In der Wiener Staatsoper zählt der Rosenkavalier zu den am häufigsten gespielten Werken, im Linzer Musiktheater steht diese Oper erstmals auf dem Spielplan. Hochkarätig das Bruckner Orchester, genauso die Sängerinnen und Sänger, aber die prächtige Inszenierung des Intendanten Hermann Schneider weist so manche Regiefehler auf.
Linz hat sich ein neues Musiktheater geleistet. Obwohl, neu ist relativ, es wurde 2013 eröffnet, geplant vom Londoner Architekten Terry Pawson, fand am bahnhofsnahen Volksgarten einen guten Standort, bleibt jedoch räumlich im großen Foyer und der Erschließung einiges schuldig, wiewohl die Akustik hervorragend sein soll. Hervorragend ist jedenfalls, was aus dem Orchestergraben tönt, der Chefdirigent Markus Poschner hat das groß besetzte Bruckner Orchester in hoher und bewährter Klangqualität gestimmt, die Aufführung am Sonntagnachmittag dirigierte der junge Kapellmeister Ingmar Beck.
Liebe, Vergänglichkeit, gesellschaftliche Stellung und Konvention, darum geht es im Rosenkavalier: Die Marschallin wird ihren jungen Liebhaber Octavian loslassen, der sich in Sophie verliebt hat. Diese wäre ja eigentlich Baron Ochs versprochen, doch nach einer heftig intriganten Farce gibt es das Happy End für das junge Paar. Hermann Schneiders Inszenierung fokussiert – durchaus werkgerecht – auf den unaufhaltsamen Fluss der Zeit und den Generationenwechsel. Die drei Aufzüge bieten eine Zeitreise durchaus an: vom im Libretto vorgesehenen Rokoko der Zeit Maria Theresias – für die Bettszene der Fürstin mit ihrem Quinquin, die vom polternden Baron Ochs unterbrochen wird und im morgendlichen Gewusel des Levers gipfelt – über das Fin-de-Siècle – im Stadtpalais der reichen Faninals, mit der Überreichung der silbernen Rose – bis zum modernen Nachtclub-Ambiente für den Eklat, den der als Mariandl verkleidete Octavian veranstaltet. Ein nachvollziehbares Konzept.
Stimmig also der erste Akt, wenn die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff als Feldmarschallin Fürstin Werdenberg dann tiefberührend die so berühmte, wehmütige Arie von der Vergänglichkeit singt. Nach der Pause und ein Jahrhundert später, die Brautwerbung des Rosenkavaliers (Manuela Leonharsberger), nicht besonders feierlich und ohne dem den offiziellen Anlass entsprechenden „Publikum“. Der Baron Ochs von Lerchenau, alias Michael Wagner, gibt seine weltbekannten Walzer-Liebesarien mitreißend wieder, die Musik privilegiert ihn zum Star, die Rolle jedoch zum grabschenden, übergriffigen, respektlosen Rüpel. Aber muss es deswegen zu einer Fast-Vergewaltigung der Braut (Morgane Heyse) vor den Augen des Vaters, Herrn von Faninal (Alexander York), kommen? Ein grober Regiefehler, den man noch auszublenden vermag, die gesanglichen Leistungen sind zu gut!
Doch wenn im dritten Aufzug vor dem ohnehin schon langem Strauss´schen Intro ein ebenso langes, von einem DJ (Christine Hinterkörner) dargebrachtes elektronisches ertönt, und Baron Ochs mit dem Rollator in den Techno-Club hereinschlurft, untergräbt das jede dramaturgische Logik. Es ist zwar nachvollziehbar, dass nur Marie Theres, die Marschallin, und der Ochs auf Lerchenau altern, doch diese unfreiwillige Komik darf nicht auf Kosten von alten Mitmenschen gehen! Und vor allem funktioniert die Geschichte nicht mehr, denn dem Ochs wird übel mitgespielt und plötzlich wird das furiose, bunte Treiben zu einem Mitleid evozierenden Akt, über den die Zuschauerin nicht mehr hinwegkommt und abgelenkt ist. Zumindest bis zum Finale, wenn die Marschallin im roten Porsche vorfährt und dem jungen Liebespaar ihren Segen gibt. Ein Finale, das von den drei Sängerinnen und dem Orchester herzergreifend, himmlisch, fast schon unerträglich kitschig dargeboten wird. Was für wunderschöne Musik hat Richard Strauss komponiert, und denkwürdig ist die Oper zudem. Hugo von Hofmannsthal schrieb wenige Wochen nach der Uraufführung 1911 an den Komponisten: „Sie fragen mich, was es mit der Verwandlung auf sich hat, denn Sie fühlen: Hier ist der Lebenspunkt für das Ganze … Verwandlung ist Leben des Lebens, ist das eigentliche Mysterium der schöpfenden Natur; Beharren ist Erstarren und Tod. Wer leben will, der muss über sich selbst hinwegkommen, muss sich verwandeln; er muss vergessen.“
Richard Strauss | Der Rosenkavalier
Komödie für Musik in drei Aufzügen
Text von Hugo von Hofmannsthal
Bruckner Orchester Linz
Musikalische Leitung: Markus Poschner; Nachdirigat: Ingmar Beck
Inszenierung: Hermann Schneider
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Meentje Nielsen
Dramaturgie: Christoph Blitt
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Erica Eloff
Der Baron Ochs von Lerchenau: Michael Wagner
Octavian, ein junger Mann aus großem Haus: Manuela Leonhartsberger
Herr von Faninal, ein reicher Neugeadelter: Alexander York
Sophie, seine Tochter: Morgane Heyse
Chor, Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz (Leitung: Elena Pierini)