch den die Töne zweier Lautsprecher wandern. Diese Arbeit macht unmittelbar erfahrbar, dass wir Klang nicht ausschließlich über das Ohr, sondern mit dem gesamten Körper hören. Hier ist es die fließende Bewegung zwischen einer Tonquelle im Brustbereich und einer im Fußbereich – ein Phänomen, das der Künstler „Körper-Hören“ nennt. In „Pulsierende Stille“ (2007) sind zwei parallel hängende Metallplatten jeweils mit einem Lautsprecher versehen. Von diesen gehen tiefe Frequenzen (75–84–92 Hertz) aus, die von außen nicht oder kaum hörbar sind. Ihre basslastigen Schwingungen erzeugen Vibrationen, die beim Durchschreiten als pulsierender Raum wahrgenommen werden. Bei „Klangstrahl mit Reflektoren“ (2016) wird ein aus der Mitte einer Parabolschale ausgehender hochtöniger Klangstrahl mittels einer Metallplatte (dem Reflektor) umgelenkt und ist schließlich als „akustisches Bild“ an einer Wand wahrnehmbar, obwohl sich dort keine Schallquelle befindet. Für den Raum von Gustav Klimts Beethovenfries (1902) hat Leitner eine künstlerische Intervention gestaltet, die ähnlich funktioniert. Aus einer installierten Parabolschale werden vier spitztönige Ton-Strahlen an die Decke und in den Raum geworfen.
Für seine Arbeiten greift Leitner auf eine über Jahrzehnte gewachsene Klangbibliothek zurück. Diese umfasst Geräusche, gesprochene Sprache und Aufnahmen akustischer Instrumente, die digital bearbeitet werden. Seine Arbeiten verlangen keine distanzierte Betrachtung, sondern körperliche Präsenz. Der Ton umgibt den Körper und durchdringt ihn zugleich. Dadurch wird die vertraute Trennung von Innen und Außen grundsätzlich infrage gestellt und die Frage, wo der Körper endet und der Raum beginnt, bleibt bewusst offen. Leitners Kunst lädt somit dazu ein, Architektur und Skulptur nicht als statische Formen, sondern als veränderliche Gefüge zu begreifen, die sich mit jeder Bewegung des Körpers und jedem Klangereignis neu formen.
Bernhard Leitner wurde 1938 in Feldkirch (Österreich) geboren und wuchs in Innsbruck auf. Nach seinem Architekturstudium in Wien lebte er mehrere Jahre in Paris, New York und Berlin. Seit Mitte der 1980er-Jahre lebt er in Wien und Gaindorf, Österreich.
Bernhard Leitner
Soundspacesculpture
11.09.–22.11.2026