Begehbare Gedanken aus Keramik

Die Ausstellung "Pot Shop Boyz" im Kunstraum Innsbruck knüpft an die Reihe "Begehbare Gedanken" der Modernen Sammlung der Tiroler Landesmuseen an und fokussiert sich dabei auf die künstlerische Arbeit mit Keramik. Im Mittelpunkt steht das Formbare, das Erdige, das Dauerhafte und zugleich Fragile, im Wesentlichen also ein Medium, das sowohl in der menschlichen Natur als auch in der Kunst tief verankert ist und gleichzeitig eine starke künstlerische Ausdruckskraft hat.

Die Ausstellung verknüpft verschiedenste keramische Techniken und Materialzugriffe miteinander, stellt narrative und skulpturale Ansätze einander gegenüber und formt ein sammlungsübergreifendes Tableau, das sich mit Fragen von Körper, Funktion, Handwerk und Repräsentation beschäftigt. Seit dem 19. Jahrhundert wird keramische Arbeit häufig im Schatten künstlerischer „Hochformen” verhandelt. Sie gilt als funktional, dekorativ, gar häuslich und ist gerade deshalb eine Projektionsfläche für kulturell tief verwurzelte Stereotype über Geschlecht, Arbeit und Wert. Doch die in dieser Präsentation versammelten Objekte entziehen sich bewusst diesen Zuschreibungen: Sie karikieren die Vorstellung von Keramik als bloßem Gebrauchsobjekt und setzen an ihre Stelle eine kritische Selbstreflexion über das Material, seine symbolische Bedeutung und die gesellschaftliche Bewertung handwerklicher Praxis. Die Objekte sind keine „Töpferei“, keine „Gefäße“ im herkömmlichen Sinne, sondern Form gewordene Kommentare, die das Verhältnis zwischen Material, Formgebung und sozialer Erwartung ausloten.

Die Ausstellung zeigt, wie keramische Prozesse als widerständige Strategien fungieren. Verdrehung, Verformung, Brechung, Glasur und Brennung – all das wird hier zum semantischen Vokabular, das Konventionen unterläuft. Die Werke aus zwei Jahrhunderten eröffnen gemeinsam ein Experimentierfeld, in dem keramische Arbeiten zwischen Figuration und Abstraktion, Oberfläche und Tiefe sowie historischer Funktion und zeitgenössischer Bedeutungsproduktion oszillieren.

In ihrer dialektischen Gegenüberstellung bilden die Objekte ein offenes System von Bezügen, ein zirkulierendes Archiv, das sich gegen jedes autoritative Verständnis von Material oder Medium sperrt. Die Keramik wird hier nicht museal konserviert, sondern kontextuell aktiviert. Sie verlässt die Nische des Dekorativen und beansprucht den Raum als konzeptionelle Ausdrucksform mit eigenem epistemischem und skulpturalem Wert.

Die Schau präsentiert sich somit als keramisches Kompendium, als eine „Materialkunde” des Anderen, als ein Palimpsest aus Referenzen, Zitaten, Abdrücken und Transformationen. Die Exponate folgen einer Logik der Intermaterialität, in der Glasur auf Idee trifft, Form auf Kritik und Funktion auf Ironie. Die Ausstellung ist ein offener Resonanzraum, der das Verhältnis von Natur, Kultur und Körper nicht illustrativ abbildet, sondern materiell verhandelt.

Die Werke von Gelatin, Elmar Ottenthal, Michèle Pagel, Karl Pfeifle, Elisa Schober und Rosemarie Sternagl werden erstmals in Innsbruck gezeigt. Sie hinterfragen gängige Vorstellungen von Materialität als kulturelle Codierung. Sie verweigern sich der Differenz zwischen „Kunst” und „Handwerk”, zwischen „hoher” und „angewandter” Form.

Pot Shop Boyz
bis 5. September 2026