23. Dezember 2019 - 4:26 / Ausstellung / Fotografie 
7. Dezember 2019 16. Februar 2020

Die thematische Ausstellung "Because the Night" widmet sich dem verheissungsvollen Motiv der Nacht. Anhand fotografischer Werkkomplexe von Bieke Depoorter, Georg Gatsas, Thembinkosi Hlatshwayo, Bárbara Wagner und Benjamin de Burca sowie Tobias Zielony wird das Geschehen jener besonderen Stunden in unterschiedlichen (sozio-)kulturellen und topografischen Settings gezeigt. Die vielen Facetten des Nachtlebens, die visuellen Sprachen verschiedener Musikszenen und die Ausdrucksweisen einzelner Subkulturen spielen dabei eine zentrale Rolle, ebenso wie die dunkle Tonalität und die spezifische Beleuchtung, die die geheimnisumwobene Atmosphäre der Nacht widerspiegeln.

Ausgehen, sich in die tanzende Menge stürzen, einige Stunden dem Alltag entfliehen und sich seinen Sehnsüchten hingeben: Für viele sind Clubs und Bars Orte der Freiheit, des Eskapismus und der Unterhaltung. Der Thrill ihres Besuchs beruht jedoch auch darauf, dass dort eigene Regeln gelten, die sich oft in Grenzüberschreitungen und exzessivem, manchmal gar gewalttätigem Verhalten äussern. Gleichzeitig sind sie genauso Zufluchtsorte und geschützte Räume, innerhalb derer (geheime) Identitäten verhandelt oder ausgelebt werden, wo sich Subkulturen und Gemeinschaften abseits des Mainstreams und normierter gesellschaftlicher Wertvorstellungen frei entfalten können.

Die Ausstellung "Because the Night" präsentiert Arbeiten von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca, Tobias Zielony und Georg Gatsas, die die mit dem Nachtleben verbundenen komplexen Beziehungsgeflechte sowie deren soziale Wertsysteme und politische Verortung betrachten. Diese treten in einen Dialog mit den radikal persönlichen Perspektiven von Bieke Depoorter und Thembinkosi Hlatshwayo, die einen intimen Einblick in die nächtlichen Aushandlungsprozesse des Selbst mit seiner Umwelt geben. Die präsentierten, internationalen Positionen sind Spiegel einer jüngeren Künstler_innen-Generation, die sich inmitten gegenwärtiger Umbrüche und komplexer, durch politische Prozesse aufgeladener Zustände bewegt und diese vorbehaltslos dokumentiert.

Bei einem Aufenthalt in der Ukraine zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 traf der deutsche Fotograf Tobias Zielony (*1973) auf die Underground Queer- und Techno-Szene in Kiew. Diese hatte sich im Nachhall der Euromaidan-Revolution 2013/2014 herausgebildet. Der Titel von Zielonys Arbeit – Maskirovka – beschreibt eine Tradition der russischen Kriegstaktik: Die Täuschung. Er hebt auf die sogenannten "grünen Männer" ab, russische Spezialeinheiten, die die Krim besetzten und die pro-russischen Streitkräfte in der Ostukraine unterstützten und ihr Gesicht hinter grünen Sturmhauben verbargen. Masken waren zudem ein wichtiger Schutz für die Maidan-Protestierenden sowohl vor dem eingesetzten Tränengas als auch zum Verbergen ihrer Identität vor den Behörden. Nicht zuletzt erlaubt die Maske den Menschen, sich abzuschirmen. Zielonys insgesamt 42 angefertigte Fotografien sowie ein Animationsfilm, zusammengestellt aus 5’400 Einzelbildern, bilden eine visuelle Kakophonie des Euromaidan, die er auf der Strasse und im Club eingefangen und mit Material aus Nachrichtenberichten über Kiew verwoben hat. Die vielschichtige Realität eines Landes im Umbruch wird über eine Gemeinschaft erzählt, die den symbolischen und politischen Raum ihrer Umgebung neu zu besetzen versucht und im Schutz der Nacht ihren Freiraum findet.

In seiner Serie Slaghuis (Schlachthaus oder Massaker) konfrontiert uns der südafrikanische Fotograf Thembinkosi Hlatshwayo (*1993) mit der Problematik des Aufwachsens in einem sogenannten Shebeen, einer illegalen Taverne in einem Township in Johannesburg. Seine fotografischen Collagen und mehrheitlich minimalistischen Kompositionen bilden Erzählsplitter, die in ihrer dichten Anordnung einen Eindruck vermitteln, wie schwierig es sein muss, wenn das eigene Zuhause nicht mehr als sicherer Zufluchtsort funktioniert, sondern zum Austragungsort nächtlicher Unbeherrschtheit und Brutalität wird. Hoher Alkoholkonsum gepaart mit überaus anspruchsvollen sozialen Bedingungen und die nicht zuletzt dadurch verursachte hohe Gewaltbereitschaft bilden ein toxisches Gefüge, welches die Nächte des Künstlers über Jahre hinweg prägten. Parallel zu den fast menschleeren Bildern, die Spuren der Ausschreitungen wie zerbrochene Flaschen zeigen, lässt uns Hlatshwayo an seinen inneren Konflikten, dem Gefühl des Ausgeliefertseins und der damit verbundenen Sprachlosigkeit über kurze niedergeschriebene Gedankenströme teilhaben. So wird das Un-Erzählbare der Nacht im Dialog von Bild und Text erlebbar.

Bei der Betrachtung von Georg Gatsas Werkzyklus Signal The Future begleiten wir verschiedene Protagonist_innen der Londoner Clubszene ab 2008, kurze Zeit nachdem das britische Musikphänomen Dubstep international auf Anerkennung stiess. Schnappschüssen gleichende Porträtaufnahmen der Clubgänger_innen vor Backsteinmauern und Gruppenaufnahmen von sich dem basslastigen Sound völlig hingebenden Tänzer_innen treffen auf architektonische Perspektiven der Metropole bei Nacht. Neben dem Einfangen einer dynamischen, ethnisch vielfältigen Gemeinschaft, die über die Musik eng verbunden ist, erzählen die Bilder auch die Geschichte einer Stadt im Wandel. Die Strassen des Südlondoner Stadtteils Brixton sind heute längst nicht mehr dieselben wie Ende der 2000-Jahre. Mittlerweile ist das Viertel weitgehend gentrifiziert; das Rohe, Unverbrauchte ist grossen lukrativen Immobilienprojekten gewichen, Szenen haben sich von Subkultur zum Mainstream weiterentwickelt oder ganz aufgelöst.

In ihrer Videoarbeit Estás Vendo Coisas’ (You Are Seeing Things) befasst sich das Künstler_innen-Duo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca mit der brasilianischen Popmusikbewegung Brega. Als Brega wird üblicherweise Musik bezeichnet, die sich durch oftmals dramatische Übertreibungen sowie gefühlvolle Texte auszeichnet und daher mit eher schlechtem Geschmack assoziiert wird. Nichtsdestotrotz muss die Bewegung rund um Brega als komplexes sozio-ökonomisches Phänomen verstanden werden, das sich durch aufwändige Produktions- und Vertriebsmethoden auszeichnet. Das Format des Musikvideos spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Eine neue Generation von Popkünstler_innen, die in den Randgebieten des Nordostens Brasiliens tätig sind, erhalten eine Stimme, wirken als Vorbilder und entwickeln hohes Identifikationspotenzial. Der Film wurde mit aktuellen Mitgliedern aus der Szene gedreht und folgt zwei Hauptfiguren – einem Friseur und abends als MC Porck bekannten Musiker und der Feuerwehrfrau und Sängerin Dayana Paixão – auf dem Weg vom Studio zur Bühne. In der Dunkelheit des Nachtclubs treffen Melodien über Liebe und Erfolg auf expressive Gestik und grelle Farben – ein Musical der anderen Art.

Bieke Depoorter lernte Agata 2017 während eines zweiwöchigen Aufenthaltes in einer Stripteasebar in Paris kennen und machte sie daraufhin zur Protagonistin ihrer gleichnamigen, bis heute laufenden Fotoserie. In der Annäherung zwischen der Fotografin und ihrem Subjekt entfaltet sich eine Geschichte, die mal dokumentarisch, mal fiktional anmutet. Die Nacht wird dabei zum prägenden Moment, das immer wieder Begrenzungen und zwischenmenschliche Aushandlungsprozesse sichtbar macht. Überall dort, wo Nähe spürbar wird, ist die Distanz nicht weit. Die Stärke des Dialogs zwischen Bieke und ihrer Muse Agata spielt sich im Verborgenen ab: Wer blickt wen an, wer fühlt sich von wem mehr angezogen, was ist spielerische Auseinandersetzung miteinander und was bedeutet der Ernst des kamerabegleiteten Blicks? In Kombination mit persönlichen Notizen werden die Bilder zu einer intimen Reise in die gemeinsam durchlebten Nächte und damit verbundene Gefühlswelten. Bieke und Agata sind sich einig: über das fotografische Porträt lernt sich Agata besser kennen – nach der über zweijährigen Zusammenarbeit hat sich allerdings auch die Rolle der Fotografin mit verändert.

Because the Night
7. Dezember 2019 bis 16. Februar 2020

Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
CH - 8400 Winterthur

T: 0041 (0)52 234 10 34
F: 0041 (0)52 233 60 97
E: fotomuseum@fotomuseum.ch
W: http://www.fotomuseum.ch/

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Bieke Depoorter, Agata, 2017. (c) Bieke Depoorter / Magnum Photos
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Bieke Depoorter, Agata, 2017. (c) Bieke Depoorter / Magnum Photos
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Bieke Depoorter, Agata, 2017. (c) Bieke Depoorter / Magnum Photos
Bieke Depoorter, Agata, 2017. (c) Bieke Depoorter / Magnum Photos
Thomas Zielony, Apartment, 2017, aus der Serie Maskirovka; (c) Tobias Zielony. Mit freundlicher Genehmigung von Tobias Zielony und KOW, Berlin
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Thomas Zielony, Lesha, 2017, aus der Serie Maskirovka; (c) Tobias Zielony. Mit freundlicher Genehmigung von Tobias Zielony und KOW, Berlin
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Thomas Zielony, Mask, 2017, aus der Serie Maskirovka; (c) Tobias Zielony. Mit freundlicher Genehmigung von Tobias Zielony und KOW, Berlin
Thomas Zielony, Mask, 2017, aus der Serie Maskirovka; (c) Tobias Zielony. Mit freundlicher Genehmigung von Tobias Zielony und KOW, Berlin