Schlangestehen musste ich Anfang Juni vor dem Österreichischen Pavillon in den Giardini der Biennale di Venezia nicht mehr, und ich hatte an diesem Sonntag Glück, hörte Florentina Holzinger höchstpersönlich die Glocke schlagen, sah wie sie im gefluteten Ausstellungsraum mit dem Jetski die Wellen hochschlagen ließ und die überdimensionale – den Pavillon durchbohrende – Wetterfahne hochkletterte. Eine Woche zuvor erlebte ich sie am Platz des Wiener Eislaufvereins anlässlich des Pfingstspiels – das sie für die Wiener Festwochen entworfen hat – bei einer Schleuderfahrt wie eine Amazone am Auto stehend, und die – mit der Halterung durch ihre Wangen gestochene – Sprühkerze zünden. Als weiteres Satellitenprogramm zu ihrem Biennale Beitrag „SEAWORLD VENICE“ folgte nun die „Bodensee Étude“ in Bregenz bei den Sunset Stufen am Molo. Das Kunsthaus Bregenz lud im Vorfeld zum Pressetermin mit Interview von Florentina Holzinger und Direktor Thomas D. Trummer.
Trummer: Deine Études sind einmalige, ortsspezifische Performances, in denen die Themen und Elemente für die großangelegten Inszenierungen vorbereitet und entfaltet werden. Du hast dich jahrelang intensiv mit dem Element Wasser beschäftigt – was fasziniert dich daran?
Holzinger: Das Wasser hier war der eigentliche Grund warum wir uns interessiert haben mit euch gemeinsam etwas zu machen, weil es für uns eine Möglichkeit ist, die Venedig Themen raus in die freie Natur zu bringen. Venedig ist eine sehr artifizielle Area und es bedeutet noch einmal ganz etwas anderes, mit dem natürlichen Wasser zu interagieren. Der Bodensee ist halt sehr speziell, da gibt es interessante Narrative zu bergen, aber nicht nur Narrative, da ist ja auch ein Schiffswrackfriedhof usw. Aber es liegt hier nicht nur vieles begraben, da ist sicher auch vieles lebendig, und mal schauen, was wir zutage befördern.
Trummer: Im Theater oder im Ballett geht es ums Heben und Senken, und das übersetzt du auf unseren Pontons?
Holzinger: Ja definitiv, es geht schon um ein Bergungsszenario, da wird auf jeden Fall etwas geborgen, und das ist eine Aufwärtsbewegung – aber: what comes up, needs to come down – deswegen werden da sicher auch Sachen plumpsen. Das sind wesentliche antagonistische Kräfte, das Up und das Down, und natürlich für mich als Tänzerin sehr interessant ist dieser Umgang mit der Schwerkraft.
Trummer: Die Schwerkraft in den Körpern, in den Gegenständen, aber auch in der Maschinerie. Sehr schweres Gerät kann man ja jetzt schon sehen, da gibt es diese Ponton Bühne, darauf steht ein Kran, sozusagen Heavy Metall.
Holzinger: Ja, sowieso, und das ist auch unsere Herangehensweise an Etüden, dass wir uns mit einem Raum / Ort sehr spezifisch beschäftigen: Da sind gewisse Eigenschaften des Bodensees, also die Tiefe, es gibt diese Nebelentwicklung, das ist ein Glazialsee und auch der Trinkwasserspeicher. Wir beschäftigen uns aber auch mit der Infrastruktur, die an den Orten vorzufinden ist, wir sehen ja, was jetzt passiert: da ist diese Riesenbühne der Festspiele, da baden auch viele Leute, viele Kids und auch viele Rentner. Und dann gibt es noch Leute die arbeiten, um das alles zu bewerkstelligen, da braucht es auch viel Maschinerie. Und Ihr habt ja nicht mit einem Auge gezwinkert, als wir sagten: und wie ist das mit Kran, und wie ist das mit Helikopter … die sieht man ja ständig hier, diese Kräfte wollen wir auch in den Fokus stellen.
Trummer: In Venedig gab es zur Eröffnung ebenfalls in der Lagune eine Etüde. Warum nennst du deine Satellitenperformances Etüden?
Holzinger: Gute Frage, viele Gründe. Es gibt halt immer was zu üben, und nie ist irgendwas fertig geübt. Das ist die Realität, natürlich speziell auch aus dem Tanz kommend, das ist eben die künstlerische Arbeitspraxis. Wann ist etwas fertig genug, dass es verdient auf der Bühne zu sein, oder es verdient auf der Biennale zu sein, oder es verdient hier bei euch zu sein?
Trummer: Und es ist eine körperliche Übung, nicht wie bei Chopin "nur" in den Fingern.
Holzinger: Aber es geht ja nicht per se um Virtuosität oder um Fitness zwangsläufig. Was wird nicht alles geübt – was gar nicht augenscheinlich und gespotlighted ist. Zum Beispiel üben vom Boden wegzukommen, das braucht eine ordentliche Kraft … also alles kann im Endeffekt geübt werden. Ich habe selber als Kind viel Klavier gespielt und fand es recht langweilig die Etüden auf und ab zu spielen …. Ah, jetzt sehen wir diesen Zeppelin! [wir befinden uns im Panoramaraum des Vorarlberg Museums] Oder? Aus dieser Perspektive sieht es aus wie ein Ballon … ja, als Kind fand ich das sehr zäh, aber ich spüre, dass dies strukturell wirklich das Interessante ist, nicht zwangsläufig die Symphonie … ich arbeite extrem gerne mit Chopin Etüden. Doch wer meine Arbeit kennt, der weiß – ich liebe auch die große Symphonie! Aber beides steht für mich in derselben Hierarchie, das Eine würde nicht existieren ohne das Andere, und es muss wirklich exerziert werden.
Trummer: wir haben am Bodenseeufer Postamente aufgebaut, zwei mit riesigen Verstärkeranlagen und an vier sitzen Percussions-Performerinnen. Wie wichtig ist dir die Live Musik?
Holzinger: Ja, wir haben es wirklich deswegen Etüde genannt, weil dies an sich eine großangelegte musikalische Komposition ist. Das ist das Essentielle, es geht nicht darum nur Theater zu machen, es bedeutet auch, dass der Körper eine Art Instrument ist, also ich meine, der Körper ist da, um den Paukenschlag zu vollbringen – so wie der Körper in einer Glocke.
Trummer: Bei deiner Arbeit gibt es ja diese Schnittstellen zu verschiedenen Genres: zur Oper, Performance, zum Theater, zur Unterhaltung, zur cineastischen Wahrnehmung. Da draußen kommt noch etwas dazu – die Naturwahrnehmung.
Holzinger: Ja, ich denke, das ist im Gegensatz zum Theater so spannend, dass viele Elemente choreografisch dazu kommen – wie zum Beispiel jetzt, wenn dieser Zeppelin vorbeischwebt, obwohl ich damit nichts zu tun habe … – und sie sind Teil davon, nämlich der unkontrollierbare dieser Inszenierung. Nicht nur die Natur spielt mit, sondern auch die Badenden am Strand, die Leute, die da sowieso immer sind. Ich muss sie nicht bezahlen, ich mein, that´s amazing!
Trummer: Wir alle sind schon gespannt. Allein der Aufbau, das schwere Gerät und diese Präzision, wie ihr arbeitet, wie ihr euch mit den Performerinnen vorbereitet, das alles ist sehr, sehr faszinierend, dass wir das miterleben dürfen hier in Bregenz – ein großes, großes Geschenk, Danke!
Weitere Fragen: Bei der Etüde am Wiener Eislaufverein zog die Performerin das Auto mit Befestigungen am nackten Körper auf den Betonplatz, wie ist das möglich?
Holzinger: Okay, also das ist eine technische Frage, richtig? Und auch eine Frage, die sich sehr an das Arbeitsgeheimnis anlehnt – aber lustigerweise gibt es da kein Arbeitsgeheimnis! Weil genau das, was Sie gesehen haben, das passiert da auch. Es braucht einen gewissen Enthusiasmus einer Person, ein Auto hinter sich herzuziehen. Und natürlich Übung.
Frage: Wie kam es eigentlich zu dieser „Bodensee Étude“?
Holzinger: Ich weiß nicht mehr … wir haben telefoniert, und innerhalb von zwanzig Sekunden war alles klar …
Frage: Und wer hat denn angerufen, bei dem ominösen Telefonat?
Trummer: Ich war es nicht.
Holzinger: Ja, ich habe in der Vorbereitung für Venedig sehr, sehr viele Leute angerufen, und auch an viele Türen geklopft, und so hat sich das ergeben … natürlich hat mich der Bodensee schon sehr fasziniert, den ihr da vor der Türe habt!