6. Juni 2019 - 4:56 / Ausstellung / Architektur 
7. Juni 2019 20. Oktober 2019

Bangladeschs Architekturlandschaft ist Masala (bengal. মাসালা) – ein berauschendes Miteinander der Kontraste. In der Delta Region verschwimmen nicht nur die Grenzen zwischen Land und Wasser mit verlässlicher Unregelmäßigkeit. Vergangenes und Heutiges liegen dicht beieinander, durchdringen sich, fügen sich zu etwas Neuem zusammen. Beständiger Zeuge dieses Austauschs ist die Architektur, wie die Ausstellung anhand von 60 Projekten etablierter und aktueller Architekten zeigt.

In diesem flirrenden Strudel der Innovationen treffen vergängliche Bambuskonstruktionen auf monumentale Wände aus Beton brut, verwandeln sich ursprünglich in Ziegel ausgeführte bengalische Gitterornamente (jali) in halb transparente Gewebe, dient das rurale Motiv gebündelter Höfe oder der traditionelle Bautypus des bengalischen Pavillons (chala hut) zur Revitalisierung moderner und weltoffener Städte wie der Hauptstadt Dhaka. Zeit und Raum verschmelzen hier zur erlebbaren Einheit.

Die regionaltypische Architektursprache entwickelte sich zu einem gewichtigen Anteil aus der Auseinandersetzung mit der bengalischen Landschaft, die durch Extreme geprägt ist. Um hier architektonische Lebensräume zu erschaffen, musste ein Umgang mit dem tropischen Klima gefunden werden. Hiervon zeugen heute nicht nur die oftmals zum Außenraum hin geöffneten Gebäude, die den Luftfluss zirkulieren lassen. Der Bau von Schutzhütten vor Wirbelstürmen, flexible Bambusstrukturen die bei Erdbeben nachgeben sowie die auf die Architektur übertragenen Eigenschaften des traditionellen Bootsbaus, die etwa Schulgebäude bei Überschwemmung auf dem Wasser treiben lassen, verweisen auf den konstanten Wandel der Landschaft, mit dem sich die Architekten Bangladeschs auseinanderzusetzen wussten. Ihre Nachfolger machten sich diese Erfahrungswerte zu eigen, indem sie das lang erprobte Wissen in eine zeitgemäße Form überführten.

Aktuelle Bauprojekte wie das Liberation War Monument (Kshiti Sthapati / Rajon Das) oder Dhakas Gulshan Society Moschee (Kashef Chowdhury / URBANA) lassen darüber hinaus eine weitere Inspirationsquelle erkennen, die die bengalische Baukunst zur Mitte des 20. Jahrhunderts schlagartig ins globalisierte Hier und Jetzt katapultieren sollte: Es ist der Kontakt mit der westlichen Moderne, mit Architekten wie Paul Rudolph, Stanley Tigerman und Louis I. Kahn, der die Ästhetik von Beton, Glas und geometrisch puren Formen in die überlieferten Bautypen bengalischer Monumente und der Vernakulärarchitektur einziehen ließ – eine Transferarbeit, die insbesondere durch das Werk des bengalischen Architekten Muzharul Islam geprägt ist, dessen Originalzeichnungen in der Ausstellung erstmals außerhalb seines Heimatlandes zu sehen sind. Insbesondere das 1962 fertiggestellte Parlamentsgebäude Kahns, in dem die lokale Identität als konzeptuelle Grundlage für die monolithische und durch die Landschaft getragene Kubatur seines Gebäudes zum Vorschein kommt, avancierte durch diese Qualitäten zum Symbol der jungen und international orientierten Nation Bangladesch.

Mit Bengal Stream zeigt das DAM eine Ausstellung des S AM Schweizerisches Architekturmuseum, die in Zusammenarbeit mit dem Bengal Institute for Architecture, Landscapes and Settlements, Dhaka produziert wurde. Die Kuratoren Niklaus Graber, Andreas Ruby und Vivane Ehrensberger präsentieren hiermit erstmals die innovative Architekturlandschaft Bangladeschs einem internationalen Publikum. Dem Besucher präsentiert sich ein Panorama an Projekten, die nicht nur auf aktuelle, globale Fragen qualitätsvolle Antworten finden. Sie sind auch Ausdruck einer regionalen Architektursprache, die sich gänzlich unabhängig vom westlichen Architekturdiskurs entwickelte und heute „Weltformat“ erreicht hat.

Der Katalog zur Ausstellung (Christoph Merian Verlag) versammelt alle Projekte und vertieft die in der Ausstellung aufgegriffenen Themen mit Essays der Kuratoren und den lokalen Experten Kazi Khaleed Ashraf, Saif Ul Haque und Manzoorul Islam. Für die Dokumentation der Projekte konnte einer der international bedeutendsten Architekturfotografen, Iwan Baan, gewonnen werden.

Bengal Stream. Die vibrierende Architekturszene von Bangladesch
7. Juni bis 20. Oktober 2019

Deutsches Architekturmuseum
Schaumainkai 43
D - 60596 Frankfurt am Main

T: 0049 (0)69 212-38844
F: 0049 (0)69 212-37721
E: info.dam@stadt-frankfurt.de
W: http://www.dam-online.de/

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  •  7. Juni 2019 20. Oktober 2019 /
Friendship Centre Gaibhanda, Architect: URBANA / Kashef Mahboob Chowdhury  Copyright: Iwan Baan
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SOS Youth Village and Vocational Centre Mirpur, Dhaka, Architect: C.A.P.E / Raziul Ahsan  Copyright: Iwan Baan
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Mohila Samity Complex Dayaganj, Dhaka, Architect: EKAR / Ehsan Khan  Copyright: Iwan Baan
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oom Shed for Amber Denim Gazipur, Architect: Archeground Ltd.  Copyright: Iwan Baan
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Arcadia School Alipur, Keraniganj
, Architect: Saif Ul Haque Sthapati  Copyright: Iwan Baan
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Bait Ur Rouf Mosque Faydabad, Dhaka, Architect: MTA / Marina Tabassum Architects  Copyright: Iwan Baan
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